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Wien | 3.7.2008 | 13:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Das Fußball-Journal 08. Eintrag 1.
 
 
 
 
Zum Bundesliga-Start.
 
Am Samstag, also weniger als eine Woche nach der Euro, steigt der erste österreichische Verein in den offiziellen Matchbetrieb ein: Sturm Graz spielt im UI-Cup gegen Shakhtyor Soligorsk aus Weissrussland.

Dieser Bewerb heißt so, weil das die Abkürzung für UEFA-Intertoto-Cup darstellen soll. Der Begriff Intertoto zeigt, wofür dieser kleine Cup (der seit Jahren im UEFA-Cup mündet) ursprünglich geschaffen wurde: um das Sommerloch auf den internationalen Toto-Scheinen zu füllen.
Denn niemand, der bei Sinnen ist, spielt im Sommer in Mitteleuropa freiwillig Pflichtspiel-Fußball. Man trainiert, ja, z.B. in der Steiermark, wo wieder 297 Klasse-Teams Trainingslager abhalten. Und man startet dann in fünf oder sieben Wochen richtig los.
Das sommerliche Durchspielen bleibt den Meisterschaften im Norden vorbehalten, die schlauerweise (aufgrund der klimatischen Bedingungen die dort herrschen) in ihren nicht so heißen Sommern ziemlich durchspielen(bei den alljährlichen großen Turnieren gibt's eh 1 Monat Pause), um die unbespielbaren Winter zu vermeiden.

Wenn man sich den UEFA-Kalender ansieht (in dem die österreichischen Ligaspiele erst seit gestern drin zu finden sind, obwohl die Auslosung schon länger getan ist; aber das ist nichts Ungewöhnliches oder Böses: im ÖFB-Kalender ist das schon vor der Euro vereinbarte Länderspiel gegen Italien auch erst seit heute vermerkt), dann sind derzeit die skandinavischen Länder aktiv, das Baltikum, das ebenfalls auf Ganzjahres-Kalender umgestellte Irland sowie Russland und einige USSR-Nachfolgestaaten.

Das einzige Land jenseits der nordischen Achse, das Anfang Juli seine Meisterschaft startet, ist Österreich.

 
 
Die Bundesliga
  sprach heute, bei ihrer Präsentations-Pressekonferenz, in Gestalt ihres Vorstand Georg Pangl davon, dass man den "Aufschwung mitnehmen wolle", den der Fußball in den letzten Wochen genommen hätte, in Österreich - durch das erfolgreiche Absolvieren der Gastgeber-Pflichten.

Dass hier die beste Euro aller Zeiten (wie es nach dem Finale auf British Eurosport unisono zu hören war) fast perfekt abgewickelt wurde, dass Fußball hierzulande das Nummer 1-Gesprächsthema war - alles richtig.

Die Schwung mitnehmen-Metapher höre ich allerdings nach jedem Turnier, wenn es darum geht, den grotesk frühen Saison-Start zu kaschieren.

Ob diese österreichische Exklusivität des vorzeitigen Abgehens, der viel zu geringen Sommerpause, des sinnlosen Hitze-Kicks mit der Exklusivität des österreichischen Absturzes in den Ranglisten von Nationalteam und Clubteams direkt zu tun hat - diese Frage darf sich nicht stellen, wenn es nach der Bundesliga geht.

Es ist auch sinnlos, sie Georg Pangl zu stellen, der ja nichts für den Kalender kann, den ihm seine Präsidiale hinstellt - er muss damit arbeiten, dass eine künstlich aufgeblähte, 36 Runden umfassende, Meisterschaft in ein viel zu enges Korsett gepresst wird, das vor allem zur Winterzeit eine lange Pause braucht.

Und diese Präsidiale ist nicht gewillt auf eine leichtgewichtigere 16er-Liga mit nur 30 Runden oder auf die angesprochene Ganzjahres-Meisterschaft nach nordischem Vorbild (da Österreich als Alpin-Land ja durchaus vergleichbare klimatische Probleme hat) umzustellen. Weil weniger Spiele weniger Einnahmen für die notorisch klammen Vereine bedeutet (theoretisch - praktisch eh nicht, die Zuschauerzahlen im Hochsommer und im Gatschwinter sind überschaubar).

 
 
Dabei
  wurden ja heute die beiden Hauptsponsoren präsentiert, die dafür sorgen sollen, dass es dazu eben nicht kommt. Tipp3 etwa gibt an, mit allen Vereinen einzeln noch Zusatzverträge auszuhandeln, um da Gelder noch effektiv fließen zu lassen.
Zu spät für die SV Ried, wo Coach Zellhofer eine Woche vor Meisterschafts-Start zurücktrat, weil die mit ihm vereinbarten Personal-Levels nicht erfüllt werden konnten.

Wie es möglich wäre, fragt der Kronen-Zeitungs-Mann, dass Pangl von "der besten Saison aller Zeiten" spräche, wenn ein Verein ohne Coach dasteht und andere mit ihrem Kader-Building nicht einmal noch gscheit angefangen haben. Auch diese Frage ist sinnlos - Pangl kann nichts anderes sagen, weil er auch für die Planungs-Verfehlungen der Vereine nichts kann.

Dass die - wie bereits seit Jahren - die ersten Runden quasi mit Rumpfteams bestreiten, dass die Kader erst nach Transferschluss Ende August wirklich komplett sein werden, dass man bis dahin teilweise trauriges Niveau im viel zu heißen Sommer erleben wird, dass sich die Coaches dann wieder und wieder auf zu kurze oder schlechte Vorbereitungen ausreden können, dafür können die, die heute dasaßen und präsentierten, nichts oder nicht viel.
Sie sind als Erfüllungsgehilfen einer schlechten Planungs-Politik einfach nur arm dran.

In einem anderen Zusammenhang (nämlich im öffentlichen Eingeständnis, dass es Teilschuld der Liga ist, dass im österreichischen Fußball eine ganze Generation - die der jetzt etwa 30jährigen - fehlt) sprach Pangl von "kollegialem Fehlverhalten" und beschönigte damit das Unwesen und Entsetzen von Kartnig, Svetits und Co.

Dass dasselbe "kollegiale Fehlverhalten", nämlich die nur auf den eigenen kurzfristigen Vorteil bedachte, schon die mittelfristig notwendigen Notwendigkeiten missachtende Wegschau-Politik die Bundesliga aktuell lähmt, das sagte er nicht.

 
 
Georg Pangl
  hatte auch durchaus Positives zu erzählen: dass man einen neuen Strafsenat für Vergehen hinter dem Rücken der Schiris eingezogen hätte; dass die Österreicher-Topf-Regelung (die bis auf Salzburg ja recht gut angenommen wurde) jetzt 12 von 18 auf dem Blankett aufscheinenden umfasst; und dass ("Achtung, Achtung!") das gute alte "Sport & Musik" wiederkommt.

Als er dann - sehr kryptisch - begann, seine Sportchefs gegen die Hickersberger-Anklage zu verteidigen, sprach Pangl von einer notwendigen, genauen und sachlichen Analyse, die nach einem abgeschlossenem Projekt nötig wäre - und meinte natürlich die Euro.

Ich würde mir eine solche Analyse, genauso sachlich und nicht wehleidig, wie sie Pangl da (zurecht) haben will, auch für die Liga wünschen, die sich in ihren Bilanzen leider immer nur hinter Zahlen versteckt, anstatt Substanzielles anzugehen. Etwa wie zeitgemäß hierzulande taktisch gespielt, wie nah am europäischen Standard hierzulande trainiert wird.

Sicher ist Numancia gegen Gijon für den, der Fußball optisch durchrieseln läßt, nicht attraktiver als (um bei Pangls Beispiel zu bleiben) Altach gegen Kapfenberg, wo man dann zumindest ein paar Akteure kennt - das taktisch-technische Niveau für den, der genauer zu schauen versteht, trennt uns aber auch von diesen Matches um Welten.

Man müsse viele Bereiche verbessern, sagte Pangl, und sprach den Medienbereich an.
Leider versteht die Liga darunter bloß, dass alle "an einem Strang ziehen" müssen um Werbung für den Fußball zu machen, als Appell an "gemeinsame Anstrengungen". An kritischer Auseinandersetzung ist "die beste Bundesliga aller Zeiten" auch im Jahr 1 nach der Euro nicht so sehr interessiert.

 
 
Das würde ja bedeuten,
  dass man sich der Analyse stellen müßte, die man nur für die "anderen" (in diesem Fall das ÖFB-Team, dessen Ex-Coach sich erfrecht hatte die Liga-Manager zu kritisieren) einfordert.

Dass eine solche Analyse als allerersten Schritt den bizarr frühen Saisonstart in Frage stellen (und in weiterer Folge selbstverständlich abschaffen) müßte, um den Vereinen (und in weiterer Folge dem Nationalteam) einigermaßen sinnvolles Arbeiten zu ermöglichen (anstatt die Kicker mitten im Aufbau-Prozess schon in eine Saison zu jagen) - das ist sicher so mühsam, dass man da lieber drüber weghören möchte.

Und von den entsetzlichen Entscheidungen, die zum Thema 1. Liga (das ist der Unterbau, die zweite Liga) jüngst gefallen sind, erst gar nicht zu reden.
Die hat übrigens angeblich jetzt - eh schon ein paar Tage vorm Start - endlich ihren neuen Sponsor.

Wenigstens ist der Kicker-KV, auch so eine endlose Geschichte, seit kurzem durch, ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in eine sinnvolle Zukunft, die dann in ein paar Jahren womöglich ernsthaft die "beste Saison alles Zeiten" ausrufen wird können, ohne dass man sich nicht so recht zwischen Weglächeln und Kopfschütteln entscheiden muss.

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