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Wien | 2.4.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Hundertdreiundzwanzigster Eintrag.
 
 
 
 
Mathematik und Fußball.
 
Diese Woche hab ich bei einer abendlichen Weggeh-Partie, die sich zufällig vor einem zu vollen Lokal ergeben hat, ebenso zufällig einen jungen Herrn kennengelernt, mit dem sich vortrefflich über Fußball sprechen ließ - keine Selbstverständlichkeit. Und nach einiger Zeit outete er sich dann als jemand, der hier postet, regelmäßig - und dabei etwas tut, was einerseits anstrengend andererseits aber auch wichtig ist: Mir ordentlich auf die Nerven gehen.

Weil ich zu diesem Zeitpunkt aber schon wusste, was ihn hauptamtlich umtreibt (er ist, im weiteren Sinn, Mathematiker), war mir dann auch zunehmend klarer wo unsere Unvereinbarkeiten ihren Ursprung haben.

Denn seine (und apropos Outen: hier bleibt er natürlich anonym) Ansichten und Zugänge zum durchaus komplex anzuhandelnden Thema dieses (und seiner Vorgänger-)Blogs decken sich mit den meinen zu etwa 95%.
Nur bei den restlichen 5 sind wir radikal anderer Meinung.

Er (siehe auch: Mathematik) will für alles, was hier erscheint, eine bestätigende Quelle oder zumindest einen Verweis. Also: Fakten Fakten Fakten.

Ich (aus journalistischer Erfahrung auch aus anderen Bereichen) kann für einiges, was hier erscheint, keine offiziellen Referenzen anbieten, weil es sich um inoffiziell weitergetragenes oder unter dem Siegel der zugesicherten Anonymität Erfahrenes handelt.
Für diese Vorgangsweise gibt es in journalistischen Ethos-Richtlinien (sowie auch klassischen redakteurs-Statuten) Rückendeckung: Die Quelle muss geschützt bleiben dürfen, sofern sie durch Offenlegung (in welcher Art auch immer) gefährdet wäre. Sowas hält auch vor ordentlichen Gerichten.

 alle grafiken von "der standard" - links siehe unten!
 
 
Abgesehen davon,
  dass meinem Diskussions-Partner diese Regel nicht einleuchtet (auch weil sowas in einer exakten Wissenschaft keinen Platz hat - wobei der Journalismus aber eben genau gar keine Wissenschaft ist; wir schweifen ab...), ist er der Ansicht, dass ich auf die angesprochenen 5%, also auf die Infos, für die ich keine Quellenangabe machen kann, verzichten soll.
Ist aus seiner Warte heraus irgendwie sogar nachvollziehbar.
Geht aber nicht.

Denn exakt die ganz heiklen Infos werden niemals offiziell bestätigt. Das ist im Übrigen im jedem Bereich so - Wirtschaft, Politik, Kultur. An der Börse ist das sogar der dickste Problem-Bereich: Da die dortige Kultur auf 100%ige Korrektheit aufgebaut ist, führt schon eine minimale Abweichung durch Insiderhandel zu Katastrophen.

Das bedeutet also: Alles, was wirklich wichtig ist, alles, was Ehrlichkeit und Offenheit bedeuten würde, fällt in diese 5%-Kategorie.
Dass durch die strukturelle Dummheit (und die Unverschämtheit der offen brandschatzenden Totengräber) des heimischen Fußballs eh irrsinnig viel ganz blöde ganz offen gespielt wird, ist eine absurde Ausnahme - darf aber niemanden dazu verleiten anzunehmen, dass diese Handlungsweise in allen Winkeln des Betriebs Usus ist.

Die (wenigen) Schlauen arbeiten nämlich genau mit der Informations-Unterdrückungs- und Verschleierungs-Maschinerie, die auch in der hohen Politik erfolgreich zum Einsatz kommt.

 
 
Wichtig dafür:
  die Kumpanei zwischen Handelnden (Politikern hier, Fußball-Machern da) und den Journalisten. Solange man die zentralen Player der Medien mit Exklusiv-Infos versorgt, die ihnen Vorteile verschaffen, darf man damit rechnen, dass sie alles für die Macher Unangenehme von dem sie erfahren mit höchster Vorsicht behandeln.

Sich in diesen Kreislauf einzuklinken ist fatal - weil man dann vom System des Goderl-Kraulen eingeholt wird, dann nur noch nach dem Motto "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass" agieren kann, eine verlängerte PR-Stelle des Systems ist.
Sich auf diese Vorsicht gar freiwillig und ohne Not einzulassen, weil man ein mathematisch-moralisches Bewusstsein vor sich herträgt, ist für den Einzelnen, wie meinen Zufallsbekannten, mehr als legitim.

Für mich kommt das aber nicht in Frage.
Zum einen, weil ich (siehe oben) die journalistischen Kriterien ohnehin erfülle, zum anderen, weil der freiwillige Verzicht auf die Behandlung genau diese unangenehmsten, weil inoffiziellsten und am forschesten entgegneten Themen nur dem System nützt, nicht aber dem Konsumenten, den man so nur für blöd verkaufen will.

Kleines Beispiel: Ich habe letztes Jahr relativ früh erfahren, dass man den ÖFB-Cup ausfallen lassen will um dem Team ein Mai-Trainingslager zu ermöglichen. Es gab in diesem Zusammenhang sowas wie eine inoffizielle Übereinkunft zwischen ÖFB und Medien darüber nicht zu berichten - man wollte einen Bekanntgabe-Termin abwarten, der sich im Schatten eines größeren Ereignisses verstecken würde.

Ich habe also eine inoffizielle Quelle, keine klare Verifizierung. Soll ich (sicherheitshalber, um die 5% des Mathematikers nicht zu stören) den Mund halten und dann bei der Bekanntgabe sowas wie "was bereits seit Wochen inoffiziell gemunkelt wird..." absondern, oder soll ich die Pläne in dem Moment outen, wo ich davon erfahre?

 
 
In Fällen wie diesen,
  und den vielen ganz unwichtigen Dingen, wie inoffiziellen Einschätzungen von Spielern, Funktionären und anderen Insidern (die das offziell alles natürlich nie gesagt haben) oder noch inoffizielleren Informationen aus (bekanntermaßen verlässlicher) zweiter Hand, stellt sich diese Frage für mich nicht wirklich.

Denn abgesehen vom Redakteursstatut ist es darüber hinaus auch noch das Wesen dieser Veröffentlichung, das derlei Komplett-Absicherung nicht benötigt: Ein Weblog ist, was Subjektivität und Meinung betrifft, sogar noch freier und radikaler als ein Kommentar, der in klassischen Medien offensten Form (in der all die angesprochenen 5%-Infos auch Thema sein dürfen).
Mein Verständnis eines Weblogs reicht sogar so weit, dass ich es als Verpflichtung erachte - genau so vorzugehen, auch weil es ja (aufgrund des Formats) immer möglich ist Verbesserungen vorzunehmen (ich verweise da auf meinen schwachsinnigen Irrtum bei den Rieder Innenverteidigern vor zwei Wochen).

Das heißt: Soweit es geht, stützt sich alles, also auch dieses Weblog, auf die Fakten. Wir sprechen alle vom selben Länderspiel, da lässt sich nichts dazudichten, wir kommentieren alle dieselben öffentlichen Aussagen. Und ich sondere Meinung ab, die ich via Analyse begründe.
Ich kann aber die inoffiziellen Aus- und Ansagen, die erst ein wirklich rundes und ganzheitliches Bild ergeben, nicht weglassen.
Das wäre fahrlässig.
Und es kann nicht Grundhaltung eines Weblogs sein, das durch sein sich bewusstes Raushalten aus dem System genau die Freiheit erarbeitet auch übers Ziel hinausschießen zu dürfen - ja manchmal zu müssen, weil Überspitzung vor allem in Fällen wo die Problematik nicht auf den ersten Blick ersichtlich (weil zu komplex) ist, eine gewisse Unabdingbarkeit hat.

 
 
Mathematik, Teil 2.
 
Apropos: In der Wochenendausgabe des Standard waren zwei Seiten versteckt, die zum Wichtigsten gehören was heuer zum Thema Fußball in Österreich publiziert wurde.
Eine Netzwerk-Analyse auf Basis einer langsfristigen Beobachtung der heimischen Länderspiele (samt Hicke-Interview, Statistiken, Grafiken etc).

Natürlich spielen Statistiken keinen Fußball, selbstverständlich reicht es nicht (wie der Kreuz-Willy es heute völlig richtig anmerkt) wenn der Coach die Taktiktafel mit allem was richtig ist, vollmalt - es ist aber ein wichtiger Schritt für Selbsterkenntnis-Prozesse, die dem Nationalteam mehr als gut tun.

Wichtig ist auch, dass Hickersberger sich traut, öffentlich mit Begriffen wie "Vertikalität" zu hantieren, was bei den Cordoba-Dumpfern der Marke Krankl ja sofort den Intellektualismus-Verdacht bestätigen und sofortige Exekution durch die entsprechenden Medien-Bluthunde nach sich zieht.

 
 
Lustig auch,
  dass die Untersucher meinen, ihnen wäre die gute Leistung von Mittelfeld-Spieler Jürgen Säumel im Deutschland-Spiel erst durch die Analyse aufgefallen. Das war, meine ich, auch in der Erstbetrachtung mit freiem Auge ersichtlich.
Wie überhaupt die Netzwerk-Analyse frappant an das, was ich (ganz ohne Mathe und ganz ohne bestätigende Fakten) am Freitag hier zusammengefasst habe, erinnert: Die zunehmende Festlegung auf eine läuferisch und spielintelligenzmäßig viel fittere U25, den Absturz von Standfest, auf Problemboy Aufhauser (der in den Grafiken als isoliert und somit ineffizient ausgewiesen wird) uvam.

Auch etwas, was mein Diskussions-Partner von unlängst wahrscheinlich gar nicht gerne sieht. Aber: Warum soll er sich nicht mit mir genauso rumärgern müssen wie ich mit ihm - solange die Begegnung auf Augenhöhe so vorbildlich abläuft.

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