Es ist seltsam. Ich hab dem österreichischen Team gegenüber ein gutes Gefühl, erstmals seit längerer Zeit. Ist es nur, weil man es lange nicht spielen sah? Oder weil mir der bislang vergnügliche Winter mit Premier League und Afrika-Cup gezeigt hat, wie schön das Spiel an sich sein kann? Oder hat mich Hicke ausgetrixt?
Ich gestehe: es ist selbstverständlich leichter, reflexartig dagegen zu sein (deshalb erschwer ich mir das dann auch absichtlich mit der Pflicht zur genauen Analyse; das wiederum ist wesentlich schwerer als blauäugig dafür zu sein und um ein eklatantes leichter, als aus verschwörungstechnischen Gründen alles anzuzweifeln, Realität wie Kritik, aber das ist eine andere Geschichte ...) als Gründe für einen fundiert-positiven Ansatz zu finden.
Und irgendwie komm ich mir vor wie Hänsel und Gretel auf einer Brotkrumen-Spur, die sie nicht selber gestreut haben ...
Hickes Checklist könnte der Grund sein. In den letzten Monaten, Wochen, Tagen hat er alles gemacht um Typen wie mich massiv zufrieden zu stellen. Nachdem ihm Zeitungs-Schmieranskis und deren zeitgemäße Pendants natürlich komplett wurscht sein können, wird es das aber auch aus andere Gründen getan haben. Und meine Vermutung sagt: aus den richtigen. Und dann wundere ich mich über diese Vermutung und staune kurz.
Hickersberger hat Emanuel Pogatetz zurückgeholt,
den Mann, der vor fast zwei Jahren, zu Beginn dieses EM-Logs brutale Wahrheiten emotional an- und ausgesprochen hat, die zu seinem Rausschmiss (primitiver Reflex der Nomenklatura), in weiterer Folge jedoch zu einem systematischen Abarbeiten der von ihm angesprochenen Fehler führte.
Pogatetz ist "schuld" am verbesserten Mental-Training, am Engagement eines international anerkannten Kondi-Trainers. Erst nach der Pogatetz-Kritik wurden die Aufgaben des Trainerteams wirklich strukturiert und geschickter verteilt, wurde Augenmerk auf eine genügende taktische Vorbereitung und eine verbesserte Ausrüstung der Spieler gelegt.
Die Pogatetz-Kritik machte der Öffentlichkeit auch klar, dass nicht der wankelmütige Andi Ivanschitz, sondern Martin Stranzl der echte Chef dieses Teams ist.
Pogatetz ist schuld dran, dass man Spieler, die Zusatz-Programme abspulen, nicht mehr behindert, sondern unterstützt. Bestes Beispiel: die Extra-Tools, die man ihm jetzt (medienwirksam verbraten) vor dem Deutschland-Spiel aufgestellt hat.
Wenn man sich die alten Pogatetz-Aussagen anschaut und wie eine Checklist betrachtet, dann sind 90% der Forderungen erfüllt, und beim Rest zeigte die ÖFB-Mannschaft zumindest guten Willen.
Wenn das kein Erfolg ist, dann weiß ich nicht.
Und durch die durchaus öffentlich sichtbar präsentierte Rückholung des Boro-Legionärs wird das auch noch unterstrichen.
Hickersberger hat Roland Linz zurückgeholt,
den er nach der Katastrophen-Leistung gegen Chile im letzten September aus dem Team geworfen hatte, auf Geheiß seines ahnungslosen Präsidenten, der mit dieser dümmlichen Aktion nicht nur sportliche Inkompetenz, sondern auch eklatantes Unwissen um simplen Management-Angelegenheiten offenbarte.
Dass Hicke nicht so sehr das, sondern sich selber und sein unsinniges Abnicken dieses Blödsinns jetzt öffentlich als "Fehler" bezeichnet, macht mich im positiven Sinn sprachlos.
Dass auch Thomas Prager wieder seine Chance bekommt, und Alt-Metall wie Ivo Vastic weiter (zurecht) verweigert wird - auch richtig und wichtig.
Hickersberger macht sich dann sogar zum absoluten Affen,
um etwas zu tun, was mindestens ebenso wichtig wäre: die Rückkehr des Mühsamen, Paul Scharner.
Der, der Mühsame, ist in seiner derzeitigen Verfassung unverzichtbar, aber er ist halt mühsam, so als Mensch.
Dass sich Hicke das antut, ist toll.
Dass er sich darüberhinaus antut, von den Medien dann als Umfaller angestichelt zu werden und den Trotteln damit eine Ausrede im Versagensfall (die Schlagzeile "Scharner zerstörte gesundes Teamgefüge" wird jetzt bereits vorgebaut!) liefert, ist ganz ungeheuer mutig.
Mir zeigt das, dass dem Teamchef wirklich was liegt an einer guten Euro seines Teams.
Und daran, das darf man nicht laut sagen, aber ich tu's, hatte man bislang zweifeln müssen, so nonchalant, so wurschtig und so tranig war er es angegangen.
Damit ist's seit ein paar Tagen vorbei. Hicke, die langsame Schnarchtüte, hat sich neu erfunden.
Er ist jetzt Happy Hicko,
der Spaßmacher und Chef-Koarl.
Er münzt seine Fähigkeit zu Ironie und Sarkasmus endlich richtig um, verpfändet das nicht in langüberlegten faden und ausgewogenen Statements, sondern pfeffert seine Gags ungefiltert raus - ihm ist klargeworden, dass man (mit einem Grinsen) eh alles zurücknehmen kann; wozu sich also anscheißen vor so etwas lächerlichem wie den heimischen Medien?
Außerdem forciert Hickersberger die, meiner unerheblichen Pseudo-Teamchef-Ansicht nach richtigen Spieler, Garics vor allem, Stranzl und Prödl sowieso, behält den Kontakt zur jungen, zweiten Mittelfeld-Garde mit Kavlak, Salmutter (auf Abruf) und Junuzovic (wieder in der U21).
Außerdem ist Payer verletzt und so bekommt endlich Gratzei eine Chance - alles Dinge, die mein Vertrauen erhöhen.
Alles scheinbar aber auch Dinge, die die Stimmung innerhalb des Teams verbessern. Wenn Chef nicht mehr trübsalblasend herumtrant, dann wirkt sich das aus.
Vielleicht bin ich auch nur deshalb zu optimistisch,
weil ich als Kiebitz am Stadion-Trainingsplatz den leibhaftigen Roger Spry bei einer echten Trainingseinheit gesehen habe - und zwar an einem Tag, an dem erst neun oder zehn Spieler da waren.
Mit Spry ging es mir bislang wie Emmy Werner mit dem Baumeister Lugner: ich war mir nicht sicher, ob es den wirklich gibt, oder ob der nicht nur eine erfundene Figur ist. Dass und wie der zerfurchte Engländer aber mit Stranzl und den anderen Buben herumspielte, zerstreute aber einen guten Teil meiner Befürchtungen.
Mit dem heutigen Spiel gegen Deutschland wird das alles - sehr wahrscheinlich - nichts zu tun haben: die sind außer Reichweite, x-fach besser und besser eingestellt und besser betreut. Außerdem wird da probiert, taktiert und geblufft werden; Aussagekraft: minimal.
Solange aber die jetzt beginnende Stimmungslage gehalten und verbessert werden wird, solange an einer Einberufung der Besten gearbeitet wird, und solange der (erstmals erfolgten) Ankündigung, diverse taktische Varianten auszuprobieren, auch Taten folgen, besteht berechtigte Hoffnung. Und unter deren Einfluss schreibe ich diese fast gehirngewaschen klingenden Zeilen.