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Wien | 17.6.2008 | 23:30 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Eintrag 172. Tag 11.
 
 
 
 
Das dritte Achtelfinale.
  In Italien hatte man ja wieder so eine Absprache vermutet, weil das dort Tradition hat, und weil man sich seit dem skandinavischen 2:2 verfolgt fühlt. Biscotto soll diese Form des fußballerischen Betrugs heißen, erzählen mir Engländer, aber was wissen die...

In jedem Fall hielt sich die Realität - wie meistens - nicht an die Erwartung und brachte auch die B-Elf der Niederländer dazu, ein drittesmal heftig zuzuschlagen und auch den dritten Gruppengegner zu demoralisieren.
Weshalb die Neuauflage des WM-Finals von 2006 dann das dritte defacto-Achtelfinale dieser Euro wurde.

Und weil morgen ja garantiert eines kommen wird, möcht' ich die neue Regelung (dass nämlich die direkte Begegnung wichtiger ist als die Tordifferenz) gar nicht so verfluchen, wie ich das von Rechtsempfinden her (ich sitze moralisch gesehen nämlich durchaus in dieser Regelkommission, in der ältere Herrn aus Großbritannien die Mehrheit haben, und darauf achten, das so wenig wie möglich verändert wird; und recht haben sie - das Spiel der Spiele einfach zu halten garantiert seine Leuchtkraft) tun müsste: Ich liebe sie vielmehr, weil sie mir/uns vier quasi-Achtelfinals beschert hat.
Und: was gibts besseres als sowas?

 
 
Italien ist besser als Frankreich.
  Das ist nicht an diesem direkten Duell messbar. Das ist der Stand von davor. Denn wiewohl Frankreich im Spiel gegen die alles niederreißenden Holländer zeitweilig mitspielte - Italien tat es das gesamte Spiel über, auf Augenhöhe. Und das gelang der Domenech-Truppe kaum.
Detto gegen Rumänien: Frankreich wirkte da plan- und einfallslos, Italien zerriss das letzte Hemd um zum Ausgleich zu kommen.

Und irgendwie nahmen beide Teams diesen ihren aktuellen Zugang zur Euro 08 in dieses Achtelfinale mit hinein.

Dass dann nach nur sieben Minuten mit Franck Ribery der Spieler, auf dessen Kommando Les Bleus hören verletzt ausfiel, war natürlich bitter.

Ich habe wenige Stunden vor diesem Match erstmals einen Promo-Spot von Ribery und Luca Toni gesehen, wo die beiden im Münchner Stadion herumblödeln, wer besser schießen und tricksen kann, mit kindlicher Freude, einem köstlichen Gemisch aus deutsch, italienisch, englisch und französisch, mit selbstironischen Anspielungen - und alles in einer Herzlichkeit, die mehr als ansteckend war.

Wenn dann der eine Haupt-Protagonist ausfällt, dann schmerzt das. Noch dazu, wenn der andere sich von Beginn des Spiels an dazu aufmacht auf seiner Seite der tragische Held zu werden. Denn Luca Toni, der geniale italienische Stoßstürmer bekommt hier wie schon zuvor, vor allem im 2. Match, eine Unzahl von Chancen serviert, die er allesamt knappest versemmelt.

Das begann in der 4. Minute, über eine Bicicletta in der 30. und endete in der Nachspielzeit.

 
 
Die Unglücksraben
  Wäre es nicht Toni gewesen, der den Elfmeter zum vorentscheidenden 1:0 herausgeholt hätte, dann würde er jetzt unter einem Wust von Verzweiflung vergraben sein.

Allerdings schubste ihn nach 23 Spielminuten ein anderer Unglücksrabe so tölpelhaft, dass es nichtg nur Strafstoß, sondern auch gleich einen Ausschluss gab: Eric Abidal.
Der war im 1. Spiel schwach, saß dann draußen und kam nur rein, weil für dieses Spiel die überalterte (Thuram) und überforderte (Sagnol) Abwehr umgestellt werden musste.
Und musste, wiewohl bei Barcelona und auch im Team sonst Linksverteidiger da zentral spielen (wozu Domenech Jungs wie Boumsong und Squillaci, die das jahreinjahraus machen, mitgenommen hat, wenn er sie dann nicht spielen lässt, entzieht sich meiner Kenntnis).

Abidal patzte in der angesprochenen 4. Minute das erstemal schwer, fand daraufhin nie ins Spiel und beendete es ziemlich vorzeitig.

Abidal war das Opfer des eigentlich auf die lahmen Oldies abgestimmten italienischen Konzepts von hohen weiten Bällen über eine forsch aufgerückte Abwehr auf den immer auf der Abseitslinie balancierenden Toni.
Dass dieser Trick im Spiel etwa 700mal klappte, hat nicht mit Glück, sondern mit französischem Unvermögen zu tun. Dass Toni, der von diesen 700 Szenen 699 hatte, keine davon verwertete, ja, ebenso...

 
 
und Unglückswürmer...
  Der nächste Unglücksrabe ist der junge Herr Samir Nasri, der nach Riberys Verletzung eingewechselt wurde und alles versuchte das Spiel (nach einer kurzen Schockphase) an sich zu reißen. 15 Minuten danach holt ihn der Trainer wieder vom Platz und bringt dann doch Boumsong - um weiter mit einer Viererabwehr und den beiden vorsichtigen Defensiv-Zentralen Makelele und Toulalan den Rückstand aufzuholen; mit einer ganze 3 Mann hohen Offensive.

Das ist ein wenig irre vom irren Domenech, der natürlich einen der beiden 6er hätte opfern müssen um eine reele Chance zu bekommen. Widerlich aber ist es, dass er mit diesem bösartigen Schock-Ein/Austausch den armen Nasri für sein fußballerisches Leben zeichnet. Der wird sich noch wochenlang in den Schlaf weinen, wenn er das Wort "Euro" hört (auch wenns längst wieder Geldverkehr betrifft). Das war eine echte Arschloch-Aktion.

Dann hätte ich noch eine Unglückswurm: Thierry Henry, heute Kapitän. Der ist mit einer echt vergeigten Saison bei Barcelona gesegnet und hat deshalb null Selbstvertrauen um als Leiter der Attacke (mit Govou und Benzema als tapferen abr glücklosen Adjudanten) nach vorne was zu reißen.
Dafür fälscht er dann den Freistoß von De Rossi unhaltbar ins eigene Tor ab.

Dass Gregory Coupet erstmals eine wirkliche Klasse-Leistung im französischen Tor bot, ist dann ebenso nur eine Fußnote wie der beherzte aber immer vergebliche Auftritt des neuen Rechtsverteidigers Clerc.

Das sollen keine Ausreden sein: Wie bereits erwähnt waren die Franzosen in jeglicher Hinsicht maximal die drittbeste Mannschaft in dieser Gruppe. Bloß ging an diesem Abend eben darüber hinaus noch alles in die Hose, was möglich war.

 
 
Italien abzuschreiben,
  das stand hier schon nach ihrem ersten Spiel gegen die Niederlande, das ist fahrlässig. Sie sind nach zwei guten Partien (eigentlich ja dreien, im Gegensatz zu einigen Ferien-Guckern, die nur bei großen Spielen reinschauen und dann immer nur die Siegermannschaft toll finden, also den Sinn des Spiels nicht verstanden haben, haben sie mir ja auch da gefallen) wieder im Geschäft.
Durchaus zurecht. Denn der kreative Abfall ihres Super-Mittelfelds wurde aufgefangen. Zum einen durch den Einsatz von De Rossi, zum anderen durch die Tatsache, dass sich der außer Form befindliche Pirlo dann eben rein in den Dienst der Mannschaft stellt, ackert und so viele Bälle schlägt, dass einige dann gut sein müssen. Pirlo ist dabei, seine schwache Saison hier geradezubiegen, mit aller Gewalt.

Dazu hat man sich hinten eingespielt: Panucci und Chiellini haben Materrazzi-Barzagli ausgestochen. Und diesmal war Zambrotta (der einzige Barcelona-Spieler des heutigen Abends, der in Form war) auf rechts die treibende Kraft, nicht wie zuletzt Grosso links.

Vorne spielte der wüste Bube Cassano so wie es Luca Toni liebt: um ihn herum. Toni war im Zentrum, dort wo der Ball final hinkommen soll, Cassano wuselte links oder rechts oder dahinter oder sonstwo, bohrte andauernd böse Löcher. Eine echte Krätzn, der Typ.

Dass Toni nicht und nicht ins Tor traf, als wäre er ein österreichischer Stürmer, das hat in den beiden ersten Spielen noch für Sieglosigkeit gesorgt - hier, im kleinen Finale, ging sich das aus.

 
 
Im Viertelfinale
  wird es hart werden, weil dann Pirlo und Gattuso gesperrt ausfallen. Und wenn Toni wieder nicht trifft... Aber der hat wenigstens die Möglichkeit in einem nächsten Match.

Daheim in Frankreich ist es jetzt schon sehr ungemütlich für Raymond Domenech, der Kritiker, Medien und überhaupt alle (heute auch die eigenen Spieler) behandelt als wären sie Feinde, die man vernichten muss.
Es ist schwerer und es dauert länger als man glaubt um aus dieser wabbrigen Post-Zidane-Phase rauszukommen, die von allzuvielen der hier ins Turnier mitgeschleppten Spieler immer noch verkörpert wird.
Thuram und Makelele treten sicher zurück - ob sie dann aber rechtzeitig zu den WM-Quali-Spielen gegen Österreich wieder dabei sind (ihr diesbezügliches Wort gilt nicht mehr als ein lustiger Landeshauptmann-Spruch hierzulande) werden wir sehen.

Denn sonst rollt die junge Welle. Und zwar unter der gefälligen Leitung eines der heutigen Unglücksraben, des großartigen Franck Ribery - sofern der heute erlittene Beinbruch (so die ersten Meldungen) nicht zu arg ausfällt.

Ps: Bruch ist's keiner, wie man jetzt (=später) weiß, aber 8 Wochen Ausfall ist auch nicht schön.

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