Das ohnehin sehr breite Lächeln im auch schon durchaus runden Gesicht meines Zeitungskiosk-Verkäufers gerät in wahre Grinsekatz-Dimensionen, als ich heute Mittag bei ihm vorbeischaue.
"Hamsie das gesehen!?"
Hab ich. Und ich verneige mich respektvoll vor der ägyptischen Nationalmannschaft, seiner Nationalmannschaft.
Auf die er auch deswegen noch spezieller stolz ist, weil die Spieler seines Vereins, Ismaili, den Grundstock stellen. Drei waren auf dem Platz. Und sechs, ergänzt er, auf der Bank. Darunter auch die Jungstars, der Stürmer Fadl und Omar Gamal, um die gerade mit den Großklubs aus Kairo gestritten wird.
Und dann höre ich das alte Klagelied der Ausbildungsvereine, denen die besten jungen Spieler systematisch weggekauft werden.
Das alles erzählt aber eine wichtige Geschichte: nämlich die von einer guten und funktionierenden ägyptischen Liga. Denn im Gegensatz zur afrikanischen Großmacht Kamerun, die ihre Spieler ausschließlich aus den europäischen Top-Ligen einberuft, greift Ägypten auf 17 Kicker der eigenen Liga zurück.
Gestern, bei ihrem triumphalen Sieg über Kamerun waren gerade einmal drei Legionäre auf dem Platz. Der Rest kam vom Außenseiter-Verein Ismaili und den beiden Groß-Klubs Al-Ahly und Zamalek.
Der ägyptische Weg.
Die ägyptische Liga funktioniert also, ebenso wie etwa die tunesische, weil die dortigen Großklubs international gut besetzt sind, sich dort gute Spieler aus Brasilien, Europa und Afrika tummeln.
Und das unterscheidet sie dann auch von den zuletzt innerhalb von Afrika recht erfolgreichen Klubs aus dem Sudan (Al-Hilal und Al-Merreikh): Die haben ihrer Nationalmannschaft, quasi versehentlich, zu einer Außenseiter-Chancen-Rolle verholfen, die nie eingelöst werden kann; ihnen fehlt die interne und externe internationale Konkurrenz.
Und in Ägypten hat man die, nicht nur wegen der geografischen Nähe zu Europa (die hätte etwa Algerien auch...), sondern wegen einer funktionierenden Fußball-Kultur, gewachsener Vereins-Strukturen und auch einer halbwegs kontinuierlichen Verbands-Arbeit.
Also gab es gestern was zu sehen.
Und zwar eine stürmische ägyptische Mannschaft, die den zu erwartenden Kombinations-Lauf des Gegners aus Kamerun mit einer starken Offensive entgegnete und den (vor allem im Mittelfeld) zu laschen Kontrahenten überrollte.
Und das mit einer ausgefeilten Taktik, einem ausgefuchsten 3-4-1-2-System, in dem sich 7 Akteure permanent mit der Offensive beschäftigten.
Und das trotz der Abwesenheit von Ahmed Hassan (gesperrt), Abdelwahab (Tod am Trainingsplatz), Barakat (verletzt), Mido (war schlimm), Ibrahim (noch nicht fit), Ghaly (keine Freigabe) und dem wegen einer Verletzung nur eingewechselten Abu-Treika.
ägyptisches ritual nach dem torerfolg: sekundengebet mit bodenküssen
Und auch ein Plädoyer für Kamerun
Trotzdem ist es mehr als nur möglich, dass man neben den jetzt zum Co-Favoriten aufgestiegenen Ägyptern auch Gegner Kamerun unter den letzten Vier wiedersieht: So schlecht war das, was sie (vor allem in Halbzeit 2) dann spielten, nämlich auch nicht.
Und im Gegensatz zu Nigeria oder der Cote d'Ivoire war mit dem neuformierten Mittelfeld (Alex Song, Epalle, auch der Poser Emana) dann auch so etwas wie spielerische Substanz und taktische Klugheit zu erkennen. Das kann, im Verbund mit einem echten Striker (Eto'o) noch einiges wert sein - sofern man nicht die Nerven weghaut und sich intern zerfleischt.
Denn: Die weiteren Gegner in dieser Gruppe (der bereits angesprochene Sudan und die zwar hübsch aufspielende, aber nur zweitklassige Truppe aus Zambia) werden wohl kein Hindernis darstellen.
Erschreckend war die totale Demontage eines der 2006 (zurecht) als Supertalente ausgerufenen Jungstars, Jean Makoun, der bereits in der 38. Minute vom Platz geholt wurde, wodurch ihn der extrem afrika-erfahrene Trainer Otto Pfister zum öffentlichen Sündenbock brandmarkte. Der kleine Prinz aus Lille hat den entscheidenden Sprung von "supertolle Ansätze" zu "wirklich supertoll" nicht geschafft, und das ist bitter.
Anderes Argument für Kamerun: Gestern waren erstmals zwei wirklich gute Torhüter am Platz. Sowohl Ägyptens El-Hadary als auch Espanyols Kameni können wirklich etwas. Und damit stehen sie in diesem Bewerb alleine da.
Denn daran wird sich auch im heute anstehende Top-Duell zwischen Tunesien und dem Senegal wohl nichts ändern.