Eine eher zufällig rausgerutsche Lobhudelei für das Team der Cote d'Ivoire.
Die große Überraschung am letzten Spieltag der Gruppe B gestern abend war nicht, dass es der regionale Gigant Nigeria im letzten Moment doch noch geschafft hatte sich zu qualifizieren (in einem durchaus als sehr schwach zu bezeichnendem Auftritt gegen den Außenseiter Benin, den man an sich zum Gabelfrühstück verspeisen müsste).
Die große Überraschung am letzten Spieltag der Gruppe B gestern abend war es, dass es sich die Top-Mannschaft dieser Gruppe, die Cote d'Ivoire leisten konnte mit einem B-Team anzutreten und trotzdem klar erkenntlich auf Sieg zu spielen; und in der Folge auch gewann, und das gegen einen Widerpart, der unter Strom stand, und durchaus gut besetzt ist.
Die vormalige Elfenbeinküste kann derzeit auf einen Kader zurückgreifen, der sowohl in seiner Spitze als auch in seiner Breite die besten Werte erreicht, was Klub-Qualität, taktische Reife und vor allem die Dichte betrifft.
Gestern ließ
der kurzfristig eingesprungene Coach Gerald Gili freiwillig alle vier mit einer gelben Karte vorbelasteten Spieler draußen, um keine Sperre fürs Viertelfinale zu riskieren. Da auch Abwehr-Chef Kolo Toure (von Arsenal) verletzt fehlte, fiel so (mit dem Verzicht auf Meite, Boka und Gohouri) fast die gesamte Einser-Abwehr aus. Normalerweise, in wohl allen anderen Fällen der hier antretenden Mannschaften ein nicht zu bewältigendes Problem.
Nicht so hier: Ersatz-Mann Marc Zoro (Benifa Lissabon) hielt nicht nur defensiv dicht, hätte neben seinem Tor auch noch zwei andere erzielen müssen, so gefährlich ist sein Kopfballspiel. Und Didier Zokora (Tottenham), an sich zentraler Mittelfeldspieler, war ein souveräner Abwehrlenker, als hätte er nie was anderes gemacht. Zokora springt auch bei Tottenham immer wieder als Innen-, Links- oder Rechtsverteidiger ein, wenn ein Notfall ausbricht, einfach weil er's kann.
Siaka Tiene von St. Etienne, der den kleinen Boka links ersetzte, schlug fast die noch besseren Flanken; der flamboyante Romaric von Le Mans, der anstelle Zokoras im zentralen Mittelfeld agierte, sorgte für zusätzliche Gefahr aus der Zentrale.
Und vorne waren Emerse Fae (Reading) und der blondierte Arouna Kone (vom FC Sevilla) kein platter Ersatz für Salomon Kalou und Dindane, sondern mehr als effiziente Alternativen.
Neben dieser Dichte,
und der Quirligkeit der Seitenspieler sind es aber vor allem die zentralen Korsettstangen, die dieses Team herausragen lassen. Hinten regiert Kolo Toure, der Koloss von Arsenal (der bei Bedarf von Zokora ersetzt werden kann). Zokora ist im Normalfall Chef in der Mittelfeld-Zentrale und zwar gemeinsam, in einem fantastisch abgestimmten Duett, mit Yaya Toure vom FC Barcelona. Der kleine Toure-Bruder (der den großen körperlich überragt, ein großer schlacksiger extrem beweglicher Spieler) ist einer dieser hochmodernen 6er, die ich im Verlaufe dieses Africa-Cup-Logs schon mehrfach angesprochen habe - einer derer, die die Tugenden und Pflichten eines defensiven, eines offensiven und eines superkreativen Mittelfeld-Strategen mittlerweile gebündelt haben; da lauert eine neue Job-Description, die derzeit von einigen wenigen (Sulley Muntari kann das, Essien auch, Seydou Keita, Hosny, Papa Bouba Diop und noch einer, auf den ich noch komme) entwickelt wird. Und es sind interessant viele Afrikaner darunter.
Das allerwichtigste Element im ivoirischen Spiel ist aber der Kapitän Didier Drogba. Der ist in den letzten Jahren um Meter gewachsen, in jeder Hinsicht.
Drogba ist nicht nur ein Torjäger mit Killer-Instinkt, ein Stürmer, der auch aus dem Mittelfeld arbeitet, sondern auch ein wichtiger Teil der Defensive, der Mann, der bei Standards die meisten Kopfbälle aus dem eigenen Strafraum wegputzt.
Das ist ein Kapitän, von dem jeder Coach träumt.
Das alles macht die Ivoirer zum Top-Favoriten auf den Titel. Scheitern können sie allemal an ihrem Torhüter-Problem. Boubacar Barry ist nur ein drittklassiger Vertreter seines Standes und hinter ihm herrscht kein Druck.
drogba und die fans
John Obi Mikel,
der Mann, der Nigeria fast im Alleingang rettete, ist der vorhin angesprochene in der Reihe der neu entwickelten universellen Mittelfeld-Akteure. Und es hing doch recht sehr an ihm, das fast schon in Angst, Panik, Selbstzerfleischung aufgelöste nigerianische Team aus dem Sumpf zu ziehen. Denn wieder waren dort, auch im dritten neuen Offensiv-Verbund den Berti Vogts auf den Platz schickte, außer ihm letztlich nur Angreifer und defensive Blocker auf dem Platz.
Am System krankte es auch bei Coach Jodar und dem Mali. Nachdem man dort zweimal mit einem glasklaren 4-4-2 nicht unerfolgreich aufgetreten war, spielte das Team diesmal ganz ohne Not mit einem echten Hosenscheißer-System, mit einer Fünfer-Abwehr und dem ängstlichen Bassala Toure im zentralen Mittelfeld. Beides ein ordentlicher Griff in den Gatsch.
Zwar war der riesenhafte Sammy Traore (Auxerre) ein toller Libero der alten Schule - und ein brandgefährlicher Prellbock bei Standards - aber über außen kam halt gar nichts zustande.
Zur zweiten Hälfte stellte Mali um, nahm einen Zentral-Verteidiger raus und spielte ein obskures 4-3-3 mit dem rechten Außenspieler Diakete in einer Pendlerrolle, mit dem frisch von Liverpool zu Juventus gewechselten Sissoko im zentralen Mittelfeld und mit Seydou Keita, ihrem Mittelfeld-Chef als zentraler Sturmspitze.
Das war ein wenig zu konfus, die restlichen Mitspieler zu wenig gut, da nützten auch die finalen vier Spitzen nichts. Das war zu schwach.
Am linken Verteidiger, Adama Tamboura ist im übrigen Red Bull Salzburg interessiert - jetzt ist klar, was der Linzmaier-Manny dort macht!
Während sich heute
Kamerun und Ägypten sicher ins Viertelfinale spielen werden und wir uns schon auf den morgigen Irrsinn in der wilden Gruppe mit Angola und Co freuen, lasst euch vom Erlebnisbericht des Kollegen Chris verzaubern, der hier ein Zipfelchen seiner Afrika-Erlebnisse preisgibt.
das wars im übrigen für benins omotoyossi. well done.