fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 28.3.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Hundertzweiundzwanzigster Eintrag.
 
 
 
 
Warum Österreich für die EM einen U25-Kader braucht.
 
Mit ein wenig Abstand ist dem, über gut 75 Minuten wirklich prächtigem, Spiel der heimischen Nationalmannschaft im Test gegen die Niederlande noch wesentlich mehr abzugewinnen, als bloß das, was ich hier schon knapp nach Matchende anzumerken hatte, was wiederum auf dem aufbauen konnte, was bereits nach der exzellent gespielten Niederlage gegen Deutschland sichtbar wurde.

Die Anfangs-Formation gegen die Holländer, die von Teamchef Hickersberger viel bewusster als sonst hinausgeschickt wurde, war eine U 25-Auswahl, die mit einem 26-jährigen (Linz) und einem älterem Tormann verstärkt wurde.

Das ist kein Zufall (auch Stranzl ist noch keine 28): ein Team, das das hohe Tempo der aktuellen Strategie (die auch die für die Euro sein wird) gehen kann, MUSS jung und spritzig sein. Für Umdie30-Kicker, die ihr Lebtag in der heimischen Schneckenliga gespielt haben, geht sich das nicht aus - siehe Standfests üblen Auftritt; und auch für Legionäre, die bereits stark über 30 sind, sind das unerfüllbare Kriterien - siehe Weissenbergers unsichtbare Performance.

Mit anderen Worten: wenn Hickersberger sich nicht selber in den Rücken fallen will (um bestimmte Cliquen nicht zu verärgern, Lobby-Interessen abzudecken oder wege geringen Widerstands zu gehen), dann muss er die langsamen Oldies aussortieren.

 
 
Dabei handelt es sich
  um durchaus verdiente Spieler, die in der heimischen Meisterschaft Spitzenkräfte sind.
Bloß: das reicht nicht nur nicht fürs internationale Geschäft, es reicht schon gar nicht für das superkraftaufwendige Spiel des Ö-Teams anno 08, das darauf angelegt ist, den Gegner mittels Supertempo und unglaublicher Laufarbeit zu overpowern.

Da Aufhauser derzeit ausfällt, Kuljic sich im Formtief befindet, Haas keine Chance kriegt und verdiente Altstars wie Martin Hiden eh nur noch formhalber das Bankerl drücken, geht sich dieses U30-Nationalteam auch praktisch aus.

Der Zufall spielt Hickersberger also ordentlich in die Karten.
Ich hoffe, dass er jetzt nicht schasaugert ist, sein Blatt auch erkennt und dementsprechend ausspielt.

Ich riskiere deshalb jetzt hier etwas, was ich ungern tue: im in ganz Österreich gern gepflogenen Aufstellungs-Blabla mitmachen und das alte Teamchef-Spiel spielen.
Aber: hier macht es Sinn. Denn die Testfrage - geht sich ein U30-Kader mit Schwerpunkt auf die U25 tatächlich aus? - muss überprüft werden.

 
 
Also: das Teamchef-Spiel...
 
Im Tor sind zwei 30jährige (Macho, Manninger) und ein 28-jähriger (Payer, der nicht zu verhindern sein wird) unvermeidlich: das macht aber auch nichts, weil sie ja kein Tempospiel gehen müssen. Mir wären second thoughts auf Özcan, Olejnik (zuletzt super in der U21-Quali) oder Gratzei (alle 3 stark U30) natürlich noch lieber.

In der Abwehr wäre Stranzl mit 27 der Oldie, die Ersatzlösung Ibertsberger (rechts und links verwendbar) wäre 26, der Rest sind Jungspunde: Garics, Pogatetz, Prödl, Gercaliu, Schiemer sind ebenso wie Christian Fuchs, der sich zuletzt wohl deutlich qualifiziert hat, und die Optionen Dober und Hoheneder sind alle U25.

Im Mittelfeld wäre Scharner-Paule mit 28 der Älteste - allerdings ist er einer, der in der englischen Liga das höchste Tempo der Welt gewohnt ist; zudem wäre er auch einer, der das Spiel in der kritischen Phase (gegen Deutschland nach 60, gegen Holland nach 75 Minuten) in die Hand nehmen, beruhigen und neu formieren kann (weshalb er demnächst zurückgeholt werden sollte ...).
Säumel, Leitgeb, Ivanschitz, Salmutter, Kavlak, Junuzovic, auch der - von mir sehr geschätzte - Thomas Prager sind allesamt U25, ebenso wie die aktuellen Optionen Korkmaz oder Kienzl.

Stürmer Linz ist trotz seiner optischen Bubenhaftigkeit bereits flotte 26, der Rest (Harnik, Kienast, Janko, Hoffer, Okotie) U25. Passt.

 
 
Selbst mögliche Optionen
  für melancholische Nostalgiker (Aufhauser, Sariyar, Akagündüz, Feldhofer ...) als auch für Vereinsbrillen-Reklamateure (die für Ertl, Maierhofer, Mörz oder gar Lasnik voten würden) wären allesamt U30; und somit zumindest theoretisch für das kraftraubende Spiel, das die österreichische Nationalmannschaft bei der Euro betreiben wird (weil sie es betreiben muß) verwendbar.

Der eben aufgestellte vorläufige 29 Mann-Großkader (rechnet man die Torleute heraus) kommt mit genau 4 Über25jährigen aus - ganz ohne irgendeinem Jugendwahn zu verfallen oder eine Hysterie zu bedienen.
Im Gegenteil: es fallen problematische Altlasten weg, Spieler, bei denen man bei jeder Ballberührung das Gefühl sofortiger Angst verspürt sind da nicht mehr dabei.

Dieser Quasi U25-Kader hätte mein fast bedenkenloses Vertrauen.
Ich hätte bei niemandem die Befürchtung, dass er hirnlos in frühere planlose Untiefen zurückfällt, dass er nicht Willens ist, sich auf ein Highspeed-Tempo-Spiel einzulassen, dass er nicht bereit ist den schnellen Risiko-Paß zu spielen, dass er nicht den direkten Weg in die Offensive sucht.
Alles Gefühle die mich bei den ausgesiebten Kandidaten sofort umfassen.

 
 
Die Weichenstellung dafür
  muss allerdings jetzt getroffen werden. Zumindest intern.

Und hier sehe ich nicht ganz so optimistisch, wie zb noch gestern in die Zukunft.
Ich hab nämlich - über zwei Ecken - Kabinengetratsche gehört, das besagt, dass Coach Hickersberger in der Halbzeit-Pause tatsächlich sowas wie Rückzug verordnet hatte, auf Ergebnis-halten sollten die Burschen spielen.

Eine fatale Fehleinschätzung des eigenen Spiels - ein in den Rückenfallen der eigenen Strategie gegenüber. Irgendwie braucht ein Coach, der sowas anrichtet, selber einen Coach.
Denn mit genau dieser angeordneten Vorsicht im Hinterkopf ließ sich die junge Mannschaft so weit hinten reindrängen, dass es zu derartigen Druckaufbau des Gegner kommen konnte, der in der Folge zu ganz logischen Konzentrationsfehlern führte, die die Gegentore geradezu herausforderten.

In einer Stress-Situation wie einer Halbzeit-Pausen-Einschätzung Scheiße zu bauen, das kann nataürlich jedem passieren - die Linie, die Hickersberger aber bis Ende 07 fuhr, war von genau solchen Rückziehern auf halbem Weg gezeichnet. Und diese Geschichte erzählt uns, dass der Teamchef seine eigene Strategie noch nicht wirklich verinnerlicht hat, seine Highspeed-Offensiv-Linie schon einmal durch den hintereingang verlassen will.

Und da muss man sich dann die Frage stellen, ob jemand, der so zögert/zaudert/nachgibt, auch stark genug ist, um das jetzt Notwendige zu tun, die jetzt wirklich radikale Freistellung aller Alibi-Kicker, die das Spiel aufhalten und vom aktuellen Tempo (vor allem geistig) überfordert sind. Auch wenn sie, wie Aufhauser oder Standfest, gut im sozialen Gefüge des Teams verankert sind.

fm4 links
  fm4.orf.at/emjournal08
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick