Weil es in einem Testspiel wichtig ist seine Möglichkeiten abzuchecken, an bestimmte Grenzen zu gehen. Und weil es darum geht sich innerhalb der selbstgestellten Parameter zu verbessern, also hier erfolgreich zu sein.
Weil ein Spielen auf Resultat nur was für Wetter- und Ergebnis-Spießer ist, die dürre Zahlen brauchen, um sich dran festzuhalten, weil ihnen die Voraussetzung für das Verstehen des Wesens des Spiels fehlt: Fantasie.
Davon hatte die gestrige Mannschaft eine Menge. Schuld daran ist nicht nur die gestern hier besprochene, auf seltsame Art entstandene positive Stimmung, sondern ein Dreh Hickersbergers; und ich selber bin am allererstauntesten darüber, das hier anmerken zu müssen.
Wäre ich Egozentriker, würde ich meinen, der Teamchef liest mir derzeit jeden Wunsch von den Augen ab.
Vor einer Woche hab ich hier eine Art Wunschliste vorgelegt, die sich aus den aktuellen Spielen des Afrika-Cups ergeben hat - weil ich ja auch irgendwie dauernd die österreichische Nationalmannschaft mitdenke.
Da geht es im wesentlichen um zwei Erkenntnisse:
zum einen die Fähigkeit "innerhalb von Minuten ein System umzustellen und Plan B oder C aus dem Ärmel zu ziehen" und darum, "dass die Teamchefs ihre Systeme und Taktiken danach wählen, welches Spielermaterial sie zur Verfügung haben, also auf die vorhandenen Stärken abstimmen."
Praktisches Beispiel war Ägypten: "Dort lässt der Teamchef großteils ein 3-5-2 spielen, also ein System, das nicht mehr sonderlich oft angewandt wird. Warum? Zum einen, weil ihm die guten Flügelspieler fehlen, zum anderen, weil er ein Überangebot an guten Innenverteidigern und zentralen vielseitigen Mittelfeldspielern hat."
Was macht Hickersberger gestern?
Er akzeptiert den Fakt, dass ihm (noch dazu nach dem Ausfall von Garics) die guten Flügelspieler fehlen, dass er ein Überangebot an guten Innenverteidigern hat und baut daraus ein 3-5-2.
Anstatt ein psychisch instabiles Team in eine gutgemeinte Schablone zu pressen, lässt er es ihren Fähigkeiten entsprechend auflaufen. Dass ich die Dreier-Abwehr an sich grauslich finde, ist hier nicht weiter von Bedeutung, weil es anno 08 nicht mehr darum geht so modern wie möglich zu spielen, sondern darum das jeweils beste Outfit für die Mannschaft anzuziehen; Plan B auszupacken.
Außerdem lässt Hicke sein 3-5-2
ja nicht so ablaufen wie es die Steinzeitler hierzulande gern tun, sondern orientierte sich auch da an guten Vorbildern.
Wie Zidan beim ägyptischen Team agierte da Kapitän Ivanschitz quasi als dritter Angreifer, als Spitze hinter den Spitzen. Womit der akute Schwachpunkt der Nationalmannschaft, das Mittelfeld nicht mehr als Bremser, sondern als Antreiber tätig war. Vor und hinter Christian Fuchs etwa war niemand, also musste er die Wege allein gehen (abgesehen davon, dass er als jemandem, der dieses System kennt, erstmals wirklich befreit spielen konnte) - was für eine massive Tempo-Steigerung sorgte.
Die gesamte Ausrichtung des Spiels war auf den schnellen Pass in die Spitze ausgerichtet (etwas, was in ein paar guten Minuten der Spiele von 07 immer nur angedeutet zu erkennen war), die recht sichere Abwehr brachte die Bälle schnell zu den Attackanten (die Flügel und Ivanschitz), die dann sofort weiterleiteten.
Eine Halbzeit lang zappelte das deutsche Mittelfeld verwirrt hinterher.
Dass sich das nicht in Toren niederschlug - auch egal; mir haben alle Stürmer sehr gut gefallen, giftig, schnell, abschlusssuchend. Dass es der Gegner in der zweiten Halbzeit verstand sich drauf einzustellen und drei eher glückliche Tore (ein Weitschuss, ein Offside, ein Tormannfehler) erzielte - geschenkt.
Wirklich wichtig ist und war der erstmals seit Ewigkeiten festzustellende Zug zum Tor, der Wille zur Offensive, der Mut das Spiel zu machen und die strategische Entscheidung sowas wie einen offensiven Konterfußball zu spielen.
Das sind, mit Verlaub, allesamt Dinge,
die wir beim österreichischen Nationalteam seit Jahren nicht mehr gesehen haben - vor allem nicht in dieser verdichteten Form der 1. Halbzeit.
Dass die Mannschaft auch nach drei Gegentoren nicht zusammenbrach und sich angefressen zerfleischte, zeigt ihr Begreifen der Wichtigkeit dieser Spielanlage.
Es war ein grandioser Sieg, was bei einem Resultat von 0:3 eher selten vorkommt.
Weil ich eben dieses Grund-Gefühl des Wunschkonzerts habe, zwei Anmerkungen zu eklatanten Schwachstellen (und damit meine ich nicht die Tormann-Position, die sowieso einer ausprobiererischen Rotation unterliegt).
Rechts war Standfest von diesem klugen Spiel inhaltlich überfordert. Er ist zu sehr ein Typ der alten Schule, kommt mit dem Umschalten zwischen Defensive und Offensive nie schnell genug nach, um da mit den anderen Schritt zu halten.
Klar ist er derzeit nur Back-Up für Garics, aber da muss es einen Besseren geben.
Zweites Problemkind: Rene Aufhauser.
Im American Football wäre er ein perfekter Special-Teamer, also jemand, der nur für bestimmte Situationen aufs Feld kommt, als Punter bzw. Kopfballspieler. Wie seit bereits Monaten findet und fand Aufhauser keine Bindung zur Mannschaft; er ergeht sich in Einzelaktionen des Zerstörens und Balleroberns, ohne mit dem Besitz etwas anfangen zu können. Nur Alibipasses oder recht schneller Ballverlust aufgrund schlechter Weiterleitung ist doch deutlich zu wenig.
Sein Nebenmann Jürgen Säumel und die paar Minuten, die ihn Thomas Prager ersetzte, zeigten, was man aus seiner 6er-Position rausholen kann an konstruktiven Aktionen.
Wenn
sich die Mannschaft die aktuelle psychische Hochblüte bewahren kann, wenn Hicke weiter happy bleibt, wenn das Geplänkel mit Scharner einen sinnvollen Ausgang nimmt, wenn die verletzten Austrianer gut zurückkommen und wenn sich die Spieler der heimischen Liga nicht von den ab nächste Woche anstehenden dortigen Partien runterziehen lassen, dann ist auch im März was möglich, im nächsten Test gegen die Niederlande. Und auch hier kann eine Niederlage ein Sieg sein.