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Wien | 25.6.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Eintrag 180. Zwischendurch.
 
 
 
 
Warum Bild-Berieselung und Fußball-Sehen zwei paar Schuhe sind.
 
Ich hab knapp nach Beginn der Euro hier meine Gefühle des Missfallens und leisen Ärgers über die Ignoranz und Schleißigkeit der sogegannten Experten zum Ausdruck gebracht und das auf das schwache Niveau sowie eine destruktive Wurschtigkeit der Fachmedien resp. Sportseiten zurückgeführt, die sich da genauso auf den Kopf scheißen lassen wie ein Publikum, das sich nur allzu gerne mit Klischees und Bluffs (samt beigestellten) Bluffern abspeisen lässt - wie das in jedem Mainstream-Bereich der Fall ist.
Wobei das alles zusammen auch zu der - im Europa-Vergleich - extrem schwachen Zuschauer-Bildung führt, was Fußball betrifft.

Da ich dieses Fußball-Blog hier ja quasi außertourlich betreibe (dafür bekomme ich nämlich keine müde Mark, um den alten Lupo zu zitieren, von einer Akkreditierung seitens des ORF oder einer Matchkarte vom für Kooperationen zuständigen FM4-Marketing ganz zu schweigen) darf ich mir das auch problemlos herausnehmen, ohne mich auch nur eine Sekunden lang mit "Ja, aber du bist auch nicht perfekt!"-Gegenmeldungen befassen zu müssen. Ich muss das nicht sein, die Profis hingegen schon.

 
 
Nun ist die Schwächlichkeit der Experten
  und Medien nicht besser geworden während der Euro: Semih heißt da immer noch ausschließlich Sentürk, manch einer kann das portugiesische Mittelfeld immer noch nicht strukturieren und wenn die offizielle Match-Aufstellung reinkommt, und Terim gibt dort sein Mittelfeld in der Reihenfolge der Rückennummern an, dann lassen die "Analytiker" das einfach so reinfließen und präsentieren ihrem Publikum (vom dem sie wissen, dass es eh auch keine Ahnung hat, wurscht also) dann Mehmet Topal als rechten offensiven, oder Arda als defensiven Mann - eine völlig konfuse Aufstellung, bei der sich jeder türkische Fan auf die Stirn schlägt.

Dass Terim sein Line-Up bereits tags davor selber angekündigt hatte - und zwar natürlich in der richtigen Formation - völig egal, weil sowas wie Vorbereitung völlig schnuppe ist. Das gilt für die sogenannten Premiere-Experten im Übrigen genauso.

Auffällig sind da bloß die Jüngeren. Der von mir sonst nicht wirklich so geschätzte Peter Stöger sagte da unlängst in einem Nebensatz, dass er im Rahmen seiner Vorbereitung auf ein bestimmtes Spiel auf etwas Interessantes gestoßen wäre.
Ein guter Satz, der der Generation Cordoba (samt Ausläufern wie dem Blender Toni Polster) nie über die Lippen kommen würde - auch weil sowas wie eine "Vorbereitung" unter ihrer Würde wäre.
Und sowas wie Respekt einem Publikum gegenüber, das sich beschäftigt und interessiert: Fehlanzeige.

Das vielleicht noch als Denk-Nachsatz zur aktuellen Teamchef-Debatte, innerhalb derer sich eine Menge höchst grindiger Figuren mit genau dieser "Wuascht! Passtscho!"-Einstellung in Position bringen.

 
 
Schuld ist letztlich das Publikum.
  Denn es lässt sich eine schlechte, eine miserable Ausbildung durch zweitklassige Medien (und ich nehme da gerne und jederzeit ein halbes Dutzend, die sich wirklich anstrengen und auch für "nicht-österreichische-Verhältnisse" tolle Arbeit leisten aus) und durch wenig kompetente, unvorbereitete oder auch nur zu mutlose Experten (ich darf da einen Zeugen zitieren, der gesehen hat, was Prohaska während der Einspieler, also im Off, sagt: die gewitzt formulierte ungeschminkte Wahrheit, die alle gern so hören würden) gefallen.

Das hat mit Fußball-Kultur zu tun bzw. deren Abwesenheit. Und mit einer Kultur des Sehens.
Und damit, dass die überwiegende Mehrheit halt blind ist. So wie die überwiegende Mehrheit halt auch taub ist.

Ich darf das mit einem Beispiel erklären.
Millionen Österreicher sind damit zufrieden, dass ihnen Musik durch die Gehörgänge rieselt oder rasselt - egal ob via Radio oder Selbstversorger. Mehr als den leisen Kitzel der Sounds brauchen sie nicht. Sie richten sich nach den Leitbildern der Mainstream-Medien.

Und dann gibt es die, denen das zuwenig ist, die Musik als Lebensmittel ansehen. Einerseits sind das die, die sie selber machen, die Musik, andererseits die wirklichen Fans, die wirklichen Hörer, die echten Zuhörer.
Für die gibt es spezialisierte Medien, die die Informationen und vor allem Zugänge vermittelt, die da helfen.

Es ist diese Einstellung, die den Mainstream vom Nicht-Mainstream unterscheidet.

 
 
Dasselbe gilt für Fußball.
 
Millionen Österreicher glotzen auf einen Schirm oder eine Vidiwall und sehen nichts, sondern lassen die Bilder durchrieseln und -rasseln. Mehr als den leisen Kitzel der dabei entstehenden Emotion brauchen sie nicht. Sie richten sich nach den Leitbildern der Mainstream-Medien.

Und dann gibt es die, denen das zuwenig ist, die Fußball als Lebensmittel ansehen, als ihr Tor zur Welt.
Einerseits sind das die, die selber im Bereich tätig sind, selber mitgestalten, andererseits die wirklichen Fans, die echten Zuschauer.
Für die sollte es bessere Medien, die die Informationen und vor allem Zugänge vermitteln, geben.

Sich von Fußball berieseln lassen und wirklich Fußball zu schauen (im fast biblischen Sinn) - das sind zwei paar Schuhe.

Das Fatale an der österreichischen Situation ist die Tatsache, dass die Proponenten selber, die aktuellen Distinktions-Dominatoren der Szene, diesen Zugang des wirklichen Schauens beiseite geschoben, und damit den Sprung ins 21. Jahrhundert verpasst haben.

Bei ihnen dominiert - ebenso wie bei den Medien-Proponenten - immer noch ein dumpfer (gern auch homophober), fortschritts-, analyse- und intellektuellenfeindlicher Ansatz, der aus der speziellen jüngeren österreichischen Geschichte heraus zwar begründet ist, aber ins Abseits führt.

 
 
Weil diese Altvorderen nicht mehr imstande sind
  darüber zu reden, was auf dem Platz passiert, weil sie da unvorbereitet reinschauen, sich auf professionellem Niveau berieseln lassen, und lieber darüber quatschen, was sie stattdessen Tolles gemacht hätten, verlor sich die Anbindung an die Realität.

Die selbsternannten Granden wischen Diskussionen über Systeme, Taktik, psychologische Zusammenhänge etc., also alles, was den Rest der Fußball-Welt so weit von uns entfernt hat, seit Jahren weg - und zwar nicht wie der alte Herberger in den 50ern nur nach außen, sondern auch nach innen.
Das führte zu einer fatalen Versteinerung einer schwächlichen Kultur, zur inhaltlichen Verflachung des heimischen Kicks und der heimischen Fußball-Rezeption.

Wer mehr als drei gerade Sätze über ein aktuelles Fußball-Thema sagen oder gar fragen kann, wird von den Pacults und Krankls schon allein deswegen geschmäht, vom Ex-Teamchef öffentlich verachtet, von Andi Ogris mit Platzverbot belegt.

Das, was in anderen echten Fußball-Ländern an Fußball-Kultur existiert, und auch in Österreich existieren könnte, hat keine Chance, weil in allen Bereichen die Grundlagen fehlen.

Und: Abseits der real existierenden Funktionärs-Krise, der Coaching-Krise, der "Experten"-Krise und der Medien-Krise haben alle Bemühungen dann gar keinen Sinn, wenn sich die Anzahl derer, die sich vom Berieselungs-Massen-Publikum abheben wollen und das Bedürfnis haben dieses Spiel, das sie lieben, auch wirklich zu sehen, es wirklich zu schauen, im einstelligen Prozent-Bereich bleibt.

 
 
Ich garantiere, dass sich diese
  Zahlen nicht nur vor der Glotze, sondern auch im Stadion selber feststellen ließen.
Es ist egal, ob ich vor einem Fernseher im Privathaushalt, beim dezenten Public Viewing oder auf dem Platz bin: Überall gibt es erschreckende Erfahrungen mit "Zuschauern", die Spieler beschimpfen, die gar nicht mehr auf dem Platz sind, die nicht zwischen drei und vier Verteidigern unterscheiden können oder einfach ununterbrochen über Dinge labern, die mit dem Geschehen gar nix zu tun haben.

Ich weiß: Sich ein Spiel anzuschauen bedeutet sich zu konzentrieren. Wie im Kino, sogar in ähnlicher Länge.

Und dort kommt es ja zu ähnlichen Phänomenen: Auch da wird gern nach dem Verbleib von Personen gefragt die in der vorvorletzten Szene deutlich verstorben sind, auch da kann nicht zwischen Real- und Traum-Sequenz unterschieden werden, auch da wird einfach über anderes geplappert.

Weil auch der Kinofilm an sich durch die meisten Mainstream-Köpfe halt durchrieselt und rasselt, und nichts als Farben und Sound hinterlässt.

Es hat keinen Sinn sich mit einem Berieselungs-Typen über Musik zu unterhalten.
Es hat keinen Sinn sich mit einem Berieselungs-Typen über einen Film zu unterhalten.
Und es hat keinen Sinn sich mit einem Berieselungs-Typen über das Fußball-Match zu unterhalten, dass er/sie gerade gesehen hat.

Weil es/sie die Musik, den Film, das Spiel nicht gesehen/gehört hat, weil es bloß durch den Körper durchgeflossen ist wie süßer Most und sehr schnell wieder rauskommt.

 
 
Als Dünnpfiff.
 
Das ist zwar auch durchaus angenehm und kann höchst reinigende Wirkung haben - und viele Menschen, die sonstwo höchst intelligente Leistungen vollbringen, nutzen einen anderen Bereich (wie etwa Musik oder Fußball) genau dafür, um sich da so richtig schon kopfleer, quasi wie auf Droge, zuzudummen.

Wer allerdings eine Verbesserung der österreichíschen Systems Fußball anstrebt, der wird mehr eben dafür leisten müssen als das.

Nur mittels Druck einer vermehrten Anzahl von Menschen, die sich vom schönsten Sport der Welt (egal ob am Platz, live vorort, oder im TV) gefangennehmen lassen, kann auf allen Ebenen mehr Niveau, mehr Kultur in die Sache kommen.
Erst eine wirkliche Seh-Kultur, eine deutlich verbesserte Schau-Kultur kann eine Rezeptions-Kultur ins Rollen bringen, die diesen Namen auch verdient. Und erst die kann, via Blogs und anderer neuer Medien, dann die klassischen Medien unter Druck setzen, die von der Fußball-Nomenklatura als einzige ernstgenommen werden. Und erst dann kann sich auch dort wirklich was zum Besseren verändern.

Das ist keine einfache Aufgabe, ich weiß.
Es hat aber keinen Sinn immer nur über das Versagen der anderen, schlimmer noch "derer da oben" zu jammern, solange man selber nicht fit genug ist.
Und: Wie mir das angesprochene Musikbeispiel zeigt - es kann ja funktionieren.

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