fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 5.5.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Hundertzweiunddreißigster Eintrag.
  Zwei Beispiele dafür warum es mir so schwerfällt die ÖFB-Verantwortlichen so zu sehen, wie sie gerne wahrgenommen werden würden.
 
 
 
Die ÖFB-Verantwortlichen sind,
  ebenso wie alle anderen Definitions-Mächtigen, von Handlangern und Günstlingen, von Einflussnehmungs-Versuchern und Feinden umgeben und dementsprechend nicht von der Offenheit eines Einzel-Künstlers, an dem alles abprallt.
Selbst Selbstvermarktungs-Künstler wie Jürgen Klinsmann sind hinter/unter der freundlichen Fassade, die den Publikum um dessen wohliges Gutgefühle (man könnte auch sagen: um dessen Blendung) es geht, ganz böse und knallharte Kerle, die eine brutale Macht- und Informations-Politik betreiben, ja betreiben müssen.

In dieser Blase der Macht (und im Falle des ÖFB mag es keine reele Macht sein, im kollektiv-emotionalen Bewusstsein Österreichs jedoch gibt es eine Bedeutungs-Zuschreibung, ja Überschreibung, die sonst nur in der Hochblüte von Religionswahn existiert) lebt es sich einsam, ohne ernsthafte Reflexion von außen (weil dort im Normalfall Schnorrer, Kuchenabhabenwoller und Feinde wirken). Das macht zum einen Sinn, weil man durch diese Politik die vielen Trottel abschirmt, dann macht zum anderen aber auch keinen Sinn, weil man sich dadurch auch jegliches relevantes Feedback vom Leibe hält.

Im Fall des ÖFB konnte man das anhand des Projekts Euro 08 und der immer just ein deutliches Spürchen zu spät gesetzten Maßnahmen erkennen. Von einer modernen Trainingslehre, wie sie in vergleichbaren Fußball- und Sozio-Kulturen seit bereits geraumer Zeit angewendet wird, ist man in Österreich, wo der Kult dem den Ex-Internationalen immer noch vorherrscht, noch allzu weit entfernt.

Wichtiger und in Österreich zuwenig ernstgenommener Teil dieser modernen Fußball-Managements: Kommunikation; und zwar interne und externe.

 
 
Beispiel 1.
 
Der ÖFB-Trainerstab hat ja eine fixe, seit Monaten bekannte Marschroute, anhand derer die Team-Kandidaten in jeglicher Hinsicht fitgemacht werden sollen für das einzige große Fußball-Heim-Turnier in diesem Jahrhundert. In diesem Zeitplan spielt auch der Urlaub eine Rolle.
Hickersberger sprach dezidiert davon, dass er sich eine Woche zum privaten Gebrauch wünsche. Für die Liga-Spieler war das - nach den Tests letzte Woche - die Zeit vom 1. bis zum 6. Mai.
Denn am Mittwoch den 7. Mai ist das erste Kurz-Trainingslager in Lindabrunn angesagt, am Samstag folgt ein Test gegen Spittal/Drau und am Sonntag geht es dann für eine Woche nach Sardinien.

Die Legionäre sind da nicht dabei, die stoßen am Montag, den 19. 5. wieder dazu, wenn der Kader wieder retour in Lindabrunn ist. Ab dann wird kontinuierlich vorbereitet und auch (in Graz) testgespielt.

Für die Legionäre, die schon am 11. 5. Meisterschafts-Schluss haben, geht sich da also auch noch eine Woche Urlaub aus - für die anderen gilt der 18. 5. als Stichtag.

Dieser Fahrplan war nun allen bekannt. Inklusive der Urlaubs-Daten. Auch Peter Pacult, Cheftrainer bei Rapid.

Als der nun seine sieben Teamspieler in der als Entspannungsphase eingeplanten Zeit zum Training bei Rapid abkommandierte, konnte man die Anstrengung erkennen, die Hickersberger und sein Sprecher Andi Herzog aufwenden mussten um einigermaßen davon abzulenken wie sehr ihnen gerade die Impfnarben aufgegangen waren.

 
 
Pacults Aktion
  ist ein unerhörter, bösartiger und absichtlicher Affront, keine Frage.
Wie es dazu kommen konnte, dass sich ein Vereinstrainer, nur um zu demonstrieren, dass seiner größer und länger ist, aller Absprachen enthebt und alle Regeln bricht, das ist allerdings erstaunlich.

Es weist auf ein massives - und in diesem Fall auch folgenschweres - Kommunkations-Leck hin.

Nun ist die ÖFB-Trainerspitze (wie auch Pacult) ohnehin der Meinung, dass man nicht mit den Spielern reden muss, bevor man sie betreffende Entscheidungen öffentlich bekanntgibt - etwas, was im Berufsleben (zumindest in Firmen/Bereichen, die auf Qualität wertlegen) gang und gäbe ist. Das geht solange gut, solange man am längeren Ast sitzt.

Wenn man dieses Nicht-Kommunikations-Prinzip (das aus der eingang angesprochenen, fatal falschen, Grundhaltung des ÖFB entspringt) aber auch auf die Vereine anwendet, die ja im Rahmen der Bundesliga in einem Dauer-Zwist-Verhältnis mit dem ÖFB stehen, dann ist das ein ganz klarer Schuss ins Knie.
Bei der Erstellung des Zeitplans samt Urlaubs-Phase nicht mit den Vereinen Rücksprache zu halten um dafür zu sorgen, dass die Kicker in der angesprochenen Woche tatsächlich ausspannen und nicht Häuslbaun/Glücksspielen/Pfuschen, das ist von erschreckender Fahrlässigkeit.

Und auch die völlige Abwesenheit eines Notfall-Plans verblüfft: Wenn man draufkommt, dass ein Irrer eine Amokfahrt plant um die ÖFB-Route zu desavouieren, dann muss es dem Präsidenten des ÖFB möglich sein, den Präsidenten der betreffenden Vereins zu kontaktieren und den Schwachfug, den sein Angestellter da durchzieht, zu beenden.

Nichts davon geschah. Pacult gab keinen Kommentar und durfte sich als kleiner Gott fühlen, Hicke ballte die Fäuste in der Tasche und grummelte, Herzog greinte ein wenig, Edlinger konnte sich abputzen und Stickler blieb unsichtbar.

 
 
Beispiel 2.
 
Ich habe vor Monaten einmal eine kurze improvisierte Vorschlagsliste gemacht, was man (Ungewöhnliches) tun kann um sich für dieses einmalige Ereignis einer Heim-EM auch so vorzubereiten, dass man sich nachher keinen Vorwurf machen muss. Dass man dabei z.B. 11vs11-Spiele im Trainingslager möglich machen sollte, das stand da nicht drinnen - derlei ist zu selbstverständlich.
Es ging dabei eher um eine deutlichere Beschäftigung mit strategischen Fragen und auch mit den kroatischen und polnischen Gegnern. Neben einem Buddy-System hab ich dabei auch Exkursionen vorgeschlagen, einfach um rauszukriegen, wo der Gegner denn so herkommt, fußballerisch. Denn ein Abend im Wisla-Stadion in Krakau oder einer im Dinamo-Stadion in Zagreb wirkt viel mehr nach als die beste DVD-Präsentation von Willi Ruttensteiner.

Dieser Tage hat mich ein Leser auf einen Standard-Chat mit Andi Herzog von unlängst aufmerksam gemacht, in dem jemand bei genau dieser Frage nachgehakt hat. Interessanterweise waren auch ein paar andere Fragen (z.B. die nach den taktischen Besprechungen im Vergleich zu Vorbereitungen á la Mourinho) von Journalen inspiriert.
Die Frage an ihn lautete konkret: "Schauen Sie sich auch deutsche, kroatische u. polnische Ligaspiele an, einfach nur um den dortigen Fußball als ganzes zu erfassen, wie es die Deutschen tun?" Herzogs Antwort: "Nein, das machen wir nicht. Weil vor allem in Polen und Kroatien fast alle Nationalspieler im Ausland tätig sind."

Es ging also gar nicht darum, dass man die Teamspieler an den Gegner gewöhnt, sondern darum sich selber ein BIld zu machen. Und es ist, so Herzog, nicht notwendig.

 herzog im standard
 
 
Das kann man so sehen,
  wenn es um die Vorbereitung auf ein freundschaftliches Jux-Turnier geht. Wenn es sich um die Jahrhundert-Chance einer EM im eigenen Land handelt, dann sollten - denke ich - andere Parameter gelten. Zumal der Frager eh ein Hölzerl geworfen hatte: die Deutschen machen es um den Fußball des Landes in seiner Gesamtheit zu verstehen. Denn all die Legionäre haben ja davor irgendwann in der Heimat gespielt, kommen aus der eigenen Liga, sind von ihr geprägt und verinnerlichen, wenn sie in ein Teamtrainings-Umfeld kommen, automatisch auch wieder die alten Werte.

Im heute nominierten 23er-Kader von Slaven Bilic sind tatsächlich nur zwei von Zagreb und einer von Hajduk Split dabei.
Im vorläufigen 31er-Kader von Leo Beenhaker spielen aber z.B. 12 in der Heimat, vier davon bei Wisla Krakau.

Der Kader war schon einige Zeit bekannt, als Herzog seinen Kommentar abgab. Herzog kannte ihn also entweder nicht, oder er sprach bewusst nur die halbe Wahrheit. Und das lässt wiederum auch nur zwei Schlüsse zu: Entweder man geniert sich ein wenig dafür nichts getan zu haben um sich (wie der DFB) dem Fußball der Gruppengegner tatsächlich ganzheitlich anzunähern; oder es ist Herzog und den anderen ÖFB-Coaches einfach tatsächlich alles komplett egal, was mit den Gegnern zusammenhängt.

 
 
In einem normalenösterreichischen Umfeld
  ist das alles nicht ungewöhnlich - die perfid-professionelle Vorbereitung nach deutschem Muster ist unsere Sache nicht.

Bloß: hier geht es nicht um irgendwas.
Hier geht es um die Euro.
Die erste Euro für die sich eine österreichische Mannschaft jemals qualifiziert hat.
Weil es eine Heim-Euro ist.
Eine Heim-Euro wird der ÖFB in den nächsten 20, 30, wohl auch 80 Jahren nicht mehr zugesprochen bekommen - das geht sich aufgrund der zwegerlmäßigen Infrastruktur der putzigen Provinz-Stadien dann nicht mehr aus (denn die Maßstäbe werden nach dieser Euro angepasst, also verändert).

Es handelt sich also um eine einmalige Angelegenheit.
EINMALIG.

Wenn die Verantwortlichen mit dieser Einmaligkeit derart schleißig umgehen, wenn der Teamchef nicht fähig ist mit einem Club-Coach Tacheles zu reden und seine Spieler dann drunter leiden, wenn der Teamchef-Assi nichts über die Gruppengegner weiß und (noch schlimmer) auch gar nichts wissen will - dann macht mich das krank.

Und vor allem: Ich kann dann die ÖFB-Verantwortlichen nicht so sehen, wie sie selber so gerne wahrgenommen werden würden, als umsichtige Kümmerer und wahrhaftige Experten, die das Kind schon schaukeln werden.

fm4 links
  fm4.orf.at/emjournal08
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick