fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 13.6.2008 | 23:30 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Eintrag 166. Tag 7.
 
 
 
 
Verbrauchtes Glück und andere Parallelen und Thesen.
 
Es gibt einige mögliche Headlines zum heutigen Spieltag, dem in der schweren Gruppe C mit zwei wieder einmal tollen und teilweise sogar herausragenden Spielen.
Etwa die, dass sowohl der Weltmeister als auch der Vize-Weltmeister ihr Potential an Glück bereits verbraucht haben, für dieses Jahrzehnt - wohl bei der WM 06.
Denn beide Teams konnten sich trotz wirklich sehr sehr guter Leistung, dem Willen zum Sieg, den Willen ihre Spiele zu drehen, nicht durchsetzen. Und das im Fall der Italiener etwa schon zum zweiten Mal. Das ist mit Unvermögen allein nicht mehr zu erklären.

Oder man kann Parallelen herstellen, zwischen der 1. Halbzeit der Italiener heute und der der Österreicher gestern - tollste Chancen und trotzdem kein zählbarer Erfolg.

Oder wir singen ein Loblied auf die grandiosen Torleute dieses Turniers, auf den heroischen Buffon, auf den lässigen Van der Sar, auf den unbezähmbaren Lobont, dazu die Performances von Volkan oder dem unglaublichen Boruc gestern Abend...

Oder wir begeben uns in die Niederungen der Verschwörungs-Theorien und belauschen den holländisch-rumänischen Plan die italofranzösische Vorherrschaft abzuschaffen und überlegen uns etwaige Parallelen zum Kroatien-Polen-Spiel.

Vieles ist da möglich.
Aber der Reihe nach.

 
 
Italien gegen Rumänien 1:1.
  Beide Teams waren gegenüber dem 1. Spieltag nicht wiederzuerkennen.

Die Rumänen, weil sie es komplett anders angingen, tatsächlich daran interessiert waren auch aufs Tor zu schießen und die Fuchsbau-Anfangsphase, mittels der sie in die Horror-Gruppe C eingestiegen waren, verlassen hatten.

Die Italiener, weil sie sehr stark umgebaut waren, personell. Was sich vor allem in einem veränderten System niederschlug, das die aktuellen Probleme, die der Weltmeister seit Monaten im Mittelfeld hat, hintanhielt. Denn außer Pirlo, auf den man sich dann doch nicht zu verzichten traut, fielen alle anderen raus.

Italien baute auf ein seltsames 4-2-2-2, das aber schon durchaus funktioniert hatte. Da spielen die zwei zwischen defensivem Mittelfeld und Angriff so ein bisschen, was und wo sie wollen, nicht wirklich am Flügel - das erhöht die Flexibilität enorm. Dazu kommt Del Piero im Angriff, der diese Was-und-wo-er-will-Philosophie sowieso intus hat.

Das führt dann zu einer Angriffs-Orgie, einer Fülle von Bällen nach vorne, die zunächst das zentrale Mittelfeld einfach überflogen - was auf beiden Seiten zutraf - ehe sich Donadonis Team dann doch einer Spielkultur befleißigte, die man in so praller Fülle schon länger nicht mehr gesehen hatte: Es gab Attacken durch die Mitte, es gab Flügelstürmereien (Grosso vor allem!), es gab Flanken, Crosses, Kurzpassspiel - man war so variabel wie möglich.

 
 
Wie die 1. Halbzeit der Österreicher gestern...
 
Dass trotzdem kein Ball reinging und man Angst haben musste, sich einen der raffinierten rumänischen Gegenangriffe auch gleich als Tor einzufangen, das war dann ein wenig unglaublich - ich schätze für die Azzurri gefühlstechnisch fast so wie die erste Halbzeit des Wahnsinns für uns gestern.

Rumänien, heute noch mehr als am Montag unter der Regie von Chivu, wagte diesmal mehr - im neu erworbenen Wissen, dass man gegen die vermeintlichen Riesen mithalten und sie durch sture Abwehrarbeit zermürben kann, sofern man auch nach vorne spielt. Und das erlauben die Fertigkeiten, die dieses immer noch ein wenig unbekannte Team in sich trägt, allemal.

Dass Rumänien sein 4-3-3 letztlich von Italien abgeschaut hat (im ersten Spiel der Italiener etwa waren die exakt in dieser Formation und auch mit der genau gleichen Spielanlage aufgelaufen) machte das Duell der beiden romanischen Teams dann auch so pikant.

Im übrigen ging Donadoni dann, als er in der Schlussphase drei waschechte Spitzen am Feld hatte, eh wieder auf genau dieses System zurück, spiegelte seinen Gegner somit.

Die Tore waren allerdings ein Fall für die neu erstellte italienische Abwehr. Zuerst legt Zambrotta für Mutu auf, dann nudelt Panucci den Ball nach Chiellini Vorlage rein. Wenn man sich hinten verzittert, muss man's vorne richten. Und wenn Panucci dann einen Würgegriff auspackt, muss es eben Buffon geraderücken.

 
 
  Dieses Elfer-Duell mit Mutu - schon wild.
Vor allem wie Mutu danach völlig fertig war, wie auf Droge, taumelnd vor Wut gegen sich selbst, eine Gefahr für sich, seine Mannschaft und auch die andere. Dass Piturca den armen Kerl schnell vom Platz nahm, ist ihm hoch anzurechnen.
Und es zeigt, wo der Unterschied zwischen einem Jetset-Fußballstar und einem am Boden Gebliebenen (wie dem bei der heutigen ÖFB-PK ungemein sympthatischen Herrn Vastic) zu suchen wäre.

 
 
Niederlande - Frankreich 4:1
 
Kurz noch zur Erinnerung.
Während sich in anderen Gruppen kaum eine oder maximal zwei wirkliche Klasse-Teams tummeln, müssen hier vier (4) echte Spitzen-Mannschaften zwei Sieger ausspielen.
Natürlich gibt es auf diesem hohen Niveau dann auch Unterschiede (auch wenn sie letztlich durch Nuancen entstehen) - das Level in Zürich und Bern ist ungleich höher.

Und deshalb nehme ich die Freunde, die jetzt etwas von schwachen Franzosen vorjammern, ebensowenig ernst wie die, die nach dem ersten Spiel was von schwachen Italienern gesudert hatten.
Beides ist eine Sicht, die für Voll-Dodel reserviert ist, die die Welt nur in Schwarz-Weiß sehen und kein Farbgefühl haben, ständig absolute Werte suchen, wo es nur relatives Geschehen gibt und sich einer Welt der Wetten unterordnen in der sich ständig alle gegenseitig um "Tipps" annerven.

Und: in der Halbzeit, als Frankreich das Momentum auf seiner Seite hatte - und es in den darauf folgenden Minuten auch fast zuschlagen ließ - wagte es keiner von unglaublichen Holländern und laschen Franzosen zu reden. Weil es da nicht stimmte, und weil es jetzt auch in der Gesamtbetrachtung nicht stimmt. Weil man Geschehenes nicht durch eingeschränkte Erinnerung wegschieben kann.

(by the way: ich dürfte. Ich hab in der Halbzeit was von "Frankreich enttäuscht wieder. Überraschend, wie klar Holland sein Konzept umsetzt" notiert. Aber das kann natürlich jeder behaupten, es schon rechtzeitig gesehen zu haben, ich weiß...)

Klar war Domenechs Team in den entscheidenden Nuancen schwächer als der jetzige Tabellenführer - wie auch schon Italien in Spiel 1. Trotzdem stelle ich diese Teams allesamt über die allermeisten der anderen Teilnehmer (und nehme jetzt einmal nur Portugal, Spanien und eben Holland aus).

 
 
Ich sage das nicht,
  weil ich gar ein Faible für Frankreich hätte.
Im Gegenteil, mir taugt es, dass der Astro-Trottel Domenech (der die Sterne ja einen Sieg auspendeln hatte lassen) eine über die Rübe gezogen kriegt. Und es ist gut, dass eine in Teilen überalterte Mannschaft auf dem Boden der Tatsachen landet. Vielleicht tut ein echter Generationswechsel nämlich wirklich Not.

Trotzdem kann man dem auch heute von Ribery herausragend gut gelenkten Spiel der Tricolores seine Qualität nicht absprechen. Dass man auf einem an diesem Abend eben besseren, in vielen Situationen auch glücklicheren Gegner traf, ist ihnen nicht zum Vorwurf zu machen.

Das gilt maximal für die Idiotie von Domenech, der sich selber seiner rechten Seite beraubte - mit dem schwachen Willy Sagnol von Beginn und der Hereinnahme des ungeeigneten Anelka anstatt des guten Govou im Spielverlauf.

Wer am Schluss eines Spiels, das man gewinnen muss, sechs Defensive, nur einen Kreativen und drei reine Stürmer auf dem Platz hat, der hat das Spiel nicht wirklich kapiert.
Oder heißt Otto "Atombunker" Rehhagel.

 
 
Marco van Basten hingegen
  zog sein System vom 1. Spiel durch, und konnte im Lauf der 2. Hälfte dann auch das (bislang angeschlagene) Personal einsetzen, das es am besten spielen kann, dieses 4-2-4, mit Robben und Van Persie als Flügel rund um einen gut aufgelegten Van Nistelrooy, entweder Sneijder (trotz bandagierter Hand unglaublich fit) oder Van der Vaart als Freigeist dahinter.

Zwar benötigt die niederländische Maschinerie eben ein frühes Tor, um so ins Rollen zu kommen, dass es kracht (und zwar mit drei Toren Unterschied) - aber das zu erzielen, darüber macht sich ein Coach, der einer der besten Stürmer aller Zeiten war, eben keine Sorgen.
Interessant wird es, wenn das dann ab dem Viertelfinale nicht mehr klappen sollte.

An die berechtigte Kritik an der Defensive hat man sich gewöhnt.
So wie der gern (auch von mir) unterschätzte Ooijer sich diesmal an Henry krallte (der ihm auch den Gefallen machte, immer über seine Seite zu kommen), das sah zwar oft nicht gut aus, nahm den elegantesten und klügsten Kicker der Welt, den heuer leider gar nicht magischen Titi (kein Wunder nach einer derartigen Scheiß-Saison bei Barca) dann lange aus dem Spiel.

Schwachpunkt Mathijsen hatte dank französischem 4-2-3-1 und dank des sinnlos und nicht gut genug vorbereitet in die Schlacht geworfenen kindlichen Kanonenfutters Gomis keine Probleme. Also hielt der Riegel - wenn auch mit viel Glück - aber das gehört zu den bereits besprochenen Nuancen, die diese so gleichwertige Gruppe vorentschieden haben.

 
 
Überrascht hat mich die Härte,
  mit der Frankreich ins Spiel ging - man wollte zu Beginn, als wär man ein Rehhagel-Team, die zentralen Spielmacher kaputtklopfen, Toulalan orientierte sich da am eigentlich schon unanständigen Makelele. Der Effekt fürs eigene Team stellte sich nicht so recht ein. Die eigenen Filigran-techniker (neben Ribery eben Govou und Malouda) wirkten dadurch eher gehemmt. Auch keine gute Strategie von Domenech...

Im übrigen rächt sich die von mir in der Preview angesprochene persönlichkeits-schwache Bank. Vielleicht hätte er doch nicht alle Skorpione daheim lassen sollen.

Die Bank der Holländer ist mehr als in Ordnung.
Da sind noch Spieler ganz ohne Einsatz, denen man EM-Helden-Status zugetraut hätte. Und offenbar waren die Wickel im Vorfeld (Stichwort: Seedorf etc.) nicht der Beginn einer neuen Zerfleischung, sondern das Ende eines abschließenden Prozesses.

Ich steh ja sonst nicht aufs Abfeiern derartiger Idyllen (weil da gerne kleine Amstettens dahinterlauern), aber wie die Holländer nach dem Spiel zu ihren Familien hinliefen und ihre Kleinkinder mit aufs Feld nahmen, und so wie die anderen Spieler diese Kiddies dann fröhlich begrüßten - das zeigt, dass man sich auch privat kennt, trifft und vielleicht sogar mag.
Ich weiß, kein Indikator für guten Fußball, aber vielleicht einer für die endlich nötige gute Grundstimmung im holländischen Team, die es allzu selten gab, historisch, die aber die Basis legen muss, will man größeres erreichen als ein Viertel- oder Semifinale.

 
 
Und, von wegen verbrauchtes Glück:
  vielleicht kommt das, was Italien/Frankreich in diesem Jahrzehnt nicht mehr zugestanden wird, dem Team Nederland zugute, das ja bislang tendenziell ein echtes Drecks-Jahrzehnt hinter sich hat.

Wäre zumindest eine schöne Geschichte, Hollywood-Drehbuch-technisch.
Und von solchen Geschichten haben wir bei der heurigen Euro doch schon einige erlebt - warum also nicht noch mehr?

fm4 links
  Die UEFA EURO 2008 auf fm4.orf.at

Blumenaus EM-Journal
Alle Tore, alle Analysen
Jetzt auch als Podcast

Die Ausweitung der Fanzone
Konsum und Sicherheit heiraten in rot-weiß-rot.
Ab sofort auch als Podcast

UEFA EURO 2008 - Der Turnierplan
Timetable und Ergebnisse auf einen Blick

Das FM4 EM-Quartier
Alle Spiele live sehen: an allen 19 Spieltagen bei gratis Eintritt im Wiener WUK, auch bei Schlechtwetter!



Öffentlich Sehen
Public Viewing Orte in ganz Österreich
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick