Hierzulande, wo US-Phämonene gern ein wenig verquer rezipiert werden (jüngstes Beispiel hier) oder manchmal auch für Transatlantiker unverständlich rüberkommen, mag das aktuelle Spin-Cover ein wenig überraschen.
Da sind Win Butler, Chef der prägenden Band der letzten Jahre, Arcade Fire, und Bruce Springsteen, immer noch so eine Art gefühlter Gewerkschafts-Boss der ARGE Rock, zu einem Doppel-Interview versammelt.
Und zwar ganz ohne Berührungs-Ängste.
Weil es nämlich nur in unserem europäischen Musikwerteverständnis notwendig ist zwischen alter und neuer Pop-Musik unterscheiden, oder besser: trennen zu müssen.
Das Denken der Menschen, die in der neuen Welt Musik machen, hingegen ist seit jeher ein aufbauendes, das eine weite Akzeptanz für andere Bereiche als den ureigensten hat.
Das ist etwas, was sich über die Jahre z.B. immer wieder in unerwarteten Springsteen-Huldigungen äußert, die man so erlebt; entweder öffentlich, durch Covers wie eben z.B. Arcade Fire oder in privaten Momenten, wenn dich ein völlig enthemmter Jeffrey Lee Pierce zutextet.
An der Springsteen-Rezeption lässt sich eine Menge festmachen, innerhalb der Musikszene drüben wie auch hüben (wiewohl diese Umkehrung ja jetzt sprachlich einem Prinzip widerspricht, das ich gestern auf der Gusenbauer-Maschek-CD gelernt habe - wie hieß das noch? egal).
Butler und der Boss,
und das ist das spezielle an diesem Gespräch, schleimen sich nicht gegenseitig an, auf dass die Falschheit nur so triefe wie schlecht gelagerter Ahornsirup, sie erweisen einander Respekt und sind gemeinsam klüger als einzeln (was gute Duette ja auszeichnet und so schwierig macht, nicht nur künstlerisch, in jeder Lebenssituation). Und das nicht nur, weil sie ein paar Tage nach diesem Gespräch ein gemeinsames Konzert spielen.
Zuerst gleichen die beiden ihre Tour-Situation ab - mit großer Band, sehr familiär, beide auch mit ihren Lebensgefährtinnen.
Dann sagt Springsteen folgendes über Arcade Fires Live-Act: There's a furious aspect to the performance, and that's why people come out - you're recognizing the realities of people's emotional lives and their difficulties, you're presenting these problems, and your're bringing a survival kit. The bands that do that forge intense, intense relationships with their audience, and to me, that was always the core of the best of rock'n'roll.
Dann erzählt Butler von seinem Opa, einem Jazz- Bandleader, der nichts von Rockmusik hielt, aber einmal, als er Springsteen im TV sah, zum kleinen Win sagte: I don't like the music, but I get why people do. Der große Win weiß, dass das ein guter Satz ist, der Kern des Verständnisses, das ich ganz zu Beginn angesprochen habe, ein Verständnis, das die Einwohner der Rock-Nation USA haben, eines, das wir uns mühsam erarbeiten müssen.
Dann sprechen sie
übers katholische Element, das bei Arcade Fire so klar und bei Springsteen so verdeckt ist, und dann zitiert Butler George Orwell: in a time of universal deception, telling the truth is a revolutionary act. Auch ein guter Satz, ein immer gültiger und heute wieder sehr wichtiger.
Und dann sagt Springsteen, eher nebenbei, den besten Satz des Jahres. Es geht um Musik, aber ich denke, es gilt für alles. Er sagt: You're no longer imprisoned by your times. Er meint damit die neue Freiheit nicht in einer linearen Competition stehen zu müssen, wie das - vor allem in der Rock-Rezeption - immer der Fall war.
Das ist deshalb der beste Satz des Jahres, weil er Entscheidendes prägnant zusammenfasst und weil er virulentes Wissen bündelt.
Es ist tatsächlich in gar vielerlei Hinsicht so, dass Musik heute (und schon seit Jahren) nicht mehr von der Zeit, in der sie geschaffen wird, abhängig ist.
Das hat mit der enormen stilistischen Diversifikation zu tun, mit immer mehr und deutlicher ziselierten Sub-Genres, die jedes für sich eine eigene Zeitrechnung besitzen und so nicht mehr in die frühere Einfachheit eines Pop-Stammbaums zurückzuführen sind.
Das hat damit zu tun, dass die technischen Entwicklungen seit Jahren nur noch in einer Verfeinerung von Sounds und besserem/schnellerem Zugang verfangen und nichts musikalisch Substanzielles mehr losgetreten haben.
Und es hat natürlich
mit den völlig neuen Vertriebs- und Rezeptions-Wegen zu tun, die nicht nur aktuelle, sondern natürlich ebenso auch ältere, sehr alte und ganz alte Musik zeitgleich neu verfügbar macht.
Wer gleichzeitig, nur mit wackeligem Wiki-Wissen ausgestattet, gleichzeitig die Doors, Public Enemy und Arcade Fire entdeckt, für den hat die Zeitlinie keine Bedeutung.
We are no longer imprisoned by our times.
Letztlich ist dieser zufällig gesprochene, an sich auf Musik bezogene Satz aber auch ein Messer um das Knäuel, in dem sich die Postmoderne verwickelt hat, aufzuschneiden.
Denn die Redundanz, die daraus entsteht, dass wir die Zeitlinie unserer gesellschaftlichen Entwicklung nur linear betrachten, muss nicht das Ende sein: Groundhog Day forever.
Die Fesseln einer Geschichts-Schreibung, die meint, immer weiter in eine bestimmte Richtung (des Fortschritts) schreiten zu müssen, durch die - mittels neuer Technologien in den nächsten Jahren ohnehin massiv beförderte - Gleichzeitigkeit von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu sprengen, das wird die Herausforderung.
Das Bejammern
dieser Wir-stecken-fest!-Situation hat vielleicht nur noch in den Köpfen der älteren Generation Platz, die noch ein wenig in den Hobby-Heftln und Images aus den 60ern und 70ern lebt, gleichzeitig aber die Chancen, die die Überfuhr in die 4. Dimension der digitalen Welten bietet, nicht annehmen mag.
Denn hinter dem, was Toledo "Verflüssigung" nennt, steckt wohl die Aufhebung des Begriffs der Zeit, wie wir sie kennen, also der rein analogen von A nach B-Definition davon.
Das gibt eine ganze Menge Nachdenkstoff für die nächste Zeit und zwar nicht obwohl das nur aus einem Satz eines alten Rockstars entspringt, sondern genau deshalb, weil das so ist, also einer Lebenspraxis entspricht.