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Wien | 23.2.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Growing Old.
 
 
 
 
Zum freitäglichen Neil Young-Konzert in Wien.
 
Der alte Mann, der da in der 1. Halbzeit seines Auftritts im Austria Center, dessen Atmosphäre ohnehin an ein Fußpilz-Symposion gemahnt, auf die Bühne trat, wirkte verloren, ein wenig disloziert, derangiert, als ob ihm nach jedem Stück, das er auf Akustik-Gitarre, Banjo, Piano oder Organ darbot, aufs Neue entfallen wäre, wo er sich wozu befinde.

Dass sich dazu noch mehr als die Hälfte der Stücke irgendwie mit dem Alter beschäftigten (die Old Men tauchten da gleich mehrfach auf), ließ auch nichts Gutes erhoffen - noch dazu, wo die ein wenig jüngere Frau des alten Mannes im Vorprogramm bloß ein schön betuliches Country-Set gespielt hatte.
Das vermied der alte Mann im hellen Schlafanzug-Anzug jedoch, knapp, indem er stilistisch doch noch mehr im Folk, oder besser, seiner Variante davon, hängenblieb.

Irgendwie bot diese doch beängstigend geriatrische Sitz-Show einen Vorgeschmack auf die Auftritte, die Neil Young noch mit 85 abliefern wird, im Rollstuhl oder im Altenheim: relativ gesehen hatte das immer noch Wucht und Klasse, aber absolut... für uns hier draußen...
Immerhin entließ er uns mit einem mehr als eindringlich gespielten "Old Man" in die Pause.

 
 
Dirty Old Man.
 
Anfang der zweiten Halbzeit kam ein anderer Typ auf die Bühne, der einen dunklen Anzug trug, den eine von Jackson Pollock vorher mit Blattgold gefütterte Taube von oben bis unten beschissen hatte.

Dieser andere Neil Young schnallte sich eine E-Gitarre um und ging es mit einer extra-rotzigen Version von Mr. Soul, quasi seinem Debüt-Hit von vor tausend Jahren, los.

Dieser andere Neil Young, wohl der bewegliche junge Bruder des von Zipperlein geplagten Alten aus der 1. Hälfte brauchte gerade einmal eine Minute, um sich in seinen klassischen Tanzbär-Wiegeschritten wiederzufinden, mit denen er seine Band anspielte, während er zwischen den Stophen ein wenig solierte.

Die Band war nicht Crazy Horse, aber fast: Ralph Molina am Schlagzeug war an Bord - samt Jolly Roger.
Billy Talbot und Frank Sampredo waren daheim geblieben - womöglich hatte der andere Neil Young, der alte, seiner Frau und seinem Arzt versprechen müssen, nicht wieder mit diesen wilden Rock-Schweinen auf Tour zu gehen, und sich dann jeden Abend dreieinhalb Stunden in orgiastischen nichtendenwollenden Sounds zu wiegen, sondern halt kürzer zu treten.

Deshalb die Halbzeit-Variante und deshalb auch die B-Ausgabe von Crazy Horse.

Seht, hatte Neil Young wohl zu Frau und Arzt gesagt, ich nehme nur diesen stoischen Indianer hier und meinen alten Freund Weißhaar mit. Was soll da schon passieren?

 young vor ein paar tagen in antwerpen, noch mit anderem anzug
 
 
Old man look at my life.
 
Der Trick gelang.
Young brachte Molina, Weißhaar Ben Keith und Rick Rosas, den Bassmann, gehörig ins Schwitzen.

Und er grinste deutlich, als es dem Publikum in diesem unpackbar beschissenem Saal, in dem dieses Konzert stattfinden musste, zu bunt wurde, es die inkompetente Saalbesatzung überrannte, nach vorne stürmte und aus einer Tagung ein Konzert machte - zu den Klängen von "Hey Hey My My" noch dazu, wie programmatisch...

Und Youngs Grinsen hörte auch nicht auf, als man ihn bat doch anzumerken, dass die Veranstalter Angst um ihren Saal hätten, weil der Boden ordentlich schwankte, als das Publikum zu hüpfen begann. Er tat's und es war ihm so wurscht wie nur was - selbst dass das Schifferklavier auf der Bühne durch die Zuschauer-Emphase im Takt mithüpfte und so nicht benützbar war, schien ihm zu gefallen.

Die Bühne hüpfte also weiter mit, vor allem bei Powderfinger und Cinnamon Girl und Rocking in the free World, den Zugaben.

Dazwischen, bei den endlosen Schleifen von Down by the river und No Hidden Path, das gefühlt etwa eine halbe Stunde dauerte und das eigentliche Set beendete, wurde nicht gehüpft, sondern mitgeschwelgt - dieses Gefühl im Sound baden können, als wär's ein Gebirgssee, das schafft Young deshalb auch ohne Crazy Horse, weil eben ER es ist, der diesen Sound zustandekriegt.

 
 
and I'm gettin' old...
 
Damit war ja nicht unbedingt zu rechnen - manchmal kriegt man bei Neil Young-Konzerten, auf denen nicht dezidiert "& Crazy Horse" draufsteht, ja auch Konzeptkunst, Sitz-Country oder anderes Seltsames.

Dass Neil Young selber doch immer wieder auf diesen speziellen (seinen besten) Sound zurückkommt, es trotz des besorgten Umfelds immer wieder riskiert, sich dieser hochkonzentrierten Anstrengung des Hineinkippens, der Versinkens, des Spannung-Hochhaltens aussetzt.

Es ist seine direkte Antwort auf die Zukunfts-Visionen, die in der 1. Halbzeit zu sehen waren. Solange er noch krabbeln kann, wird er das anstreben, was wir im zweiten Teil sehen durften.

Und das ist es, was Neil Young einzigartig macht. Er ist der einzige Old Man, das einzige Überbleibsel der Woodstock-Generation, der nicht nur altern konnte, ohne sich zu verraten (was McCartney oder die Stones nicht geschafft haben), sondern auch noch der einzige, der was zu sagen hat, sowohl textlich als auch musikalisch - und das so zu vermitteln versteht, dass ihm auch die Jungen zuhören (und sich was abschauen können) - etwas was z.B. Dylan und viele andere nicht mehr zustandebringen.

Neil Young ist der einzige, der noch willens ist, sich mit dem Hier und Jetzt auseinanderzusetzen, zu riskieren und unstrategisch zu handeln. Oh, lonesome him.

 
 
Ein kleiner PS-Schlenker noch:
  Warum dieses Konzert im völlig unbrauchbaren Austria Center nächst der UN-City abgehalten wurde, kann niemand schlüssig erklären. Dass man dort nichts aufführen kann, was lauter ist als die Shaolin-Mönche, weiß jeder.
Ich erinnere mich an ein Johnny Cash-Konzert vor zig Jahren, das ebendort zu den exakt selben Bühne-Stürmereien und Boden-Schwingungen führte. Danach wurden Verbesserungen versprochen, aber nie durchgeführt. Diese Publikums-Gefährdung tanzt knapp am Strafgesetzbuch vorbei.

Dass man bei einem Konzert-Ende von 0 Uhr 15 deutlich an der letzten U-Bahn vorbeischrammte, hätte man vorher wissen können (schließlich spielt Young europaweit in etwa dasselbe Set - und die Uhr sollte der Veranstalter schon lesen können) - eine Koop mit den Verkehrsbetrieben, was eine Verlängerung oder zumindest verstärkte Nachtbusse betriftt, wäre also notwendig gewesen (und das geht, wenn selbst wir das fürs jährliche FM4-Fest schaffen...).

So spuckte die Veranstaltung Tausende Menschen in eine von jeglichem Verkehrsmittel abgeschnittene Gegend und überließ sie sich selber. Für 70 Euro aufwärts kann man schon ein wenig Mitdenken, im Fußball heißt das Antizipation, erwarten.
Das war nicht einmal landesligareif.

Und leider machte der Abend auch klar, dass im Vergleich zu der komplett unbrauchbaren Halle selbst der Gasometer oder die Stadthalle Klasse-Konzertsäle sind.

 
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