Die von Klinsmann aufgebaute und von Löw noch einmal durchgeputzte Truppe kann vieles gut, aber eines wirklich ganz besonders: selbstbewusst auftreten, auch oder gerade wenn allerorten Schwachpunkte konstatiert werden.
Die Schwachpunkte, die sind da, merkbar: Lehmann patzt, Merte und Metze sind unsicher, Lahm zauselt, Jansen schwächelt - und trotzdem hält das Ding hinten.
Vorne sind eigentlich alle gerade außer Form, egal Klose, Gomez oder Kuranyi, vor allem aber Poldi/Schweini - und trotzdem ist dann einer da, der das Tor macht.
Und beides mit derselben Selbstverständlichkeit und Sicherheit, die derzeit Ballack ausstrahlt.
Das macht das deutsche Team zum Europameister des Sonntags.
Aber der Reihe nach.
Eher peinlich, Kroatien...
Eigentlich könnte man nämlich dann, wenn man die beiden Spiele der Gruppe B in ihrer Gesamtheit hernimmt, ganz klare Analogien zur gestrigen 1. Runde der Gruppe A herstellen.
Zuerst verliert der Hausherr und Gastgeber, wenn man nur die letzten Minuten hernimmt, sogar ungerecht. Und das gegen einen eigentlich schwachen, in jedem Fall enttäuschenden Gegner.
Denn, mit Verlaub, kroatische Freunde: das war nicht viel, was da von euch zu sehen war. Nach einer Führung einen Gang runterschalten und zu glauben, dass man mit Schuheputzen allein durchkommt, das geht sich nicht einmal mit dem Gegner Österreich aus.
Kroatien, selbsternannter Titelkandidat, sah armselig und ein wenig lächerlich aus, als es gegen Ende angstvoll schwitzend um den Sieg zittern musste, gegen einen Kontrahenten, den man im Vorfeld (auch ein bisserl zurecht, aber letztlich überflüssigerweise) lächerlich gemacht hatte.
Wenn diese Mannschaft im Turnier bleiben will, dann heißt es: steigern, steigern, steigern.
Herr Modric: eine Halbzeit ist nur eine Halbzeit. Was war in der zweiten?
Herr Kranjcar: waren Sie auf dem Spielfeld?
Herr Olic: nach dem Tausch halbtot umfallen, hallo?
Warum pumpt ihr, Kovac-Brüder?
Und, Mannschaft, wo waren eure Chancen nach der 60. Minute?
Okay, das ist Gejammer auf hohem Niveau, natürlich waren die karierten Kicker besser als die rot-weiß-roten, und natürlich hätten sie mehr aus sich rausholen können - aber fühlt sich das gut an noch so in die Bredouille zu kommen, und derartige Stresshormone durch den Körper zu jagen?
Und: reicht es echt, sich auf die daheim national und populistisch gleichgeschaltete Presse zu verlassen, dass sie nämlich eine für ein kroatisches Team unwürdige Leistung zu einem echten Erfolg oder gar Fortschritt hochstilisiert?
Sieht so ein echter Contender aus?
Die andere Analogie zur Gruppe A:
ein Team ist deutlich stärker als die drei anderen.
Und der diesem Unterlegene hat - wie eben auch gestern - eigentlich recht gut ausgesehen.
Polen hatte Deutschland kurz fast gegrillt: das (fälschlich?)offside gegebene Tor von Ebi Smolarek in der 62. Minute hätte das Spiel kippen können - da bettelte die deutsche Mannschaft um den Ausgleich.
Was wiederum wieder keine Analogie zu Portugal war.
Allerdings kann Deutschland - wie bereits erwähnt - derzeit nichts falsch machen. Da tauscht Löw seinen besten Mann, den rechts unfassbar aufspielenden Clemens Fritz, gegen den im Tiefflug befindlichen Bastian Schweigsteiger - und der bringt tatsächlich einen Schub, und nebenbei seine beste Teamleistung seit langem.
Da seppeln die meisten Angreifer im Abseits herum, verwirren aber genau dadurch die doch ein wenig unbewegliche gegnerische Schnittstelle.
Da stolpert Lukas Podolski erst ein wenig verloren im Defensiv-Bereich, wo er nichts verloren hat, herum, ehe er sich zu tollen Linksläufen aufschwingt und dann auch noch zwei Tore macht, die aller Ehren wert sind. Vor allem das zweite: so musst du ihn erst einmal treffen; und es war mit Absicht!
Im übrigen passierte bei Polen Ähnliches: der beste Mann der Anfangsphase, der linke Flügel Lobodzinski wurde, völlig unverständlicherweise, durch den nachnominierten Piszczek (ohne E, und ein Z oder C zuviel um ein Plus1 der Grünen-Vizechefin zu sein) - und auch da ging nix verloren.
Kritikpunkt an Beenhakker
gibt es trotzdem: während Löw das deutsche Spiel wie immer beinhart in seinem reibungslos funktionierenden 4-4-2 hielt, stellte der heute ein wenig gar arg an den müden Klaus Kinski erinnernde Holländer seine Mannschaft nicht oder zu spät um, verzichtete also darauf durch strategische Maßnahmen etwas in seinem 4-2-3-1 zu bewegen.
Die Hereinnahme von Roger Guerreiro, dem Neo-Polen von Legia Warschau, belebte zwar das Spiel nur ein wenig. Erst mit der Hereinnahme von Saganowski in der 75. wurde (auch hier zu spät) umgemodelt.
Allerdings wenig konsequent. Denn vor allem in der Mittelfeld-Zentrale, sonst dem polnischen Prunkstück, klappte zu wenig: Dudka und Lewandowski waren nervös, überfordert und strampelten sich ab, ohne wie sonst Akzente setzen zu können, was das polnische Spiel auf die Flügel verlagerte. Dort waren sie zwar nicht schlecht, aber ein wenig ausrechenbar.
Im übrigen hab ich bei einer Szene im Polen-Spiel fast zu weinen begonnen: als Tormann Boruc einen gefangenen Ball ganz schnell zum sich optimal freilaufenden Krzynowek wirft, und der daraus einen Angriff inszeniert.
War sowas im österreichischen Spiel zu sehen? Nein, und deswegen weine ich.