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Wien | 30.12.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 52, Sonntag.
 
 
 
 
Berufsbild 08: Aggregator.
 
Im Nachhinein lässt es sich nicht so recht sagen, wann ein vormals unbekannter oder maximal in anderen Zusammenhängen verwendeter Begriff dann Eingang in den Sprach-Alltag findet. Im Fall des Worts des Moments war es so, dass es sich zuerst als technischer Begriff, der eher so definiert war, vorgestellt hat, ehe es sich dann davon löste und Eigenleben entwickelte.
Denn das, was hier als Dienstleister beschrieben wird, das kann natürlich auch auf den Einzelnen runtergebrochen werden.
Das, nur ein wenig weitergedacht, könnte sich schon im nächsten Jahr als wichtigste Marktlücke im Medienbereich (im allerweitesten Sinn) etablieren.

Denn was sich ursprünglich auf die technische Aufbereitung von bereits anderswo vorhandenen Inhalten für andere Medien beschränkt, kann (und wird) sich in einem größeren Zusammenhang auf eine umfassendere Verknüpfungs-, Übersetzungs- und Verdeutlichungs-Arbeit ausweiten.
 
 
 
Der entscheidende Faktor
  beim Aggregieren ist ja das, was die Verkäufer nicht zustandebringen, was die Verwerter-Industrie nicht aus sich heraus anzubieten hat, nämlich das, was die Kreativen auszeichnet: Geschichten, in interessante Form gebrachte Gedanken oder Erlebnisse, Spiele und Spielereien, Sounds, Bilder, Haptisches, Inhalte eben, das, was die Medien-Industrie "Content" nennt.

Letztlich ist es das wirklich Interessante für den Konsumenten. Denn Hardware, die nichts anbietet, die ist nur den Testern und den lobbyistischen Marktschreiern wichtig (naja, auch nicht wirklich, die werden für ihr Geheul ja auch bezahlt), und natürlich den Entwicklern und Technikern und den Techno-Hörigen, denen Hardware auch ganz ohne Inhalt, als Dummy, reicht. Gibts auch genug davon weltweit.

Natürlich präsentieren sich die entsprechenden Hybride immer origineller: ich habe gestern eine Zeitschrift erstanden, die u.a. die "Bewegungskultur" als Thema im Subtitel trägt, was bedeutet, dass sie sich von der Sneakers-Industrie sponsern lässt und ein paar Service-Inhalte zum Thema anbietet. Netter Versuch.

 
 
Und genau da klafft sie, die Lücke.
 
Für jeden Schas, für jede Miniatur-Interessensgruppe gibt es eigene Info-Kanäle, die in für Außenstehende (also fast alle) recht unverständlicher Sprache verfasst sind.

Das ist wichtig und gut und richtig so - denn nur mittels dieser Abgrenzung haben diese subkulturellen Camps eine Chance auf Erneuerung und Authentizität (ehe sie sich dann eh an irgendeine Industrie verscherbeln).

Und selbst die nicht mehr ganz so spezialistischen Sites und Blogs und Zines und klassischen Medien verlangen in ihrer Ausrichtung eine gewisse Vorbildung und sind für Ahnungslose nicht wirklich lesbar.

Es braucht - so absurd das klingen mag - eine zusätzliche Schaltstelle, ein neues Relais, einen weiteren Zwischenhändler, der in einer (jetzt nicht nur per Schmäh, sondern in echt) komplexer gewordenen Welt auch jenen die Informationen bringt, die sie brauchen und wollen, deren Vokabular zu schwach ist um in die Sub-Szenen einzutauchen.
Und bekanntlich wirds erst dort interessant.

 
 
Ich habe immer, wenn ich über diese Sache nachsinne,
  ein absurdes Beispiel vor Augen. Es ist ein alter Sketch der Hektiker, in dem sie dieses Problem zwar nicht erkannt, aber dargestellt haben (aus purer Freude am kindlichen Spaß). In diesem Sketch war in ein Sportler-Interview ein Übersetzer zwischengeschalten, der die normale Hochsprache, die Umgangssprache der Medien, für den betreffenden Sportler (vergessen ob Kicker oder Skifahrer, auch egal) übersetzte und vice versa.

Die Grundidee ist gar nicht so blöd. Die vielen verschiedenen gleichzeitig stattfindenden einander nicht verstehenden und auf Ausschließung bedachten Welten brauchen Dolmetscher satt.

Derzeit versucht die Unterhaltungs- und Medien-Industrie das rein technisch zu lösen: im Überangebot an Neuigkeiten und Interessantem soll die Zugänglichkeit auf allen Empfangs-Kanälen (vom Handy übers Handy bis hin zum Handy und ja, auch alle anderen, eh) garantiert werden.

Es ist aber nur eine Frage der Zeit, wann sich die Notwendigkeit die immer spezifischer werdenden Info-Bits auch für alle gleichermaßen lesbar zu machen, dann so dringend stellt, dass die Aggregation auch im Inhaltlichen Platz finden wird.

 
 
Und das wird ein Bazar privatester Anbieter sein.
  Ein völlig neues Berufsfeld tut sich da auf - könnt' ich mir zumindest vorstellen.
Denn die bisherige Vorstellung davon, dass eine Firma jemanden hat, der wie ein Geheimdienst Informationen sammelt und für die Firmen-Interessen aufbereitet, ist ja nur die Basis.
Wer es schafft, da gleich ganze Gruppen zu bedienen, der ist ein potenzieller Content-Aggregator der Zukunft.

Letztlich ist z.B. der Versuch einer an Fußball großteils nicht oder nur am Rand interessierten FM4-Community ein entsprechendes Fach-Angebot zu machen, ein Muster.
Sofern sich dieses Angebot nicht auf Links, Verweise und trockene Fakten-Vermittlung beschränkt, sondern eine quasi-persönliche Community-Ansprache hat, können sich hier abertausende aberwitzige Klein-Aggregatoren installieren, die in die wildesten Bereiche crossovern würden.

Bislang muss z.B. Selinas Mama irgendwelche anderen Mütter fragen oder herumgooglen um rauszufinden, was Emo eigentlich heißt. Wenn sich der Kollege Arthur in fünf Jahren darauf spezialisiert hat, verwirrten Erwachsenen Nachhilfe in Jugendkultur zu geben, für sie dolmetscht und erklärt, Beispiele anführt und Verbindungen legt, sie eben auf seiner spezifischen Aggro-Liste hat, dann herrscht Klarheit schon lange bevor die immer langsam nachtaumelnden Massenmedien da was draus machen - und die Sprache der diesbezüglichen Spezial-Medien würde Selinas Mama aufgrund der vielen Codes ja nicht verstehen. So, um da noch ein sehr dumm-anschauliches Beispiel geriert zu haben.

 
 
Dieses neue Berufsbild des Aggregators,
  wie auch immer das dann heißen wird, und wo auch immer das stattfindet (innerhalb der klassischen Medien, außerhalb im Web, oder außerhalb in speziellen Abo-Angeboten über sonstwelche Gerätschaften) könnte sich in einen wesentlichen Zweig der Medien-Branche hinentwickeln.
Es würde weder die Massenmedien noch die Nischenmedien ablösen oder ersetzen, wie immer greift da das Gesetz, dass kein neues Medium ein altes tötet.
Es würde aber das Bild und das Wesen des derzeitigen herkömmlichen Journalismus deutlich ändern. Und das ist womöglich sogar bitter nötig.

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