als es 3:2 stand im Test-Länderspiel gegen die Niederlande, da hatte ich kurz Angst.
Angst, dass es dabei bleibt, und sich Geschichte wiederholt. Vor etwa 18 Jahren gab es schon einmal einen Test vor einem großen Turnier, auch gegen die Niederlande mit Gullit, Rijkaard und Van Basten, damals regierender Europameister und das österreichische Nationalteam gewann damals 3:2. Daraufhin erklärte eine durchgeknallte öffentliche Meinung Österreich zum Favoriten für die WM 90 in Italien - die dann ja bekanntlich eines der weniger glorreichen Turniere in der heimischen Geschichte wurde.
Unlängst schrieb ein altgedienter Kurier-Redakteur, dass er damals mit Mühe verhindern konnte, dass der zuständige Blattmacher damals 1990 mit der Schlagzeile "Österreich jetzt WM-Favorit!" titelte. Der genannte Blattmacher war eine Pfeife der alten (widerlichen) Schule. Die neuen Pfeifen der neuen (ebenso widerlichen) Schule hätten den Ball aufgenommen und bei einem 3:2 was Ähnliches getitelt: Gegen Deutschland schon Weltklasse gespielt - jetzt aber auch alles in Resultate umgesetzt - so kommt Österreich sicher ins Viertelfinale, Bullshit dieser Art eben.
Diese Angst hatte ich gegen 22 Uhr.
Danke an Prödl, Payer, Pogatetz, Huntelaar, Vennegor und Seedorf, dass es nicht dazu kommen musste.
Um Österreichs Nationalteam hatte ich nie Angst.
Es hat mir das, was ich von ihm erwartet habe, gebracht, es hat die Wichtigkeit des Hier und Heute hochgehalten.
Es hat nach dem großen Schritt der Leistungssteigerung gegen Deutschland nicht nachgelassen.
Es hat sich bestätigt.
Es hat bewiesen, dass die Strategie des Tempo-Hochhaltens, des schnellen und direkten Angriffspiels, der überfallsartigen Konter-Attacke kein Zufalls-Produkt, sondern Frucht einer sehr prinzipiellen Überlegung war.
Nämlich der Antwort auf die Frage mit welchen Mitteln man auf hohem Niveau mitspielen kann.
Das gelang nun zum bereits zweitenmal.
Es gelang mit ausgewieseneren Torerfolgen als beim ersten Versuch, und es reichte diesmal für fast 80 Minuten anstatt für 60 wie gegen Deutschland.
Weil es sich um kein Bewerbspiel handelt, sondern um einen Test (für etwas dann wirklich Wichtiges, siehe nochmal den 3zu2-Sieg der Miniplis von 1990, die dann bei der WM peinlich untergingen) ist das aber nicht nur kein Beinbruch, es ist sogar richtig und gut so, dass es (noch) nicht hinhaut - beim Test.
Dazu ist der nämlich da.
Um Österreichs Nationalteam also hatte ich nie Angst.
4-5-2
Trainer Hickersberger, den ich in diesem Journal gern Herrn Hickersberger nennen würde, hatte dieselbe strategische Marschroute festgelegt wie gegen Deutschland.
Er hatte aber anderes Personal zur Verfügung (keinen Stranzl etwa) und verfiel deshalb auf eine Variante, die mir einige Minuten lang den Atem verschlug: er, Herr Hickersberger, ließ sein Team etwas unmögliches, nämlich ein 4-5-2 spielen.
Es gibt Coaches (die diesen Ehrentitel nicht verdienen), denen sowas unabsichtlich passiert - in diesem Fall war es absichtlichste Absicht.
Martin Harnik hatte zwei Positionen zugleich zu spielen: zum einen agierte er als rechter Außenspieler (Konterpart zu Fuchs links), zum zweiten als zweite Spitze neben Linz.
Das eine war seine Rolle für die Defensive, das andere für die Offensive. Den schnellen Wechsel der beiden musste Harnik, der vielleicht schnellste Mann im österreichischen Team wie Speedy Gonzales überwinden - und das gelang ihm auch 60 Minuten.
Mit der dadurch gewonnenen Überlegenheit im Mittelfeld konnte der holländische Gegner die gesamte 1. Halbzeit nicht umgehen - erst die Hereinnahme von Clarence Seedorf änderte das.
Diese Spielanlage eröffnete Andreas Ivanschitz die Möglichkeit wie eine dritte Spitze hinter Stoßstürmer Linz zu agieren - eine seiner besten Rollen, besser als die links oder rechts im Mittelfeld, besser als die mit defensiven Aufgaben. Ivanschitz ist als Vorprescher aus der Tiefe des Raums eine Macht - wenn er einen schnellen Laufpaß bekommt oder einen solchen spielen kann.
Daneben opferten sich Leitgeb als Lückenfüller halbrechts und Jürgen Säumel als hinterster Mann im Mittelfeld - und gemeinsam mit den Außenspielern bildeten sie eine Viererreihe, die vor der eigentlichen Viererkette auf die Niederländer wartete und ihnen 60, fast 80 Minuten lang ein gutes Kombinationsspiel verunmöglichte.
Dieses 4-5-2 von Herrn Hickersberger war ein kleiner Geniestreich.
Wie die U21
Vieles hatte man schon am Nachmittag bei der U21 gesehen, die sich mühevoll, aber mit großem Nachdruck gegen die Slowakei durchsetzte und als Gruppensieger in die PlayOffs für die U21-EM geht (erstmals in der Geschichte): schnelles Direktspiel aus der Defensive, aus der Bedrängnis, gern und viel über die Flügel mit dem direkten Zug aufs Tor zu spielen, das Tempo in den entscheidenden Phasen hochzuhalten.
Die Basis einer solchen Arbeit wird in der Abwehr gelegt.
Bei der U21 waren mit dem spielfreudigen Dober, dem umsichtigen Hoheneder und dem intelligenten Madl (später auch mit Sonnleitner) die dafür genau richtigen guten Leute da (der verletzte Schiemer kann das auch).
Beim Nationalteam ist mit Garics - Prödl - Pogatetz - Gercaliu eine Garnitur gefunden, die (mit der Variante Stranzl, aber auch der theoretischeren Variante Scharner) genau das so gut beherrscht wie sonst keiner der einen österreichischen Paß hat.
Die Aufbau-Arbeit genau dieser Abwehr macht das schnelle Spiel, das den gesamten Platz nützt, erst möglich - und zwar indem sie den Gegner dazu verleitet sich seinerseits auf einen Bruchteil des Terrains zu beschränken und wie die Holländer mit Flachpasses durch die Mitte anzurennen, wo sie von der eng zusammenrückenden Kette problemlos aufgehalten wurde (wobei: einiges an Offside-Glück war da auch im Spiel.
Weil man mit Harnik rechts und Fuchs links teilweise zu einer 6er-Abwehr-Ziehharmonika zusammenwuchs, ging für die Oranjes in der 1. Halbzeit da gar nichts.
Der Rückfall
begann erst ab der 65. Minute.
Zuvor waren es die Österreicher die Chancen herausspielten, während sich auch die von Seedorf neu organisierte Elf erst rantasten musste.
Dann allerdings musste der zwei Spiele zugleich durchlaufende Harnik vom Platz und konnte von Standfest nicht einmal ansatzweise ersetzt werden.
Standfest kann normalerweise nicht einmal ein Viertel des Harnik-Pensums erledigen und seine Flexibilität ist begrenzt. Standfest, die an sich frische Kraft, war es der nach seiner Hereinnahme dafür sorgte, dass die Niederländer über seine Seite (dort wo Seedorf sich aufhielt) Aufwind bekam - einfach weil er sich mit der taktisch zu komplexen Aufgabe nicht zurechtfand.
Auch der zeitgleich ins Spiel gebrachte Janko zeigte maximal wie gut Linz vorher gespielt hatte - nach der 65. Minute gingen nur noch drei Gegenstöße, wo sie vorher im Dauertakt kamen. Roland Linz hatte - wie eigentlich meistens, wenn ich ihn im letzten Jahr gesehen habe, egal ob bei Braga oder im Team - mit seinem Lauf- und Stellungsspiel, mit seiner Art Räume zu schaffen und Löcher zu reißen enormes bewirkt.
Auch der dritte frische Mann, Weissenberger, fiel überhaupt nicht auf - zu sehr Old School ist das, wonach er sich im Kopf orientiert.
Achja: Helge Payer zeigte, dass er zu klein ist; und dass er sich gegen große Lackel nicht zu springen traut. Man kann das auch mangelnde internationale Reife nennen.
Das alles weist uns
und Herrn Hickersberger auf sein derzeit massivstes Problem hin: seine ersten 14, 15 stehen, der Anzug dahinter passt aber nicht wirklich. Das ist dem Teamchef aber wohl selber klar: vor dem Spiel meinte er, dass er eigentlich niemanden einwechseln wolle, wenn es sich nicht ergeben würde.
Und es ergab sich, weil sich einige Offensivspieler eben totgelaufen hatten, was auf ihre horrenden Aufgaben zurückzuführen war.
Nur: die Bank mit Leuten wie Hiden, Ertl, Mörz und den Eingewechselten, dazu noch Typen wie Aufhauser, die schaffen das 60minütige Hyper-Tempo-Spiel, das der erste Anzug derzeit hinkriegt, nicht einmal die 30 Minuten, für die man sie ins Spiel wirft.
Natürlich ist das schwer. Natürlich sind sie besser und fitter als Figuren wie Vastic oder Drechsel, die bei diesem Tempo bereits nach fünf Minuten kollabieren würden. Aber: es reicht nicht.
Herr Hickersberger wird sich also bei der bereits angesprochenen U21 und den dort am Nachmittag in guter Verfassung präsentierten Herren wie Kavlak oder Junuzovic, Hoffer oder Okotie bedienen müssen.
Knackpunkte
Es wird die Aufgabe der verbleibenden aufbauenden Trainings-Einheiten, die die Teamkicker auf Anweisung von Konditions-Trainer Spry derzeit durchführen und auf die Team-Trainingslager im Mai ankommen, ob sich der Saft für die restlichen 30 oder 10 Minuten noch ausgeht.
Wenn der Aufbau wirklich auf das Ziel Euro im Juni ausgerichtet ist, dann ist der derzeitige Prozentstand der Dinge nicht der Schlechteste.
Aber: das was die Herren Spieler in der Liga machen, das reicht nicht. In den Interviews nach dem Spiel entfloh Herrn Hickersberger eine Aussage, die er so sonst (aus falscher Höflichkeit) nicht machen würde: dass es nämlich schwierig für Bundesliga-Spieler sei sich auf internationales Niveau umzustellen, und er darin einen entscheidenden Knackpunkt sieht.
Ich sehe noch einen anderen Knackpunkt: das ist die befremdliche Selbstwahrnehmung des Teams durch seinen Kapitän Ivanschitz.
Gerade weil er derzeit so stark ist wie schon lange nicht mehr, sollte er imstande sein seine vorschnellen und gerne falschen Analysen und seine hohe Beratungs-Resistenz gegen ein realistisches und zielführenderes Bild umzutauschen.
Ivanschitz' Aussage, dass man das Spiel aufgrund individueller Patzer verloren habe - ein populistisch-analytischer Tiefpunkt der Marke Polster/Krankl. Wer sich (auch aufgrund seiner eben noch nicht ausreichenden Fitness) nach 70 Minuten hinten reindrängen läßt, zwingt seine Kollegen zwangsläufig in solche Fehler. Da ist eine solche Abputzer-Aussage eher nur peinlich und unwürdig - und sie zeigt, dass die strategische Analyse doch eher eine Sache für jemanden mit wirklicher Übersicht ist; wie für den Kollegen Stranzl.
Der sich im übrigen (aus ähnlichen Gründen) auch für die Rückkehr von Scharner (dessen schwindliche Abgeklärtheit dem Spiel ab der 60sten mehr als gut getan hätte) aus, was Ivanschitz (aus ähnlich gedankenlos gestreuten Emotionalitäten) ablehnt.
Nachhaltiger Schaden durchs 3zu4 abgewendet
Bundespräsident Fischer bekundete nach dem Spiel Mitleid mit der Mannschaft, die noch verloren hätte.
Ich habe mein Mitleid tags zuvor aufgebraucht.
Es wird alles gut werden, wenn Herr Hickersberger (und auch Herr Stranzl und Herr Ivanschitz) ein paar richtige Entscheidungen trifft, die Spieler auch danach auszuwählen, ob sie geistig mitkommen wenn das Team weiter in einem Spiel zwischen einem 4-4-2, einem unmöglichem 4-5-2, einem 5-4-1 und einem 6-3-1 switcht, ohne damit Probleme zu haben.
Für die Eventualitäten eines Turnier-Spiels unter unberechenbaren Bedingungen sind die unflexiblen und langsamen Gemüter nämlich nicht geeignet. Das ist eine der offensichtlichen Lehren dieses Spiels. Eine von vielen, die fast durchwegs positiv stimmen. Mich zumindest.
Die Angst vor etwas so nachhaltig Schädlichem wie einem 3zu2-Sieg hab ich gegen 22 Uhr 30 eh endgültig verloren. Dieses 3zu4 flüstert jedem, der gut zuhören kann "Keine Angst, es wird alles gut!" ins Ohr.