Wahrscheinlich wird es wie immer sein: Jeden Tag wird sich ein neuer, frischer Kandidat aufdrängen und uns, das nach schönem, offensiven, technisch feinem, schnellem und kämpferischen Fußball lechzende Publikum in den Bann ziehen. Manchmal wird das nur aus Respekt vor einem unbarmherzigen Arbeitssieg der Fall sein, manchmal weil sich ein Team vor einem nahenden Abgrund rettet - manchmal aber auch, weil die eben aufgezählten Tugenden tatsächlich zum Tragen gekommen sind.
Deshalb ist der Europameister des Samstags, Portugal, ein guter Auftakt für diese täglich wechselnde Riege an Favoriten. Denn heute, an diesem Auftakt-Tag der Euro 08 waren sie die Kings. Mit durchaus deutlichem Abstand.
Musste man im Eröffnungsspiel (und es war halt wieder so ein Eröffnungsspiel, man kennt das ja...) noch mit dem Schweizer Hausherrn, der es nicht rüberbrachte, mitleiden, war es im zweiten Spiel - quasi dem Hauptkampf des Abends - dann so, dass ich nie wirklich das Gefühl hatte, dass der immer fleißig nach vorne spielenden portugiesischen Mannschaft wieder einmal ihre schwache Chancenverwertung auf den Kopf fallen könnte, dreier Stangentreffer zum Trotz.
Aber: der Reihe nach.
Schweiz - Tschechien, 0 : 1.
Beide Mannschaften gingen wie erwartet in die Begegnung, die Schweiz mit dem vorsichtigen 4-4-2 mit zwei 6ern (Inler und Gelson), die Tschechen mit dem Tannenbaum, einem 4-3-2-1, beide in den erwarteten Besetzungen.
Warum über die erste Halbzeit inhaltlich der Mantel des Schweigens zu breiten ist, lässt sich nicht nur mit der Tradition schlechter Eröffnungsspiele erklären. Köbi Kuhns Team kam nicht ins Spiel, und die defensiv eingestellten Tschechen hatten kein Interesse viel zu machen. Der einzige, über den etwas ging, war Libor Sionko über rechts - der spielte Magnin (und auch Barnetta) mürbe, eröffnete seiner Mannschaft zahlreiche Halbchancen.
Dass daraus wieder nicht mehr wurde, liegt am einfallslosen "hoch auf Koller, der lässt abprallen, und dann schaun wir einmal"-System.
Das hat zuletzt nicht gereicht, und brachte auch in diesem Spiel zuwenig.
Dazu kam, dass die linke Seite mit Polak und Plasil wenig im Spiel war sowie das eklatante Problem dass Petr "Haube" Cech mit dem Spielball hat: die Tschechen wankten bedenklich.
Dass daraus wiederum die Schweizer kein Kapital schlagen konnten, lag unter anderem an den übernervösen und übermotivierten 6ern, die wie aufgeregte Maturanten auf der Feier herumliefen, an einem völlig unsichtbaren Marco Streller und einem deutlich geschwächten Barnetta. Sowas äußert sich z.B. in verheerenden Standards oder Flanken. Wären nicht die Abwehr, Behrami und Frei halbwegs geistig fit gewesen - gute Nacht.
Das Drama um Alex Frei.
Die Schweiz ist, wir erinnern uns, mit nur drei Stürmern ins Turnier gegangen - ein Irrsinn, der z.B. England 06 ins Out bugsierte. Als Kapitän Alexander Frei Ende der 1. Halbzeit nach einem nicht allzu schlimm aussehenden Foul von Grygera am Boden lag und dann draußen behandelt wurde, hab ich mir nichts dabei gedacht.
Als er dann mit Tränen in den Augen, oder besser: einem Heulkrampf rausgeführt werden musste, war klar, dass hier was wirklich Schlimmes passiert ist. Mittlerweile wissen wir: sechs Wochen Pause, EM vorbei.
Das ist bitter für alle Beteiligten.
Interessanterweise steckte die Nati genau das schnell weg, begann die 2. Hälfte mit viel Druck. Kuhn hatte Streller in die vorderste Linie geschoben und ihm Hakan Yakin neu zur Seite gestellt. Und der brachte - ganz gegen meine Vorurteile und Erwartungen - genau das ein, was dem Schweizer Spiel bis dahin gefehlt hatte: Druck und Konstanz, das Gegenteil der Gymnasiastenballs eben.
In den ersten zehn Minuten hatten die Tschechen Mühe die Temposteigerung mitzugehen, die Euphorie der guten rechten Seite war zerbröselt, man stand mit dem Rücken zur Wand. Teamchef Brückner stoppte die Partie mit einem Tausch: Vaclav Sverkos, der in Deutschland (und auch bei der Austria) keinen Fuß auf den Boden brachte und jetzt in Ostrava in der Heimat spielt, ersetzte den heute abend seinen technischen Tiefpunkt erreicht habenden Jan Koller.
Bereits ein paar Minuten später segelte Sverkos an eine der vielen guten Bälle von Linksverteidiger Jankulovski (denn hier, bei den Crosses, waren die Tschechen einfach besser) vorbei. Zehn Minuten später gelang ihm dann der durchaus glückliche vorbereitete (quasi "passierte") aber konzentriert finalisierte erfolgreiche Torschuss.
Stimmungstöter
Natürlich hätte schon knapp davor Yakins Kopfball sitzen müssen. Natürlich grenzt es an Irrsinn, dass zehn Minuten später die Superdoppelchance von Barnetta (Cech zeichnet sich aus) und dem eingewechselten Vonlanthen (Latte) nichts einbringt. Und natürlich kann man lange und breit über die Qualität von Ujfalusis Handspiel (Absicht? Angelegt? Ball zur Hand? Hand zum Ball?) diskutieren.
Der Run der Schweizer in den letzten Minuten blieb unbelohnt. Auch eine Umstellung auf ein offensives 4-4-2 mit Raute (Gelson als rechter Verteidiger, Yakin offensiv zentral, Vonlanthen und Barnetta als echte Flügel und die beiden verbliebenen Schweizer Stürmer als Doppelspitze) half nichts.
Das ist schade und böse, weil es ein Stimmungstöter beim Gastgeber ist, weil die Frei-Verletzung als Fanal noch dazu kommt.
Aber: Soviel besser als das vorsichtige tschechische Team war das übernervöse Schweizer Team dann letztlich nicht wirklich. Ein Remis hätte die Leistung besser gespiegelt - so bleibt die Erkenntnis, dass sich alles an diesem Abend gegen die Nati verschworen hatte.
Bleibt noch anzumerken, dass Johan Vonlanthen, der vom alten Trap Geschmähte einiges bewegen konnte. Und dass Sionko in der 2. Halbzeit kapital zurückfiel.
Und: Ohne das zweite Spiel noch gesehen zu haben, war allen klar, dass das was beide Teams gezeigt hatten, nicht reichen würde, um das Publikum von ihrer Europameister-Würdigkeit zu überzeugen.
Portugal - Türkei, 2 : 0.
Das, was die Kontrahenten beim Hauptact zu bieten hatten, sah von Anfang an wesentlich besser aus. Bei Portugal war es die erwartete Einser-Formation, doch mit Ricardo im Tor, weil sich sein Back-Up Quim verletzt hatte (für ihn wurde noch schnell Nuno von Meister FC Porto von Porto nachberufen) und mit den alten Häuten Simao und Kapitän Nuno Gomes, dem ewigen Mittelstürmer. Das alles in einem 4-3-3 mit dem zentralen Verbund Moutinho (halbrechts), Petit (defensiv) und Deco (halblinks), dieser einander wunderbar ergänzenden Troika.
Bei den Türken begann Hamit Altintop, wie öfter im Team, als Rechtsverteidiger, links spielte Hakan Balta und im Mittelfeld, etwas überraschend, beide Beute-Türken, sowohl der Ex-Engländer Kazim als auch der Ex-Brasilo Aurelio, gemeinsam mit Kapitän Emre. Vorne rochierten Mevlüt und Nihat wie blöde, während Tuncay sich links (vor Emre) hielt. Das lief auch auf ein 4-3-3 hinaus, wenn auch auf ein gänzlich anders angelegtes.
Der Anfang war fulminant: gleich eine gelbe Karte (als Warnung! im Spiel davor kam die erste erst in der 59. Minute!), gleich ein angeschlagenere Spieler (der hünenhafte Servet) und gleich ein Tor, ein tolles noch dazu von Pepe, dem Innenverteidiger nach kurzem Corner und Simao-Flanke. Es wurde zwar (wahrscheinlich fälschlich) offside gegeben, war aber der Auftakt für einen dauerhaften Run aufs Tor von Volkan Demirel (der einen Tag hatte, wie man ihn Petr Cech zugetraut hätte).
Portugal spielte, nein, zelebrierte schnellen, modernen, vertikal gesteuerten Fußball, mit Longpasses aus den Fußgelenken, mit schnellen Kombinationen - und vor allem der oft unauffällige Simao am linken Flügel und Nuno Gomes in der vordersten Linie spielten, als hätten sie Kryptonit in der Suppe gehabt.
Ronaldos Pose.
Als ich mir schon die Frage stellen wollte, wann eigentlich auch Cristiano Ronaldo, womöglich der Spieler des Jahres, vielleicht der des Turniers, eigentlich versteckt war, sorgte der für die Szene des Spiels: Vor einem Freistoß von links baute er sich auf wie der Feldherr auf dem Hügel, maß die Schritte des Anlaufs ab wie der Kicker beim American Football (man wollte schon lachen und ihn ob der Pose verhöhnen) und setzte diesen genial geschossenen Ball ins Eck. Nur Volkans Fingerspitzen brachten ihn an die Innenstange - eine irre Szene, nach der die Türken dann den Anschluss ans Spiel verloren.
Nicht, dass Terims Team schlecht gewesen wäre - ich hab sie länger nicht mehr so kompakt, so klug und gut eingestellt gesehen. Da war strategisch und auch vom Kraftaufwand fast alles richtig. Bloß: der Gegner war an diesem Abend zu stark für sie.
Denn: der übliche Spruch, dass Portugal trotz toller Leistung und guter Chancen wieder kein Tor gemacht hatte und Gefahr läuft sich noch eins einzufangen, der war schon in der Halbzeit-Pause gefühlsmäßig unrealistisch. Man spürte: die machen noch eins.
Und das setzte sich auch in der zweiten Halbzeit fort. Auch nach dem neuerlichen Stangentreffer (wieder von Nuno Gomes, über den ich in den letzten Tagen ein wenig blöd geredet habe - unverzeihlich, ich weiß...) standen die Zeichen gut.
Und das Tor von Pepe (wieder er...) hatte dann nichts "Erlösendes", es war einfach konsequent. Und herrlich: Vorstoß aus der zentralen Abwehr, ein einfacher Doppelpass mit (wieder er...) Nuno Gomes und dann rein in die Schnittstelle, ein echter Traum.
Man liegt sich in den Armen und hat einen Tagessieger.
Als Nuno Gomes 5 Minuten später wieder an die Latte köpfelte war der Widerstand der Türken gebrochen. Sie konnten aus dem Vorsichts-Tausch-Verhalten von Scolari (der systematisch dreimal den defensiveren Mann einwechselte) kein Kapital mehr schlagen - ein Luftloch von Tuncay, mehr war dann nicht mehr, ehe schlussendlich der neue Kapitän, Ronaldo eben, in der letzten Minute ein tolles Tor einleitete - Moutinho (das ist ein Guter!) dreht sich und Raul Meireles vollendet.
Jubel überall, man liegt sich in den Armen und hat einen Tagessieger - den Gruppenführenden.
Natürlich gab auch in diesem Spiel Auskunft über portugiesische Problemzonen - natürlich können sie sich immer noch überspielen, sicher sind Simao und Gomes nur noch für 70 Minuten fit genug.
Andererseits klappte der Umstieg nach dem Nani-Wechsel, als Ronaldo plötzlich echte Spitze spielen musste und vor allem der Umstieg in den letzten 10 Minuten (nach dem Meireles-Wechsel), als man in einer Art 4-2-2-2 agierte, ganz hervorragend.
Die Türken hatten ihr 4-3-3 in der zweiten Halbzeit (durch die Einwechselung von Sabri anstelle des anständig spielenden Mevlüt) umarrangiert, mit Kazim als rechter Spitze und brachten für die letzte Viertelstunde mit Semih einen zweiten Center (für den rechts hinten irgendwie vergeudeten Hamit Altintop - aber die Zwillinge haben bei Fatih Terim irgendwie nicht die Bedeutung, die sie haben könnten, die werden irgendwie komisch eingeschätzt - vielleicht ist ihr Türkisch auch zu schlecht), was sie zu einem 4-2-4 führte (mit Sabri rechts hinten, Aurelio und Emre im Mittelfeld). Auch das ging spielend. Denn die beiden Team können - trotz hohen Tempos und andauernd wechselnder Spielszenen - taktische Positionen spielend wechseln (da hat das ÖFB-Team vorm TV-Gerät hoffentlich gut aufgepasst).
Also: es gab Gutes und Schlechtes heute.
Gut ist, dass sich einer der Favoriten der Herzen auch als Praktiker erwiesen hat.
Gut ist auch, dass sich bei einem Foul von Gökhan Zan an Simao nicht der Gefoulte, sondern der Täter leicht angeschlagen hat und deshalb ausgewechselt werden musste - das sollte öfters so sein.
Schlecht ist, dass die aufopferungsvolle Leistung unseres Co-Hosts nicht belohnt wurde.
Noch schlechter ist, dass das und der Ausfall ihres Captains sie schon jetzt ans Rande des Aus befördern.
Gut ist, dass sich die Tschechen erst beweisen müssen, gleich im nächsten Spiel gegen ein türkisches Team, dass ihnen den Gefallen des Offensiv-Spielen-Müssens nicht machen wird.
Noch besser ist das verdammt hohe taktische Niveau bei dieser Euro, die blindlings durchgezogenen Positions-Wechsel - die vorher gut geprobt und eingeübt waren. Eine Aktion, die zu verstörten Blicken wie denen von Jimmy Hoffer im Nigeria-Spiel führte, leistet sich auf diesem Niveau niemand.
Man sollte es also nicht unterschreiten, morgen, wenn man zumindest partiell dazugehören will.