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Wien | 27.1.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Africa-Cup-Log. Tag 7.
 
 
 
 
Zeit für Experimente.
 
Im Gegensatz zu den anderen Gruppen bei diesem Afrika-Cup, in denen sich bislang noch kein Team auf der sicheren Seite (also dem Aufstieg ins Viertelfinale) wähnen kann, ist in der Gruppe C alles klar: Ägypten und Kamerun sind ihren Gegnern zu deutlich überlegen.
Da Geduld bei diesem Turnier eine wesentliche Tugend darstellt, werden sie (z.B. die Ägypter) auch nicht nervös, wenn sie lange Zeit nur mit 1:0 führen: sie sind sich sicher und das macht sie dann auch noch eine Klasse besser.
Sowohl Zambia (wo man sich seit dem letalen Flugzeugabsturz der ganzen Mannschaft 1993 irgendwie nie mehr so richtig erholt hat) als auch der Sudan, der mit einem sehr interessanten flexiblen System, das mich irgendwie an Hollands Total Voetbol erinnert, agiert, sind da nicht in der Lage mitzuhalten.

Das führt wiederum zu interessanten Experimenten. Kamerun trat im zweiten Spiel bereits mit dem dritten fast komplett runderneuerten Mittelfeld an - und irgendwie wars diesmal auch nicht wirklich ideal, aber es ist ja noch ein weiteres Spiel Zeit. Gut zu sehen, dass sich der erst kürzlich 20 gewordene Alex Song so toll macht im zentralen Mittelfeld, dass Geremi, der bei Newcastle nicht nur auf dem Papier der Kapitän ist, sich auf seiner neuen Position halbrechts so gut zurechtfand und dass Jean Makoun nach seinem Verhau im ersten Spiel noch eine Chance bekam.

Die üblichen und berechtigten Loblieder auf Eto'o sind ohnehin überall zu lesen, die spar ich mir.

 
 
Soweit zu Kamerun, weiter ein Mitfavorit. Ägypten
  stellte gleich zweimal innerhalb des gestrigen Spiels komplett um. Der frisch hereingekommenene Kapitän Ahmed Hassan musste 25 Minuten als Rechtsverteidiger spielen, ehe er dann in der Schlussphase ins zentrale Mittelfeld rückte.

Der rechte Außenbahnspieler Fathy hingegen wurde nach der Umstellung von Dreier- auf Vierer-Abwehr zuerst 25 Minuten als Linksverteidiger ausprobiert, ehe er dann in der Schlussphase überhaupt Innenverteidiger spielte, während dann der Abwehrchef Wael Gomaa links draußen tätig wurde. Von den diesbezüglichen Rochaden im Mittelfeld einmal ganz zu schweigen.

Das sind wilde Experimente, wie in der Chemie-Stunde, wenn der Lehrer kurz zum Direktor muss, aber sie geschahen auf Anweisung von Teamchef Shehata; und sie forderten seine zu diesem Zeitpunkt nur 1zu0 vorne liegenden Burschen massiv.
Vielleicht war dieses Durchwürfeln als Ausweg aus einem routiniertem Trott möglich, in dem der Coach eine Gefahr sah.

Ich habe in jedem Fall schon lange keine so massiven internen Umstellungen gesehen, die so problemlos aufgefangen wurden. Beeindruckend.

Schön auch, dass der 06er Held Abu Treika nach seiner Verletzung wieder zurück ist, und - obwohl er deutlich noch nicht seine alte Stärke hat - gleich wieder zum Spielentscheider wurde.

 
 
Und ein paar abschweifende Anmerkungen.
  Trotzdem sind mir in diesem Spiel der Ägypter auch ein paar andere Dinge im Kopf herumgegangen, die ich in den letzten Tagen gehört und gesehen hatte.
Wie etwa eine kurze Doku auf 3sat, die über ein Frauen-Fußball-Team in Kairo berichtet hatte, die - unserer Erwartungshaltung nach - recht wenige Probleme haben. Akzeptanz: geht so, eher positiv. Verschleierung: die, die es wollen, spielen im Trikot und mit Sport-Kopftuch, die anderen (die meisten) ganz normal. Mögliche Erklärung: Mädchen-Kick als Oberschicht-Phänomen? Denn in den ärmeren Stadtgegenden geht kaum eine Frau noch unverschleiert, weil diese Viertel zunehmend unter die Kontrolle der religiösen Fundamentalisten gekommen sind, meist von Saudi-Arabien gesponsert.

Eine andere Quelle erzählt mir dann davon, dass man als Kopte, also als seit Jahrhunderten alteingesessener Ägypter christlichen Glaubens (und das sind zwischen 10 und 20 Prozent der Bevölkerung) nicht in eine Auswahlmannschaft kommen würde. Was in ähnlicher Form auch für alle anderen wichtigen öffentlichen und auch privatwirtschaftlichen Jobs gilt.

Dass beim ägyptischen Nationalteam der Islam Pflicht ist, sieht man bei jedem kollektiven Gebet nach dem Torerfolg.

 
 
In diesem Zusammenhang
  fiel mir dann ein, dass der in Nancy spielende Marokkaner Mickael Chretien in Frankreich als Chretien geführt wird, beim Nationalteam aber unter seinem zweiten Nachnamen, nämlich "Basser" einläuft.
Glück im Unglück gehabt, bei so einem problematischen Nachnamen. Denn damit hat mans eben schwer.
Es ist vielleicht so mühsam, wie wenn sich ein westlicher Popsänger plötzlich Yussuf Islam nennt.

Und dann ist mir das Schicksal einer Freundin eingefallen, die vor zehn Tagen in einem Türkei-Urlaub verhaftet wurde, weil sie einem Kellner gegenüber drauf bestanden hatte Kurdin zu sein, was der - ganz nach offizieller Doktrin - nicht zulassen konnte. Die sagt nämlich, dass es keine Kurden in der Türkei gibt. Interessanterweise war nachdem sie ein spöttisches "Es lebe Kurdistan" nachgeschossen hatte, innerhalb von wenigen Minuten die Polizei da, und es folgte ein vielstündiger Gefängnis-Aufenthalt. Sie wird wohl nicht mehr in die Türkei reisen können, in den nächsten Jahren.

In diesem Sinn ist dann das, was Abutreika nach seinem ersten Tor gemacht hat (Leiberl hochziehen, weil auf dem Unterleiberl eine Botschaft steht, wofür er sich auch eine gelbe Karte abholte) zumindest der Versuch einen eigenen Gedanken einzubringen, der jetzt nicht unbedingt eine offizielle Linie widerspiegelt.

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