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Wien | 29.1.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Africa-Cup-Log. Tag 9.
 
 
 
 
Über das Spanien Afrikas, Verwandtschaften und anderen Unfug.
 
Das Spanien Europas ist Spanien: gute Liga, tolle Spieler, traditionell klassische Technik, Witz, Esprit, auf der Vereins-Ebene absolute Kontinental-Spitze - und eine extrem erfolglose Nationalmannschaft.

Das Spanien Afrikas ist sein direktes Gegenüber, also Marokko. Für die gilt, auf afrikanische Verhältnisse umgelegt nämlich das exakt selbe: gute Liga, tolle Spieler, traditionell klassische Technik, Witz, Esprit, auf der Vereins-Ebene absolute Kontinental-Spitze - und eine extrem erfolglose Nationalmannschaft.

Zuletzt (und zum einzigen Mal) hat man 1976 den ACN gewonnen - ansonsten schauts düster aus. In den Achtzigern kam man dreimal unter die letzten Vier und 2004 reichte es immerhin fürs Finale. Angesichts der Erfolge der großen Vier (Ägypten, Kamerun, Nigeria und Ghana) und des Status von Einmal-Siegern wie Tunesien oder der Cote d'Ivoire ist das aber entschieden zuwenig - wenn man das Potential des problematischen Königreichs hernimmt.

Insofern war die Körpersprache der Marokkaner in den beiden Spielen gegen zuletzt Guinea und gestern Ghana hochinteressant. Nachdem ihnen klar wurde, dass sie nicht mehr rankommen würden (jeweils zwei Tore Rückstand) sackte das an sich vorhandene Selbstbewusstsein der Spieler in die Hose und kam nicht mehr zum Vorschein.

 
 
Marokko ging grundlos unter.
 
Dabei stimmt eigentlich - siehe auch Spanien - alles, zuletzt auch der Tormann. Da stand nach zwei Spielen mit dem Fliegenfänger Fouhani (der womöglich einen Gönner im Palast hat, anders ist seine kurzfristige Rehabilitierung nach seinen Flops 2006 und seiner Nicht-Berücksichtung in der Quali nicht zu erklären) jetzt ein richtiger Keeper drin.
Davor eine Abwehr, die durchaus internationale Maßstäbe erfüllt, gute Innenverteidiger, und Außenspieler von Nancy und Dinamo Kiev. Das defensive Mittelfeld ist nicht hochklassig, aber anständig besetzt und die Angreifer wie Hadji, Chamakh oder Sektioui haben Klasse.

Es fehlt Marokko zwar, wie auch einigen anderen Nationen, nicht nur hier beim Afrika-Cup, sondern auch weltweit, an einem kreativen Mittelfeld-Spiel - das macht den Unterschied also auch nicht aus.

Wahrscheinlich gibt es, wie im Falle Spaniens, einige feiste Theorien über Glanz und Elend der Löwen vom Atlas. Da sowas wie eine Heilung aber seit Jahrzehnten aussteht, werden sie wohl allesamt nicht ganz richtig sein.

Warum ich im übrigen lieber Marokko als Guinea im Viertelfinale gesehen hätte (was durch einen durchaus möglichen Sieg Namibias groteskerweise auch durchaus möglich gewesen wäre): weil sie in einem Viertelfinale (wohl gegen die Ivoirer) zwar eh wieder verloren hätten, das aber mit fliegenden Fahnen und in einem gutklassigen Spiel - so wie alle ihrer nur drei Auftritte bei dieser Meisterschaft.

 
 
Guinea hingegen ist jetzt schon Dead Man Walking.
 
Ohne dem zurecht gesperrten Pascal Feindouno, ihrem Chef in der Schaltzentrale, sind sie ein armseliger Hühnerhaufen - wie sich im wirklich dürftigen Spiel gegen die brave Mannschaft aus Namibia deutlich zeigte.
Coach Robert Nouzaret, der witzigste der vielen Trainer-Franzosen hier, hat sein 4-2-3-1 derart auf seinen Chef zugeschnitten, dass er aus der Nummer nicht rauskommt.
Wenn sich Drogbas ivoirische Landsleute nicht total deppert spielen, wird das ein Spaziergang im Viertelfinale - und sowas mag ich nicht so gerne.
Da wäre mir ein Nachschlag an verzweifelten Gesichtern marokkanischer Scheiternder echt lieber gewesen.

Ghana zeigte sich nach der eher blamablen Vorstellung gegen den Außenseiter Namibia erholt und hatte Marokko recht sicher im Griff. Hauptdarsteller war, wie schon im ersten Spiel, Sulley Muntari (Portsmouth), der diesmal in seiner anderen Rolle als offensiver Flügelspieler agieren durfte/musste (Kingston war gesperrt) und das genauso lässig erledigte, wie zuvor den Job im zentralen Mittelfeld neben Bossman Essien. Das ist wirkliche Weltklasse.
Statt ihm spielte im übrigen zentral ein Anthony Annan, der der Neffe von Kofi sein soll.

Überhaupt gibt es hier beim CAN soviele Verwandte, vor allem Brüder wie sonst nur in der holländischen Team-Geschichter. Die Toures, die Baldes, die Kingstons, die Gyans, die Katongos ... Von Familien wie den Hadjis, den Ayews, den Mokoenas, den Songs oder den Kalous ganz zu schweigen.

 
 
Der diesjährige Afrika-Cup hat im übrigen
  eine erstaunliche Dichte an internationalen Beobachtern angezogen. Vor allem aus Frankreich und England, wo deutlich über hundert, also die große Mehrheit der hier anwesenden Teamspieler arbeiten, kommen dutzende Abordnungen.
Klassische Scouts, wie der Afrika-Profi Nick Neururer, haben allerdings genau gar kein Betätigungs-Feld - die tummeln sich bei den afrikanischen Nachwuchs-Turnieren, wo die Jungen, die noch in den heimischen Ligen unterwegs sind, auf dem Präsentierteller liegen.

Beim Afrika-Cup gibt es nämlich nur genau drei noch in der Heimat unter Vertrag stehende Spieler, die aufgefallen sind. Brian Brendell, die Seele von Namibia, ein alt aussehender aber erst 21-jähriger Flügelspieler, etwa. Der schoss nicht nur beide Tore seines Teams, sondern ist einer der wenigen Kicker mit Zug zum Tor, dem was der Engländer "pace" nennt und großem Spielverständnis.
Der zweite wäre Yamba Asha, der angolanische Linksverteidiger, der einzige gute Mann seines Teams ohne Auslandsvertrag. Das hängt damit zusammen, dass er die WM wegen eines, ähm, leichten Drogen/Doping-Delikts verpasst hatte. Dann wäre da noch Ian Bakala, windschlüpfriger Mittelfeld-Spieler von Zambia, der aber genauso wie Asha schon zu alt ist.

Der Rest der hier auflaufenden Kicker spielt in Europa oder in gutdotierten Ligen (Ägypten, Tunesien, Marokko, Südafrika), ist also nicht mehr günstig zu bekommen oder gar zu entdecken oder sie sind schlicht zu schwach.

Warum also etwa Manfred Linzmaier für Red Bull Salzburg auf den Tribünen von Accra und Kumasi herumsitzt, fällt unter Geld-Anzünden.

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