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Wien | 1.7.2008 | 11:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Eintrag 189. Evaluierung.
 
 
 
 
Vorher/Nachher.
  Nachher ist leicht klugscheißen, eh klar.
Vorher, das ist schwieriger.
Die einen retten sich in "Tipps", versuchen ihr Wissen und die wahrscheinlichsten Optionen in ein Ergebnis zu zwängen - was ungefähr so sinnvoll ist wie Lottospielen.

Es enthebt einen aber (und darum gehts allzu oft) der tiefergehenden Beschäftigung mit einem Thema.
Für viele Menschen wäre es so gesehen auch irrsinnig praktisch, wenn die vielen kulturellen und sozialen Entscheidungen, die jeden Tag anstehen, auch in diesem Format durchgeführt werden könnten - indem man "Tipps" abgibt und sich damit von ganzen Sätzen freikauft, die ja gleich zweierlei Unbill bedeuten.
Zum einen muss man da vorher ja nachgeschaut und nachgedacht haben, zum anderen bräuchte man da ja auch ein interessiertes Gegenüber.

Das ist in der mitteleuropäischen "Wie gehts?"-Gesellschaft, die es in Wahrheit einen Scheißdreck interessiert, wie's einem geht, sondern das als Floskel vor sich herträgt, natürlich schwierig - denn die, die sich vorher nichts angeschaut und überlegt haben, wollen sich natürlich ungern mit jemandem konfrontiert, der eine diesbezügliche Kompetenz ausstrahlt. Also umgibt man sich lieber mit Tippern.

Das ist ein Grundproblem unserer Gesellschaft, das sich quer durch alle Bereiche zieht, von High-Politics über die Kultur bis hin zum Fußball.

 
 
Die Evaluierung.
 
Ich hab vor der Euro in einer zwar nicht übermäßig ausführlichen, aber doch zumindest jeweils drei Absätze langen Preview laut ausgesprochen, was meiner Meinung nach zu erwarten ist.
Das ist im Vergleich zu den Millionen BlaBla-Tipps, die einem beim einen Ohr rein und sofort beim anderen Ohr rausgehen, insofern riskant, weil es ja nachher auch noch dasteht.
Also bietet sich eine Evaluierung an: wo ist meine Einschätzung, die ja auch von der Summe kollektiver EInschätzungen gesteuert ist, aufgegangen, wo lagen die Irrtümer?

Außerdem möchte ich auch sowas wie eine Ausschöpfungs-Analyse (wer aus dem Kader kam nicht zur Geltung?)machen.
 
 
 
Schweiz
  Im Fall der Co-Hosts hab ich im Vorfeld die Zerrissenheit der Erwartungen, die auf das Team geworfen wurden, angesprochen, auf die Verletzungen hingewiesen (die dann später nur noch mehr wurden) und ein wenig besorgt gewirkt.
Das ist dann ja leider auch ziemlich so passiert.

Daran hätte auch der bei der Euro nicht zum Einsatz gekommene zweite Anzug nichts geändert: Djourou, Grichting, Spycher, Philip Degen, Huggel hätten da ebenso, wie die nur kurz eingesetzten Gygax und Cabanas, keinen Unterschied gemacht.

 
 
Tschechien
  "Es ist was möglich für die Tschechen", steht da, nach der Verbraucherschutz-Warnung, dass das Ablaufdatum des Teams womöglich bereits überschritten war.
Und es war ja auch was möglich, nach der 2:0-Führung gegen die Türkei schien vieles in Reichweite.

Die Abwehr sollte halten, meinte ich, nicht ahnend, dass ein Patzer von Cech den turnaround bedeuten würde.
Dass Sionko gut spielen würde, diese Ahnung war schon da, die Hoffnungen in Matejovsky haben sich nicht erfüllt.

Und der Geheimtipp Martin Fenin kam (eh unverständlicherweise) gar nicht zum Einsatz (als einziger Feldspieler neben den verletzten Pospech und einem weiteren Verteidiger). Zu jung für ein zu altes Team.
Dass die Tschechen das All-Star-Team der Low 8, der Ausgeschiedenen dominieren, zeigt ihre individuelle Klasse; und das vergebene Potential.

 
 
Portugal
  Wieder als Dark Horse angekündigt und wieder als Dark Horse rausgegangen, glanzloser als erwartet.
Die Schwächelei auf der Tormann-Positon ist ebenso angesprochen, wie die unglaubliche Ausgeglichenheit des Kaders.
Der wurde ja im dritten Spiel gegen die Schweiz voll ausgeschöpft, als alle Feldspieler zum Einsatz kamen - daran lags echt nicht.

Überraschenderweise stand den Portugiesen diesmal ihre taktische Unbeweglichkeit im Weg, etwas, was man dieser so spielerisch agierenden Mannschaft im Vorfeld nicht zugetraut hatte.

 
 
Türkei
  Da les ich den schönen Satz "deshalb ist seine Mannschaft auch zunehmend unausrechenbarer geworden" (weil der Grundstock aus der unterschätzten heimischen Liga kommt). So könnte man's sagen.
Aber dann steht da auch: "wenn sich die Türken nicht durch die direkte Gegnerschaft mit der Schweiz hochmotivieren können, seh ich eher schwarz für sie in einer doch letztlich sehr schweren Gruppe." Das klingt doch eher nach wenig Zutrauen.
Und genau dazwischen hat sich meine Vorabeinschätzung bewegt.
Insofern: hier ist doch eine der großen Überraschungen der Euro daheim. Weil sowohl Team als auch Coach wirklich über sich hinauswuchsen - was man von den drei Gruppen-Kontrahenten eben nicht behaupten kann.

Außerdem sind die Türken die einzige Mannschaft des Turniers, die wir wirklich komplett kennengelernt haben - bis zum dritten Tormann runter: das macht den Ehrenpreis für die beste Soap der EM.

 
 
Österreich
  Da scheint alles gesagt.
Im Vorfeld spreche ich den zu späten turnaround in der Vorbereitung an, die zu wirren Systemwechsel, die Problemzone Mittelfeld.
Und: "Die Chancen für einen Vormarsch ins Viertelfinale sind, rein objektiv gesehen, gering." Und das danach angesprochene Momentum, das einzige, das mehr bringen könnte, wurde nicht entsprechend ausgeschöpft.

 
 
Kroatien
  Da steht viel vom Umstieg der Mannschaft von einem steinzeitlichen Modell auf ein modernes System unter der Führung junger Kreativer.
Die Stärken von Srna, Olic, Corluka und Co sind ebenso erwähnt, wie die vermeintlichen Schwächen der Kovac-Brüder (ein Irrtum).
"Kroatien kann zu einem Jolly Joker werden - sollte sich die Spiellaune in Erfolg ummünzen lassen. Rückfälle wie bei den letzten Turnieren, die dann in Wurschtigkeit ausarten, sind diesmal unwahrscheinlich." Ja, so wars dann auch.

Zuwenig gesehen haben wir von Budan, Kalinic, Pokrivac, Vukojevic, Vejic und dem alten Reserve-Kapitän Simic - dazu saß der Einser-Anzug zu sicher.

 
 
Deutschland
  "Deutschland wird Europameister. Oder?" steht da. Und: "Deutschland macht et, keene Frage. Wie weit, das ist noch offen."
Es langte bis ins Finale.
Insgesamt hab ich, beim Zurürcklesen, die Entwicklung des deutschen Teams ein wenig überschätzt - ich dachte, sie wären schon weiter in ihrer (nicht aufzuhaltenden und guten) Entwicklung.
Ich verwende da oft das Wort "reif".
Das traf zwar aufs Trainerteam zu (Geniestreich gegen Portugal) übertrug sich aber nicht auf die meisten Spieler, die ihre (in der Mehrzahl) schlechten Saisonen nur für jeweils maximal zwei, drei Matches überwinden konnten (Ausnahme: Lahm). Ballack als Retter - mittelprächtige Fehleinschätzung. Klose hab ich mehr zugetraut, seinen Sturm-Kollegen zurecht nichts.
Und noch ein Zitat: "Jogi Löw ist super, Punkt."

Clemens Fritz und Simon Rolfes kamen zuwenig zur Geltung, die schienen in guter Form, Trochowski bekam keine Möglichkeit, Odonkor vernudelte seine kläglich.

 
 
Polen
  Die Hoffnungen ruhten auf Beenhakker. Und der Team-Vergleichswert hieß Kroatien.
Ich möchte behaupten, dass da dann letztlich auch nicht viel fehlte. Gegen Deutschland waren die Polen nicht so schlecht, sie ließen sich dann aber vom Ergebnis niederdrücken und schoben zwei mäßige Spiele nach.

Damit hatte ich nicht gerechnet, Beenhakkers wegen.

Dass sich sein internationaler Ansatz nicht gegen die schnelle Aufgeberei durchsetzen konnte, das ist eine der großen Verstörungen dieses Turniers.
Bak (und auch Jop) waren tatsächlich Fehlgriffe de luxe, Dudka brachte nichts, die Vierer-Offensive vorne tatsächlich eine schwer ausrechenbare Maschinerie, und hinter den ersten 14 saß keine substanziell wertvolle Bank.

 
 
Rumänien
  startete als Geheimfavorit ohne Chance, also mit einem gemeinen Mühlstein am Bein.
Im Vorfeld traute man/ich ihnen alles mögliche zu, auch (teilweise) auf Risiko mitzuspielen, mit ihren drei Goliaths da in der Gruppe C.
Zitat: "In jeden Fall sollte Rumänien bei dieser Euro für das Synonym 'frisch' stehen."
Das hat sich nicht erfüllt - zu stark unterwarfen sich Piturcas gezähmte Kerle einem strikten System.

Immerhin waren sie das Team mit der besten Laufleistung aller Teilnehmer - und nur so konnte man Klasse-Teams wie Frankreich und Italien müdelaufen und die Holländer länger ärgern als alle anderen davor. "Frisch" war man dadurch aber nicht, führte ein an den Gegner angepasstes Schattenleben. Das wäre im Vorfeld möglicherweise zu erkennen gewesen - aber ich hätts nicht geglaubt, auch wenn es mir ein Geheimdienst gesteckt hätte.

Wenig gesehen hab ich von Radu und dem angeschlagenen Marica, gern mehr gesehen hätt ich von Dica, aber der wechselt ja jetzt eh nach Italien.

 
 
Italien
  hätte ich den Titel zugetraut. Und wenn man sich angesehen hat, wie sich das Team aus eigener Kraft aus dem Sumpf zog und nach drei gar nicht so schlechten Spielen (mit unfassbar vielen vergebenen Torchancen, ganz untypisch) dann in einem Schachspiel am Titelträger scheiterte, dann war das kein komplett unrealistisches Szenario.
Und damit sind sie genau dem hier "Andererseits kann das italienische Team auch an seine traditionell wackelige Euro-Performance anschließen und wieder einmal ein Turnier in der Vorrunde in den Sand setzen." von der Schaufel gesprungen und bewegen sich genau in der Mitte der Einschätzung. In der viel auf das alles überstrahlende Mittelfeld ausgelagert wurde - das ja dann nicht so strahlend performte.

Italien hat bis auf Borriello (und wie zumeist; die Ersatztorleute) alle Spieler eingesetzt - da wäre also personell nicht wirklich mehr möglich gewesen.

 
 
Frankreich
  Über Frankreich, besser Domenech, hab ich viel Sternzeichen-Spott ausgegossen und - zwischen den Zeilen - ein wenig gehofft, dass man auf die Schnauze fällt, um eine wirkliche Erneuerung dieses irgendwie in zu alten Strukturen festhängenden Team zu ernöglichen. Dass das jetzt leider nicht (Platini liebt Domenech) passiert - ewig schade.

Das viele Pech, das König Ribery am Körper kleben würde, war nicht vorherzusehen, die falsche Behandlung der jungen Garde (Benzema, Nasri) auch nicht - und nur eine tolle Form dieser hätte ja mehr möglich gemacht.
Immerhin die zwei Systeme, in denen Frankreich auflaufen würde, die stimmten.

Boumsong, Squillaci und Lassana Diarra bekamen keine ernsthafte Chance - und da das Problem der Franzosen auch ihre teilüberalterte Abwehr war, hatte das schon einigen EInfluß auf die Leistung. Vieira hatte keinen Einsatz, dafür blieb Flamini außen vor - dumm gelaufen.

 
 
Niederlande
  Da wusste ich dass ich nichts wusste, weil niemand was wusste. Nicht vorherzusehen war, dass das Oranje-Team sich diesmal nicht - wie oft - selber zerfleischen würde.

Vorhersehbar: "Einziges Manko (auch eine Tradition): die Abwehr." Falsch vermutet: Heitinga rettet da nichts. Richtig angenommen: der Charakter Boulahrouz prägt das Spiel.
Richtig auch: "Wenn sich die Abwehr einigermaßen zusammenfindet, dann kann was gehen, nach vorne sowieso und ins Viertelfinale allemal." Dass dort dann gegen die an diesem Abend überragenden Russen Schluß war - keine Chance.

Die personelle Ausschöpfung der Holländer war ziemlich am Punkt: van Basten hatte einen perfekten Kader beisammen.

 
 
Russland
  startete als Geheimtipp (naja, so geheim war der UEFA-Cup-Sieg nicht) und hatte immer ein starkes Argument: "Der zweite wichtige Faktor ist der Coach: Guus Hiddink." Das erste Argument war übrigens die erstarkte russische Liga, die Hiddink tolle junge hungrige Spieler für sein schnelles, positives und forsches System brachte.
Ist im Übermaß eingetroffen.

Zhirkov, Anjukov, Arshavin und Akinfeev kommen als heiße Aktien vor, Pavluchenko fehlt, Biljaletdinov erwähne ich nur in der Preview-Salon Helga-Sendung bei Stermann, Zyrianov hatte eh niemand auf der Rechnung.

Bis auf zwei Defensivspieler haben wir alles gesehen, was im Kader war - und genau da fehlt es noch ein wenig, an der Dichte nach den ersten 11.

 
 
Griechenland
  was the team to hate.
Und wenn da in der Preview steht "undankbares Objekt, wenn es drum geht, Positiva zu finden, die über die Verherrlichung von Destruktion, Langeweile und Konventionalität hinausgehen", dann war nicht zu ahnen, dass all das noch untertroffen werden würde.
Nur: niemand mußte Positiva suchen oder finden - Rehhagel ritt sein Team ganz von allein in die Scheiße.

Das hat auch mit der Ausschöpfung zu tun: Rehhagel hatte ein Händchen dafür die falschen Spieler an die falschen Stellen zu setzen. Da wäre mit jemand anderem als dem Atombunker-Otto natürlich mehr drin.

 
 
Schweden
  hab ich gefühlsmäßig am besten von allen Mannschaften eingeschätzt: personell und qualitativ sehr knapp besetzt, ein berechenbares, weil ein die Jahre gekommenes Team, das eher nur noch Fassade darstellt. Und: "Insofern ist der Auftakt gegen die auf Vorsicht bedachte griechische Mannschaft reines Glück."

Wars dann auch. Nur dieser (wichtige) Sieg ließ das schwedische Team ein wenig leben; und die Genialität Ibrahimovic, der selbst angeschlagen immer noch der beste seiner Mannschaft ist.
Mehr war dann aber - wie erwartet/befürchtet nicht, auch weil die potentielle Kreativzone mit Källström und Sebastian Larsson nicht von der Leine gelassen wurde.

 
 
Spanien
  Da ging in der Preview die Angst mit mir durch, die viele umfasst, die sich vor jedem Turnier immer wieder aufgemacht hatten, die Spanier zum Co-Favoriten zu erklären und damit enttäuscht wurden.

Da steht: "Wenn Spanien bei der Euro wieder peinlich ausschaut und sich wie üblich spätestens im Viertelfinale verabschiedet, dann erfüllen sie die in Wahrheit bereits extrem niederen Erwartungen. Alles andere wäre also eine Zuwaag' und dementsprechend erfreulich. Und: darauf hoffe ich (und verkleide es nur notdürftig hinter den schlimmen Befürchtungen). Denn natürlich wäre ein Vorstoß an die Europa-Spitze ein enorm wichtiger Boost für das von allen schlecht behandelte Nationalteam."

Daneben gelegen bin ich in der Einschätzung der Ausbootung von Raul: das war wohl der Schlüssel um das schwelende Regionen-Problem in den Griff zu kriegen. Mit Raul hätten Puyol und Ramos wohl nicht gemeinsam getanzt.

Falsch eingeschätzt hab ich Capdevila, der tatsächlich das Linksverteidiger-Problem gelöst hat, und dass sich Senna so super entwickelt hat, war im Vorfeld auch kein Thema.
Richtig hingegen die Einschätzung des Filtestücks dieser Euro: "Iniesta-Xavi-Fabregas-David Silva, diese Viererreihe, so sind sich alle einig, ist was zum Zungeschnalzen". Und: "Mit Ferndando Torres, dem Super-Nino, vorne, mit Iker Casillas im Tor und mit einer guten von Sergio Ramos und Puyol organisierten Abwehr - da kann doch eigentlich nichts passieren."

Eh. So einfach ists oft.
PS: das B-Team, das gegen Griechenland auflief, das schau ich mir dieser Tage dann auch noch einmal an, als videoaufgezeichnete Nachspeis sozusagen.

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