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Wien | 19.12.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 51, Mittwoch.
 
 
 
 
Mr. Campbells Tirade und der Streit um die Multikulturalität.
 
Seit ein paar Tagen trage ich eine Journal-Geschichte für die letzte Woche, wo alles in Jahresrückblicken schwelgt, mit mir herum. Arbeitstitel: "Langweilige Lieblingsband des Jahres". Weil es natürlich keineswegs originell ist ausgerechnet Bloc Party super zu finden, weil's eh jeder tut, weil's eh offensichtlich ist.
Fürwahr. Warum aber sollte ich so tun, als hätte mich irgendetwas ganz neu Entdecktes unglaublich umgeworfen, wo ich mich aus dem Front-Business des "ganz neu entdecken" ja bereits seit Jahren zurückgezogen habe, weil das die jungen Kollegen viel besser machen? Eben.
Also erlaube ich mir die Tatsache, dass "A Weekend in the City", das zweite Album der Bloc Party ein ungeheuerer Sprung ist, vom ersten auch grandiosen im Fahrtwind von Franz Ferdinand segelndem Werk zu etwas, was sie in Gefilde vorschießen ließ, die kein anderer befährt dieser Tage.
Sowas ist ohnehin selten, für den schwierigen Zweitling ist das fast sensationell.
Außerdem ist "The Prayer" mein Stück des Jahres, nicht das objektiv beste oder gar wichtigste, aber das, das mich persönlich am direksten angesprochen hat.
Und ich kann der neuen, Flux, seit Wochen nicht entkommen, das Stück seppelt hinter mir her und holt mich ein und will mit mir tanzen und ich lass es geschehen.

 
 
So wollte ich argumentieren,
  rund um diese obvious choice, mit diesen Bildern und noch mit einem Verweis auf das unfassbare Video zu The Prayer. Und dann wollte ich, ganz en passant, noch auf etwas anderes hinweisen, das ich - neben Musik und Gefühl und Optik - auch noch an Bloc Party schätze.
Ich mag es, wenn Bands nicht monochrom aufgestellt sind; ich bin tatsächlich so multikulti-sozialromantisch, dass es mir taugt, wenn neben einem Moakes und einem Lissack auch ein Tong und ein Okereke dabei sind.

Mir ist schon klar, dass es sich wie bei jeder Band um ein Produkt eines spezifischen Milieus handelt, das in sich genauso abgeschlossen sein kann wie ein rigider dörflicher Kosmos. Mir ist schon klar, dass es an sich kein Wert ist, wenn z.B. eine Band an einer internationalen Schule entsteht, die von speziellen Bildungs-Schichten beschickt wird. Mir ist schon klar, dass Hautfarben oder Heritages per se keine Indikatoren für Toleranz, Verbrüderung oder internationale Vernetzung sind.
Trotzdem taugt mir sowas, ganz leise.

Am 'Wie' dieses nebenbei Hinzuwerfenden hab ich seit Tagen ein wenig gearbeitet, um genau diesen Missverständnissen zu entgehen.

Und nun finde ich in den Mails, die ich zuletzt vom Herrn Fischbacher bekommen habe, just heute, wo ein bisschen Zeit war sich diese Text- und Link-Wüsten ein wenig genauer anzuschauen, eine hochinteressante Entsprechung, oder besser etwas Weiterführendes.

 
 
Einer dieser Links nämlich
  führt zu einer Aussage von Ali Campbell, seines Zeichens Sänger der englischen Reggae-Band UB 40 aus Birmingham.

Die waren, ehe sie mit gefälligen Covers große Hits ("I Got You Babe", "Red Red Wine" etc.) einfuhren, eine zentrale und zornige politische Kraft der im Kampf gegen den Thatcherismus in den 80ern vereinten musikalischen Opposition. Dieses Engagement hat sich auch nach den Erfolgen, die ins musikalisch eher Seichte führten, nicht geändert.

UB40, die sich bekanntlich nach der Nummer eines Arbeitslosen-Formulars benannt hatten, thematisierten und thematisieren immer und immer wieder politische und soziale Issues, und leben ihre Gemeinschaft auch vor: die acht Gründungsmitglieder sind immer noch zusammen, ihre multiethnische Ausrichtung (mit Ursprüngen aus England, Schottland, Irland, Jamaica und dem arabischen Raum) hat keine Kratzer abbekommen.

Das ist wichtig um das was Alistar Campbell aktuell zu sagen hat richtig einzuordnen. Das klingt nämlich auf den ersten Blick ein wenig wirr oder irr und erschließt sich erst nach und nach.

 
 
Ali Campbell,
  der sowohl ein Solo-Album als auch die aktuelle UB40-Tour in Interviews promotete, rastete nämlich kürzlich aus.

Hip-Hop hat England zerstört und wahrscheinlich viel von Europa. Wir haben vom Hip-Hop die amerikanische Art der Rassentrennung übernommen. Amerika ist das am meisten ausgrenzende multirassische Land der Welt. Es ist multirassisch, aber nicht multikulturell. Es ist extrem rassistisch und Hip-Hop hat das befördert.

Wenn man vor 27 Jahren durch Birmingham gegangen ist und acht Jugendliche herausnahm, dann sah das wie UB40 aus: eine Mischung aus Arabern, Jamaikanern, Engländern, Iren und Walisern. Heute hätte man acht schwarze Kinder, acht Asiaten oder acht Somalier. Sie haben sich alle in ihre rassischen Gruppen aufgeteilt. Es ist genau das Gegenteil, was wir damals erhofften: Dass wir eine neue multirassische Gesellschaft werden.

Wir empfinden das so: Was unsere schöne neue Regenbogen-Nation werden sollte, ist heute nur noch ein Haufen Mist. Hip-Hop hat Medien und Entertainment-Welt im Würgegriff. Er wird seit 15 Jahren gehört, und alles in ihm gründet auf Rasse. So einfach ist das! Er ist frauenfeindlich, schwulenfeindlich und rassistisch. Du kannst so cool und streety sein, wie du willst, aber ich denke, es hat eine Generation von Jugendlichen zerstört.


 
 
Wenn man Campbells seltsame Wut
  auf Hiphop da raussubtrahiert und einmal keinen direkten Adressaten für die Schuld an dieser Gegenwart annimmt - denn der Rassismus, von dem da die Rede ist, könnte auch andere Wurzeln haben als eine in England nur per Musik-TV existente, künstliche Kultur, die sich mittlerweile im Übrigen längst als integrativer Teil des kapitalistischen Systems begreift, von dem sie gierig absorbiert wurde - dann haben wir dennoch eine interessante Beweiskette.

Die von Campbell erwähnte Rassentrennung ist kein ur-amerikanischer Impetus: sie wird durch bewusste Ghetto-Bildungen der Marke Sarkozy, durch aus Hilflosigkeit entstehende Ghettos der Marke Berlin, durch islamistischen Fundamentalismus, durch angewandte Rechts-Populismus und durch dutzende andere lokale, regionale, europaweite und globale Phänomene befördert und unterstützt.

Ob das Projekt Multikulti, dem sich UB40 selbstverständlich verpflichtet fühlen, wirklich gescheitert ist, lässt sich anhand von Mikro-Beispielen wie dem anfänglichen Exkurs zu Bloc Party nicht so recht sagen. Dort findet das, was bei UB40 laut und selbstbewusst vorgetragen werden musste um wahrgenommen und akzeptiert zu werden, mittlerweile ganz selbstverständlich statt.

Aber es ist, wie gesagt, eine Frage des Milieus.
In den Einwanderer-Ghettos, da wird Campbell schon recht haben, hat sich die Relation verschoben: Es geht nicht mehr um "wir Unterprivilegierten gemeinsam gegen die da oben", sondern um Segregation in Herkunfts-Gruppen.

Dass das sowohl den Gegnern als auch dem Markt-Beackerer gut gefällt, keine Frage.

 
 
Insofern ist die Pöbelei
  gegen HipHop auch nicht ganz unberechtigt.
Dort (in Szene, Medien, Umfeld) hat man sich in den letzten Jahrzehnten zum willfährigen Kasper von simplen Markt- und Machtspielen machen lassen, egal ob roots-related wie bei der Bekleidungs-Industrie und den eigenen "Modelinien" oder völlig absurd wie zuletzt mit der leise vertrottelten Cognac-Mode.

Natürlich hat HipHop weder "Medien noch Entertainment-Welt im Würgegriff", sondern ist maximal der nützliche Idiot, der da vorgeführt wird, als konsumistisch-hedonistischer Kleiderständer. Und natürlich als Macho, der sich seit Superfly-Zeiten geistig nicht weiterentwickelt hat - denn die Education-Fraktion kann nur in Teilbereichen Teilerfolge erzielen; der große Rest gehört 50 Cent und Konsorten.

Und dass simple Gemüter anfällig für simple Ideologien (dem von Campbell erwähnten abgrenzenden Rassismus, der Schwulen- und Frauenfeindlichkeit etc.) sind, ist keine neue Erkenntnis. Dass das derzeit mangelnde Bewusstsein von einer geschickt agierenden Entertainment-Industrie noch gefördert wird, versteht sich ebenso.

Pauschal-Schuldzuweisungen machen natürlich wenig Sinn, sie können maximal dazu dienen, zumindest Bewusstsein innerhalb diskursiver Zirkel zu bilden, die sich in solchen Fragen gerne handzahm zurückhalten, weil man Kritik wie dieser immer mit dem Totschlagargument des Rassismus entgegnen kann und der Hosenschisser-Faktor sich dieser Gefahr auszusetzen recht hoch ist. Deshalb ist allein der Mut Campbells eine (aus Scham über eigene vergangene Irrtümer) totgeschwiegene Problemzone anzusprechen, durchaus zu unterstützen. Egal zu welcher Erkenntnis man auch kommen mag.

 
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