Weil sich gestern inhaltlich ja nicht allzuviel tat (Kamerun qualifizierte sich eindrucksvoll, Ägypten im Schongang, die beiden Gegner waren voll des Einsatzes, aber zu leichtgewichtig, alles wie vorherzusehen also) möchte ich einen Blick auf die Systeme werfen, die hier beim Afrika-Cup gespielt werden und ein paar Schlüsse daraus ziehen, die für jeden Fußball-Freund relevant sind, vor allem jedoch für eine Öffentlichkeit, die jetzt endlich durch den Euro-Boom ein wenig für Hintergründe und Taktik sensibilisiert werden soll, durchaus Erkenntnisse liefern kann.
Ich möchte das Fazit gleich an den Beginn stellen: alle hier beim ACN vertretenen Coaches und Teams haben eine deutliche System-Präferenz, so gut wie alle sind aber auch im Stande, sich innerhalb von Minuten umzustellen und Plan B oder C aus dem Ärmel zu ziehen.
Das war früher keine Selbstverständlichkeit, ist mittlerweile Standard eines jeden guten Teams.
Ich stelle das deswegen so heraus, weil das österreichische Nationalteam in den letzten Jahren überdeutlich bewiesen hat, dass es diese Tugend NICHT beherrscht.
Die zweite wesentliche Erkenntnis hängt damit zusammen, dass die Teamchefs ihre Systeme und Taktiken danach wählen, welches Spielermaterial sie zur Verfügung haben, also auf die vorhandenen Stärken abstimmen.
Auch das läßt sich im Fall des österreichischen Teams oft nicht erkennen.
Beispiel Ägypten:
dort läßt Teamchef Shehata bei diesem Bewerb großteils ein 3-5-2 spielen, also ein System, das nicht mehr sonderlich oft angewandt wird.
Warum? Zum einen, weil ihm die guten Flügelspieler fehlen (Barakat zb ist verletzt), zum anderen, weil er ein Überangebot an guten Innenverteidigern und zentralen vielseitigen Mittelfeldspielern hat.
Shehata probierte im zum Testspiel mutierten, zweiten Match gegen den Sudan auch die Viererabwehr, sogar in zwei sehr unterschiedlichen Varianten (alles so geschmeidig, dass es aufs Spiel selber keinen Einfluss hatte - wiewohl gerade solche Umstellungen eine tolle Ausrede für Versagen wären; ich kann die Flash-Interviews, die heimische Spieler da abgegen würden, nachgerade hören ...), einfach um gerüstet zu sein. Dabei ließ er zwei seiner Mittelfeld-Strategen an den Seiten spielen, verschenkte also ihre taktischen Qualitäten nur um zu testen, ob ein 4-4-2 mit Raute eh auch funktioniert.
Lieber setzt er den schlauen Shawky, den torgefährlichen Hosny, seinen Kapitän Ahmed Hassan und als Wechselspieler auch seinen Hero Abutreika natürlich in der Zentrale ein. Zusätzlich hat er mit Mohamad Zidan auch noch einen Stürmer, der hinter den Spitzen agieren kann - soviel taktische Flexibilität ist vorbildlich und zum Weinen schön.
Etwas strikter legt es
das Team des Kamerun an, bei dem Otto Pfister, der ausgefuchste deutsche Oldie den intensiven Kontakt mit den Führungsspielern (wie Rigobert Song, Geremi oder Eto'o) sucht und so sinnlose Konflikte vermeidet.
Dort setzt man auf ein 4-4-2, das allerdings so vielfältig interpretiert wird, dass es in noch keinem der bisherigen drei Spiele dasselbe war.
Zuerst gab es ein Mittelfeld mit einem 6er und drei 8ern, dann wurde es durch die Hereinname von Emana (der wie Zidan einen Stürmer hinter den beiden Spitzen gibt, klassischer Zehner ist er keiner, wiewohl er die Nummer auf de Rücken trägt) zur Raute. Und im dritten Spiel stellte Pfister gar auf ein 4-2-4 um, ließ Epalle zusätzlich eine Art rechten Flügel spielen und zog mit Mbami einen zweiten Mann neben Alex Song in die Mittelfeld-Zentrale.
Das sind minimale Korrekturen, eine Art Fein-Tuning, das sich am jeweilige Gegner (besser: dessen Spielstärke) orientiert und auf die Stärken der eigenen Kräfte zurückgreift. Wenn mit Epalle ein echter Flügel da ist - warum soll er nicht eingesetzt werden, auch wenn das Pendant auf der linken Seite fehlt - in einem flexiblen Angriffs-Spiel mit vier Angreifern ergibt sich das ganz von selber.
Im österreichischen Nationalteam würde sich mit Harnik ja was ähnliches anbieten...
Auch die anderen Top-Teams
hier sind, was dieses Tuning betrifft, durchaus vorbildlich: Veranstalter Ghana etwa justiert sein sehr präzises 4-4-2 mit zwei Ketten mittels Besetzung, was durch die Tatsache, dass Alleskönner wie Muntari oder Owusu-Abeyie eingesetzt werden, zur strategischen Waffe wird.
Bei der Cote d'Ivoire setzte sich nach einer völlig vernudelten Halbzeit gegen Nigeria ein sehr angriffiges 4-2-4 durch, eine Art offensive Variante des Ghana-Systems. Dass und wie man bei den Ivoirern personell aus dem Vollen schöpfen kann, hab ich gestern ja schon ausgeführt.
Das sehr klassische 4-4-2 ist auch bei Senegal oder Angola, zwei der Teams, die wir heute sehen werden, bislang Standard gewesen. Wobei Senegal da - im Notfall, bei Rückstand in der Schlussphase, also dem, was der alte Happel "Hollywood" genannt hat, auch auf ein 4-2-4 umstellt, was Angola, aufgrund fehlender Spieler dafür nicht wirklich könnte.
Komplexer wird es bei Tunesien. Dort startete man mit einem 4-3-3 ins Turnier, wobei die drei im Mittelfeld eher aufbauende, weniger offensive Aufgaben hatten, und stellt im zweiten Spiel auf ein 4-4-2 um, mit (dem im ersten Spiel ignorierten) Ben Saada als zentralem Kreativen hinter zwei Spitzen. Auch hier: ein Plan B, jederzeit umsetzbar.
Ähnlich war es bei dem taktisch ja verwandten Marokkanern. Auch da pendelte man zwischen einem 4-4-2 und einem 4-3-3 mit drei vorsichtigen Mittelfeldspielern, das im Notfall auf ein 4-2-4 mit gleich vier Spitzen ummontiert wurde.
Wirklich daneben:
das südafrikanische System mit dem überflüssigen Libero vor der Abwehr, einer reinen Vorgabe, die einer der drei, vier Gründe ist, warum dieses Team (auf spielerisch hohem Niveau) scheitert; und das 5-3-2, mit dem Mali ins letzte Spiel reinging - um es prompt zu Recht zu verlieren.
Obwohl auch hier die Umstellungen mit einem gewissen Hintersinn erfolgt waren: in der "Hollywood"-Phase etwa, spielte Seydou Keita, an sich zentraler Mittelfeldspieler, eine Art Libero im Sturmzentrum - der Versuch, den besten Mann an die in diesem Moment wichtigste Stelle zu setzen.
Aber auch die kleineren Nationen (die allerdings weltranglistenmäßig in etwa gleichauf mit Österreich sind) agieren systemisch, strategisch und taktisch auf anständigem Niveau: Guineas 4-2-3-1 etwa ist blendend installiert (auch wenn man zu abhängig von einem zentralen Führungsspieler ist); Namibia variierte zwischen ebendieser Aufstellung und einem 4-4-2; und Benin und Zambia legten sich auf ein 4-4-2 mit zwei Ketten fest - für eine mittelfprächtige Mannschaft, die mitspielen möchte, vor allem aber defensiv gut stehen muss, ist das fast optimal.
Selbst das immer etwas verhuscht
ins Spiel gehende Team von Nigeria orginisierte sich nach einigen Minuten dann von selber und versuchte seine Qualitäten in den Vordergrund zu spielen - wenn man, wie im letzten Match - vier echte Angreifer aufstellt, dann wird auch das Spiel dementsprechend organisiert sein.
Das ist zwar keinesfalls vorbildlich, legt aber trotzdem den Finger auf die Wunde "österreichische Nationalmannschaft". Denn da gibt es genau zwei verschiedene Varianten: ein 4-4-2 mit zwei Ketten oder ein 4-5-1 mit zwei Ketten und einer zentralen Offensivkraft hinter der einzigen Spitze; einem 4-5-1 wohlgemerkt, das mit einem modernen 4-2-3-1, mit dem man es oberflächlich gern verwechseln kann, leider nichts zu tun hat.
Ein 4-5-1 tauchte hier, beim Afrika-Cup im übrigen nicht auf, nicht einmal bei der taktisch, äh, "flexibelsten" Mannschaft, der des Sudan.
Jeder der Finalisten hier beim Afrika-Cup legte nämlich, und das ist das dritte, zu Beginn nicht erwähnte Fazit, der Bonus für Fertigleser quasi, zentralen Wert auf die Offensive, hatte zumindest zwei, meist drei Spieler auf dem Platz, die ein ganzes Spiel lang ans Finishen, ans Toreschießen denken. Auch etwas, was bei Hickes Truppe nicht der Fall ist.