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Wien | 26.1.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Africa-Cup-Log. Tag 6.
 
 
 
 
Das Mysterium Nigeria.
 
Nigeria: bedeutendste Wirtschafts-Macht in Zentral- bzw. West-Afrika, OPEC-Mitglied, wichtiger Handelspartner von USA, Russland und China, Vielvölkerstaat mit andauernden ethnischen Konflikten, einwohnerstark und im eigenen Selbstverständnis die Führungsmacht der Region.

Das spiegelt sich auch im Sport wider, vor allem im afrikanischen Volkssport Fußball. Und an sich ist der Anspruch dort auch nicht unerfüllbar. Nigeria gilt als wichtigster Exporteur, als das Brasilien Afrikas, was Spieler-Transfers in alle Welt betrifft.

Sowas stärkt automatisch die Nationalmannschaft - weil die Percentage der Spieler, die sich in den großen Weltligen durchsetzen, durchaus ausreicht um zwei oder gar drei starke Nationalmannschaften aufstellen zu können.

Andere Nationen, man nehme beispielsweise Mali, ihren gestrigen Gegner her, können das nicht leisten. Da ist nach 5 oder 8 wirklich guten Leuten Schluss mit Top-Qualität (ganz so wie in Österreich; wobei die Top-Akteure des Mali halt bei Real, Sevilla und Liverpool spielen und nicht bei Siena, Panathinaikos und Braga ...).

Nigeria hingegen ist seit Jahren, fast Jahrzehnten ausnehmend gut besetzt, das Spielermaterial (wie es so schön despektierlich heißt im Fußball) ist schier unerschöpflich.

Warum nun eine Nation mit hohen Ansprüchen, wirtschaftlicher Potenz und tollen Spielern so wenig aus diesen Möglichkeiten macht und nach dem gestrigen torlosen Remis am Rand eines Vorrunden-Ausscheidens taumelt, einer großen Blamage entgegensieht, genau ist es, das Mysterium Nigeria.

 
 
Eine These dazu:
 
Ich hol' ein bisserl aus.
Im ersten Spiel des gestrigen Afrika-Cup-Abends bot der Außenseiter Benin gegen den Favoriten Cote d'Ivoire eine durchaus ansprechende widerständische Leistung, ehe er nach zwei Toren knapp vor und zwei schnellen Toren nach der Pause dann zusammenbrach.

In der 2. Halbzeit wechselte der deutsche Coach des Benin, Reinhard Fabisch den Spieler Mouri Ogunbiyi ein. Von dem hatte er noch vor wenigen Tagen gesagt, dass er unter ihm nie mehr im Team spielen würde (es hatte einen heftigen Wickel wegen einer Disziplinlosigkeit gegeben).
Nun ist das keine Seltenheit, dass Coaches ihre Ansagen nicht durchziehen - auch Hickersberger wird nach Pogatetz jetzt womöglich Scharner zurückholen. Interessant ist bloß wie dieses Comeback des bereits aus den ANC-Kader gestrichenen Ogunbiyi zustandekam.
Der Verband hatte ihn einfach wieder zurückreklamiert, es Fabisch vorgeschrieben.

Auch das ist kein afrikanisches Phänomen: Gutsherrendenken ist im Welt-Fußball global verbreitet. Auch die Herren Funktionätre in Altach, Vorarlberg, sind ja überzeugt, die Mannschaft besser aufstellen zu können als der Trainer - und hier bin ich nicht einmal im Fall des von mir durchaus nichtgeschätzten Herrn Bender davon überzeugt.

Wenn nun ein Geltungssüchtiger Klub-Chef wie Kartnig oder Stronach Spieler in die Startelf seines Verein reinreklamiert, dann ist das lächerlich.
Wenn sich aber ein nationaler Verband nicht entblödet, seinen Coach zu overrulen, dann zeigt das ein ganz prinzipielles Problem auf, das den Fußball-Strukturen grundlegend widerspricht.

Im Übrigen fing sich das Team des Benin direkt nach Ogunbiyis Einwechslung noch zwei Tore ein.

 
 
Derlei Unfug wird in Nigeria seit Jahrzehnten gepflogen.
  Man hat mittlerweile allerdings bereits Erfahrung und baut diese Scheiße nicht mehr öffentlich, sondern hinter den Kulissen.
Während im Benin also ein deutscher C-Klasse-Coach öffentlich gedemütigt wird, bezieht ein deutscher A-Klasse-Coach sein Schmerzensgeld für ähnlich geartete Einflussnahmen, die nur noch hinter den Kulissen stattfinden.

Schaden nimmt das jeweilige Team aber in beiden Fällen gleichermaßen. Beim Benin brach nach der aufgeplusterten Pardonnierung das Team psychologisch auseinander. Im Fall von Nigeria sind die ununterbrochenen Hackelwerfereien hinter den Kulissen (ein pro-Vogts matcht sich da mit einem contra-Vogts-Camp, eine Clique der Oldies um Kanu fightet gegen eine Bande der Jungen um Obi Mikel) genauso zerstörerisch und liefern Ausreden für schwache Leistungen ohne Ende.

Dass zudem der deutsche Spießer Vogts samt seinen Assis Steffen Freund und Uli Stein wohl eher wenig direkten Draht zu ihren zumeist in der englischen Liga sozialisierten Spielern finden, mag noch eine zusätzliche Erklärung sein.

Mehr Glück hat da aktuell die Cote d'Ivoire. Dort gibt es gerade einmal 18 oder 20 Spieler von Klasse, eine halbwegs funktionierende Hierarchie innerhalb der Formationen (man erkennt das an der Kapitänsschleife, die von Drogba zu Toure zu Zokora wandert) und einen Coach, der schön länger dabei ist, bereits die U20/21-Teams betreute und somit Einblick in die Geschehnisse im Land hat.
Dort ist man weit entfernt von politischer Stabilität, wirtschaftlicher Prosperität und regionaler Großmannssucht, was vielleicht ein Gutsherren-Denken wie das der mächtigen und korrupten nigerianischen Funktionäre hintan hält.

 
 
Sportlich
  war der gestrige Tag von mittlerer Qualität. Die Ivoirer verbrauchten viel Pulver um ihren Sieg einzufahren, sind aber aufgrund ihres Erfolgslaufs eines der derzeitigen Asse im Spiel.
Der Benin und sein Stürmer Omotoyossi wurden mit ihrem ersten Tor belohnt.
Mali und Nigeria gingen hohes Tempo, neutralisierten sich aber großteils, alle 5 Minuten wechselte die Vormachtstellung. Der richtige Wille zum Sieg war bei Nigeria auch mit ihrer Schlusseinstellung mit vier Angreifern nicht wirklich zu spüren. Und beim Mali blockierte die Zufriedenheit mit dem Remis-Punkt das Spiel ab einem bestimmten Moment.

Heute lassen sich Ägypten und Kamerun, die vergnüglichsten Teams des bisherigen Turniers wieder anschauen.

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