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Wien | 12.6.2008 | 23:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Eintrag 164. Immer noch Tag 6.
 
 
 
 
Hickersberger ist ein verdammter Lügner.
  Er hat uns tagelang erklärt, dass er und die Seinen mit der beschämenden Defensiv-Anlage des ersten, aus eigener Schuld vergeigten Matches zufrieden seien, und - noch schlimmer - man es auch in der zweiten Partie gegen Polen so anlegen werde: vorsichtig und ängstlich eben. Und nein, eine offensive Aufstellung mit Harnik und Korkmaz an den Flanken würde es nicht geben.

Das sagte der Hicke-Opa und wir mussten es ihm glauben, weil er uns es ja im ersten Spiel auch vorenthalten hatte und viel zu spät erst seine Hasenfüßigkeit ablegte.
Und dann noch die Sprüche, dass man es vorsichtig angehen werde, und superdefensiv anlegen wird, um ja niemandem ins Messer zu laufen. Übel musste einem werden bei soviel Vorab-Schisserei.

 
 
Hickersberger ist ein verdammter Lügner.
  Nichts von seinen entsetzlichen Voraussagen hat er eingehalten, der Beutel, im Gegenteil.

Er hat eine offensiv ausgerichtete Mannschaft aufs Feld geschickt und ihr alle Freiheiten nach vorne gegeben. Sie sind gerannt wie die Irren und haben gepasst und gekreuzt wie in den allerbesten Momenten der Deutschland- und Holland-Spiele zusammen, nein, noch besser, noch schlauer, noch genauer, weil es diesmal auch noch die tapferen einszueins-Situationen von Ümit Korkmaz (später auch einige von Harnik, Garics und anderen) gab.
Sie haben durch diese emphatische Verve so viele irrsinnige Chancen kreiiert, dass man wahnsinnig werden musste, als eine nach der anderen hauchzart danebenging oder vom Über-Boruc (manchmal auch mit den Eiern) abgeblockt wurde.

Und als dann auch noch das Unösterreichische geschah, das sonst eher als deutsch erachtete - bei dieser Euro bislang von Portugal Okkupierte, dass man es nämlich in der Nachspielzeit packt - da war klar, dass Mut belohnt wird. Im Gegensatz zu Kleinmut etwa.

Und: mit diesem System, diesem Druck, dieser Wildheit hätte Österreich Kroatien überrollt.

 
 
Hickersberger ist ein verdammter Lügner.
  Hat alle abgelenkt mit seinen Vorsichtssprüchen und dann die womöglich offensivste, aber sicher intelligenteste Mannschaft seiner Ägide aufs Feld geschickt.

Es war klug Prödl und Stranzl innen zu belassen - der eine ist der mutigste, der andere konnte sich nach dem verpatzten Anfang im ersten Spiel nur steigern.
Es war richtig, den ballsicheren und spielstarken Garics rechts anstatt des überforderten Standfest zu bringen, es war richtig, den Extremsituationen gewohnten Pogatetz links einzusetzen.

Es war richtig, den mit so viel Lenker-Talent ausgestatteten Leitgeb ins Zentrum zu stellen, wo zuletzt Säumel mit dem hilflosen Aufhauser (der diesmal auch wieder ausschließlich im Mittelkreis herumstand, eine Vorgabe sondergleichen, und auch bei Standards unbrauchbar) alleingelassen wurde.
Aufhauser fiel bei den schönen Hintertor-Einstellungen von ganz oben auf, weil er hirnlos direkt vor der Abwehr klebte, ohne Bindung zum Mittelfeld, und von beiden Mannschaftsteilen wieder einmal nie absichtlich eingebunden wurde, ein Irrsinn wieder, aber eben der einzige. Und: Einen Mann kann man gerade noch mitschleppen, bei drei, vier wie gegen Kroatien geht es in die Hose. Trotzdem: Das muss nicht sein. Immerhin hat ihn Hicke dann wenigstens ausgewechselt, seiner Nibelungentreue zu diesem leider nur bis vor ein paar Jahren guten Mann zum Trotz.

 
 
Die Vierer-Offensive
  war dann das Herzstück der unerwarteten Attacke des Hicke-Teams.
So was Ausgefeanztes hat man schon lange nicht mehr gesehen. Die gegnerische Defensive wusste nie, was auf sie zukam, weil die Vier da vorne rochierten wie die Wildschweine.
So kam Dribbelkönig Ümit, der Mann mit dem Zug zur Grundlinie (diesbezüglich der neben Olic begabteste Spieler des Turniers) nicht nur über links, sondern dann auch über rechts.
So war Martin Harnik, die rechte Granate, überraschend lange Zeit auch zentral zu finden oder halblinks. So war Ivanschitz als Löchestopfer dieser Formation oft über rechts zu sehen - und der zu Unrecht vor dem Spiel geprügelte Linz war sich nicht zu schade, den Löcherreißer für die anderen zu spielen, immer wieder zwei Gegenspieler mitzunehmen, um Räume aufzumachen.

Ich hab ja bei Bekanntgabe der polnischen Aufstellung gejubelt: Beenhakker unterlief der Fehler im Zentrum die alten Knacker Jop und Bak aufzubieten, die beide zusammen in etwa das Tempo eines hinkenden Büffels gehen können. Seinen Abwehrchef Zewlakow gab er für die linke Seite, sein Sorgenkind, frei. Ein Bauernopfer: Er war auf den schnellen Harnik vorbereitet.

Bloß: Dort war aufgrund der vielen Rochaden eine herkömmliche Verteidigung gegen den Mann sinnlos. Vielleicht war das Hickes Absicht - ich denke aber nicht, weil niemand mit Zewlakow dort rechnete; also half ein hübscher Zufall mit das österreichische Spiel durch die Mitte möglich zu machen.

Beenhakker korrigierte seinen Irrtum in der Halbzeit, nahm Jop raus, stellte Zewlakow in die Mitte, brachte mit Golanski einen neuen für die linke Seite. Danach funktionierte das österreichische Angriffspiel dann nimmer so easy wie in der ersten Halbzeit.

 
 
Durch dieses Zusammentreffen
  (Hickes überraschende Offensive und Beenhakkers Fehleinschätzung seiner linken Abwehrseite) gab es aber eben eine unpackbare erste Hälfte zu sehen.

Die Kombinationen Ümit-Harnik sind eine Sensation, der Beute-Deutsche vergibt zweimal, dann Leitgeb allein von dem großen Boruc, dann Garics am rechten kurzen Eck, dann noch einmal Leitgeb - fünf Riesen-Chancen, allesamt blendend herauskombiniert, mittels traumhaften Tempo-Fußballs.
Und dann das Gegentor - normalerweise ein Grund, um danach gelähmt herumzulaufen und trübe dreinzuschaun.

Hier hat der Lügner Hicke ja leider nicht gelogen: Diese Ausrede gilt ihm ja immer noch, die fürs Kroatien-Spiel, wo man eine Halbzeit lang wie eine verdatterte Herde von Rehkitzen auftrat, ehe man sich dann doch noch aufraffen konnte sich zur Wehr zu setzen.

Nur: damals, am Sonntag, stand der Mannschaft ihre eigene Spielanlage im Weg herum, aus der heraus nichts Produktives entstehen konnte.
Diesmal hatten sie alle Mittel dabei, waren alle Werkzeuge an Bord. Mit dem wilden 4-3-3 der Mannschaft (im Gegensatz zum feigen 5-2-3 des Sonntags) war es möglich sofort zu reagieren und den Plan durchzuziehen, ohne nachher etwas von "Schock" winseln zu müssen.

Dieser "Schock", ein Gegentor nämlich, ist eine Konstante dieses Spiels, das Fußball heißt.
Und es ist eher egal, wann der Schock eintritt - je früher desto länger bleibt Zeit zur Gegenwehr.

Während also im Kroatien-Spiel ein schockierendes Gegentor zu Beginn als Ausrede dafür herhalten musste, dass das ÖFB-Team das Spiel mit einer Angsthasen-Taktik gehemmt hatte, war es heute genau andersrum.

Ein Tor mitten in die Drangphase der angreifenden Österreicher, ein Stich ins Herz, vermochte einem mutig ein- und aufgestelltem Team nichts (oder besser: wenig) anzuhaben.

 
 
Dabei war Polen
  der erwartet schwere Gegner - ich bleibe weiter dabei und sage: Der weitaus schwerere Gegner als Kroatien.

Denn während die Kroaten in der zweiten Halbzeit wankten und am Rande des physischen K.O. waren, spielte Polen der Chancen-Fülle der Österreicher zum Trotz prima mit und steigerte sich in der zweiten Halbzeit enorm - man war in Ansätzen dem 2:0 nicht so fern.

Denn auch die offensiven Vier bei Polen hatten einen recht guten Abend: Saganowski rechts, Krzynowek links, der Supertrixer Roger Guerrero zentral und Ebi Smolarek vorne - die waren allesamt mehr als unangenehm. Einziges Manko: Sie blieben diesmal recht starr in ihren Rollen, waren ausrechenbarer als im Vergleich die Österreicher.

Der entschlossenste Mann der Polen war allerdings Mariusz Lewandowksi von Shaktar Donezk, die rotbackige Glatze im zentralen Mittelfeld. Der powerte sein Team nach vorne, auch nach der furiosen Anfangs-Phase der Österreicher, meine Herren, was für ein Kerl!

 
 
Ein Wort noch zu Ivo Vastic.
  Der spielte ausnehmend bescheiden.
Seinen einzigen Freistoß jagte er jammervoll in die Wolken.
Seine Corner waren so schlecht, dass der Teamchef sie dann schnell wieder von Leitgeb ausführen ließ. Seine Laufwege waren überschaubar, seine Passes unwichtig.

Wichtig war Vastic in diesem Spiel in einer einzigen Szene: als er die Nerven behalten musste, um bei einem gefährlichen Spielstand einen entscheidenden Elfmeter zu schießen, in der Nachspielzeit.
Das gelang ihm dann allerdings hervorragend.

Wiewohl das ein paar andere Jungs auch gebracht hätten. Vastics einzige Qualität ist die einer Kultfigur für ein Massen-Publikum, das ihn wohl seit Jahren nicht mehr spielen gesehen hatte und ein tradiertes Bild von vor Jahren (womöglich immer noch das der Sturm-Champions League-Mannschaft oder aus der 98er WM) mit sich herumträgt.
Vastic ist ein populistisches Zugeständnis, dessen Einsatz sich in einem verwerteten Elfer gelohnt hat.
Das ist schön und gibt Anlass zu weiteren Helden-Geschichten.
Wer aber mehr zu finden glaubt, belügt sich.

 
 
Ein paar Anmerkungen noch
  zu Dingen, die im nächsten Spiel verbessert werden müssen.
Es geht nicht, dass ausgerechnet Ümit Korkmaz bei Cornern für die Absicherung hinten abgestellt wird, als letzter Mann noch dazu. Er ist zwar der schnellste, hat aber nicht die zweikämpferischen Qualitäten, um in den Duellen, die bei schnellen Kontern dann im Strafraum passieren, zu bestehen.
Das ging schon einmal gegen Kroatien fast ins Auge - und heute gab's wieder so eine Situation.
Ich weiß, dass Pacult ihn das bei Rapid auch machen ließ - aber auch da war's falsch und es muss nicht hirnlos übernommen werden.

Dann war noch auffallend, dass diesmal (wenn man die nach Deutschland abwandernden Ümit und Prödl mitrechnet) neun Legionäre auf dem Feld standen. Es sollten schnellstens 11 werden.

Negativ aufgestoßen ist mir dann auch wieder die kurze taktische Unsicherheit zwischen dem Vastic/Kienast- und dem Säumel-Wechsel, also der Umstellung von einem zwischenzeitlichem 4-4-2 (Ivanschitz blieb fix auf der rechten Seite, Harnik in der Spitze) auf ein 4-3-3: da herrschte für zehn Minuten keine Klarheit drüber, was jetzt genau passieren sollte.
Zuerst pickte der alte Ivo wieder wie im Kroatien-Spiel im Mittelkreis, dann ging er in einem Dreiermittelfeld vor Aufhauser auf halblinks, ehe er dann doch vor Säumel und Leitgeb gezogen wurde. Da wurde unendlich viel Zeit verplempert, in der sich kaum etwas nach vorne bewegte - in dieser Phase kam es bloß zu Prödls blöder zweiter Gelben.
Wirklich klasse gecoachten Teams passiert das nicht - da ist noch deutlich Luft nach oben.

Und dann will ich diesen Quatsch wegen Schiedsrichter-Benachteiligung, das Geseiere wegen Abseitstoren oder angeblichen, nicht gegebenen Elfern einfach nicht mehr hören, weder von Medien noch von Fans. Vor allem, wenn man einen, vorsichtig gesagt, zumindest geborgten Strafstoß zugesprochen bekommt, in letzter Minute.
Das ist einfach schlechter Stil und peinlich.

 
 
Auf die Spekulationen
  die zum Deutschland-Spiel hinführen, möchte ich mich gar nicht einlassen. Dazu fehlt ja noch die Nachlese zum deutschen Spiel - die wird in einen nächsten Blog ausgelagert, dieser Eintrag ist ja bereits zu lange.

Richtig ist, dass das Momentum auf unserer Seite ist.

Ich will nicht wissen, was bei einer Niederlage passiert wäre, als frusttechnische Parallele zur armen gestern ausgeschiedenen Schweiz - so lebt jetzt die Hoffnung bis Montag.
Und die fühlt sich gut an.

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