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Wien | 25.7.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Das Fußball-Journal 08. Eintrag 9.
 
 
 
 
Klekih-Petra und Intschu-Tschuna.
 
Nun hat der ÖFB also heute doch etwas überraschend Karel Brückner als seinen neuen Teamchef präsentiert.
Wer hätte, nach dem Slomka-Intermezzo, den Gerüchten um Finke und Neeskens, den anstrengenden Herzog-Debatten und Angsttraum beförderndem Wahnsinn wie Constantini geglaubt, dass der schon in der Pension weilende weißhaarige Opa, der uns so an Winnetous Papa gemahnt, aus dem Hut gezogen wird.
Winnetous Vater war im übrigen der große Intschu-Tschuna, während Klekih-Petra (der weiße Vater, ein Deutscher noch dazu) nur so eine Art Stiefonkel war, der in Winnetou 1 von den Bösen erschossen wird - aber das ist jetzt nicht so wichtig.

Wichtiger ist es mir jetzt alles, was für und alles was gegen Brückner spricht, aufzulisten. Einfach, weil ich noch keine Ahnung habe, was ich mir dazu denken soll.

 
 
Pro: die internationale Erfahrung.
 
Es tut gut, endlich einmal einen Teamchef zu bekommen, der wirklich was vorzuweisen hat, anstatt sich (im vollem Ernst) mit Habenichtsen wie Zsak (und eigentlich auch Herzog) herumzuschlagen, die im Gefolge einer unseligen Tradition des Schlags Krankl/Polster mit nichts als einer unbegründeten Selbstsicherheit und ihrem Ex-Teamspielertum krachig in die Wagschalen werfen. Das ist nicht nur für diesen, den womöglich wichtigsten Job im österreichischen Fußball, sondern auch für jeden anderen Chefcoach-Job im Profi-Bereich einfach zu wenig.
Wie es heute einer der Ballesterer-Kollegen anmerkte: ein Frank de Boer als Rekordteamspieler coacht die U19 von Ajax, ehe er - vielleicht - was Wichtigeres wird. Da diese Demut den heimischen Internationalen fehlt, und sie nach einem Jahr U-irgendwas schon Ansprüche stellen, das ist es, was Österreich aus den ersten 100 der Weltrangliste schoss.

In diesem Zusammenhang ist ein Fuchs wie Brückner, der die goldene tschechische Generation mitformte (als U21-Coach unter Jozef Chovanec ab 98, als Chefcoach ab 02) und seine Mannschaft in der Folge zu jedem großen Turnier und zwischenzeitlich auf Platz 2 in der Welt brachte, eine wahre Revolution.
 
 
 
Con: die internationale Erfahrung.
 
Andererseits - das von ÖFB-CHef Stickler aufgestellte Kriterium der internationalen Erfahrung kann Brückner nicht erfüllen: aus dem tschecho-slowakischen Fußball ist er nie rausgekommen. Er war Coach bei mittelguten Teams wie Ostrava oder seiner Heimatstadt Olomouc (für die Deutschtümler: Olmütz) und dann eben für den Verband tätig.
Erfahrungen im Ausland: keine.

Brückner ist ein weltläufig gewandter Mann mit Kontakten, sein Deutsch ist sehr gut, keine Frage. Aber er hat keine Erfahrung mit Strukturen außerhalb seiner Heimat.

Genau deshalb kommt er dem ÖFB auch durchaus recht: jemand wie er wird keine großen Umwälzungen fordern, jemand wie er kann dem Klassiker der österreichischen Argumente ("dös hamma immer schon so gmocht") nicht wirklich wirkungsvoll gegenübertreten, weil ihm der Verweis-Horizont, den die deutschen oder holländischen Kandidaten gehabt hätten, fehlt.
 
 
 
Pro: die Weisheit des Alters.
 
Ich bin ja in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass ein Fußball-Lehrer so sein muss: weißhaarig und weise, damit Kontinuität vermittelnd, gütig, aber auch störrisch, beruhigend in Krisenzeiten, zurückhaltend bei Erfolgen und vor allem unbarmherzig gegenüber den Medien. Mein Bild war von Leopold geprägt, dem weißen Riesen aus der damaligen Tschechoslowakei, der Österreich von 68 bis 75 coachte und die entscheidende Vorarbeit für 78 leistete, und von seinen Antworten auf dumme Reporterfragen, die gerne so lauteten: "Das war jetzt aber besonders blede Frage ...".

Mir ist dieser Typus des Fußball-Coaches also emotional sehr nahe, und ich denke auch, dass im hektischen Tagesgeschäft Fußball gerade im Nationalteam-Bereich strategische Ruhe und Gelassenheit sehr wichtig sind.
 
 
 
Con: die Weisheit des Alters.
 
Denn die ist halt auch eine Weisheit ums Wissen des vorigen Jahrtausends. Irgendwann hört man einfach ein bisserl auf, sich mit all den neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen, in die sich die Slomka-Generation ganz wie von selbst reintigert.
Und irgendwann hat man den Anschluss dann verpasst. In so einem Fall zehrt man noch ein wenig von seinem Back-Catalogue, kann sich locker noch ein paar Jahre mit Routine und der Fähigkeit, auf die richtigen Berater zu hören, wegbluffen.
Etwa so dürfte es Brückner dann nach dem Höhepunkt seiner Tschechen bei der Euro 04, als sie gemeinsam mit Portugal die beste Mannschaft waren, auch ergangen sein.
Weshalb er auch folgerichtig bereits im März seinen Rücktritt nach der Euro ankündigte.
Auch mit dem Hinweis darauf, dass er ja bereits 68 wäre.
 
 
 
Pro: mit den Jungen gut können.
 
Das ist eine der drei zentralen Anforderungen von Stickler - der junge Weg muss fortgesetzt werden. Und deshalb wäre ihm und seinem Scouting-Team (mit ÖFB-General Ludwig und BL-Präsident Pucher) Brückner auch so sinnvoll erschienen: weil er eben mehrfach auch U21-Teamchef seines Landes (bzw. der alten CSSR) war.
Und das Team, das er da nach 1998 aufgebaut hatte, erreichte 2000 das Finale der U21-EM und wurde 2002 U21-Europameister. Kapitän war damals ein gewisser Vachousek, Tormann ein Petr Cech.
 
 
 
Con: mit den Jungen gut können.
 
Konnte der weiße Vater das bei der tschechischen Nationalmannschaft? Zählte bei ihm nicht eher Nibelungentreue auch zu Spielern, die jenseits ihres Zeniths waren: Smicer, Koller, Baros, Heinz, Poborsky spielten auch dann noch, wenn man es eigentlich schon längst hätte mit jüngeren Nachrückern hätte probieren müssen.
2004 begann Brückner mit einigen 22-Jährigen (Cech, Hübschmann, Plasil, Baros ...)
2006 war der jüngste in seinem Kader (Cech) 24. Nachgerückt war keiner.
Der einzige U25-Jährige im 08er-Kader, Martin Fenin, bekam keine einzige Einsatzminute. Zweitjüngster: weiter Cech.

Hat jemand, der in vier Jahren einen einzigen jungen Spieler hochziehen kann, ein Händchen für Junge?
 
 
 
Pro: sich als Nachbar in Österreich auskennen.
  Tut er, sagt Stickler, weil er als Nachbar immer schon einen Blick riskiert hat. Und er werde in Österreich wohnen und in den Stadien rumkurven, quer durchs Land, klar.

Ich weiß nicht, warum mir zu beiden Feststellungen noch der Glaube fehlt. Der weiße Riese Stastny hatte ja eine Permanent-Residenz im Hotel Fürstenhof und war nur auf Urlaub daheim in Bratislava - aber er war auch ein alleinstehender Eigenbrötler, während Brückner Familienmensch ist.

Andererseits: der Rückgriff auf die zwischenzeitlich verlorengegangenen Gemeinsamkeiten zwischen österreichischem und tschechischem Fußball - der hat was. Denn die Zwischenkriegs-Tradition des Scheiberlspiels (also der schnellen Kurzpassspiels), die wurde im Dreieck Wien-Prag-Budapest erfunden.
Ein Anknüpfen an diesen nachbarschaftlichen Austausch wäre wünschenswert, zumal man dem tschechischen Fußball neben seiner guten Athletik auch eine überdurchschnittlich hohe Technik bescheinigen darf.
 
 
 
Con: sich als Nachbar in Österreich auskennen.
 
Es macht nur dann Sinn, einen ausländischen Trainer zu holen, wenn der eine neue Philosophie, eine neue Art des Spiels einbringt, die den heimischen Kick beflügelt. So nah Deutschland ist - so fern ist deren Zackzack-Philosophie der Fitness und der gesamtheitliche Anspruch der Generation Klinsmann.
Und die holländische Philosophie vermag (Adriaanse zeigt es vor) innerhalb kürzester Zeit Riesiges bewegen.

Wenn man auf die auch ein wenig letscherte, tschechische Philosophie zurückgreift, die in ihrem Fatalismus dem österreichischen Verständnis von Schicksalsergebenheit sehr nahe kommt, dann wird sich nichts Dramatisches ändern.
 
 
 
Mehr dann wohl am Montag,
  wenn sich Karel Brückner, wohl präpariert, erstmals selber vorstellen wird.
Dass Stickler/Pucher ihre Entscheidung schon heute Mittag bekanntgaben liegt im übrigen daran, dass sie heute Vormittag die Landes-Präsidenten und die Bundesliga-Clubchefs informieren mussten und mit Sicherheit davon ausgehen durften, dass die alles, was man ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit (bis Montag) erzählt hätte, sofort rausgegangen wäre.
Ist es auch, noch per SMS direkt aus den Sitzungen - das sagt eine Menge über die Kleintierzüchter-Vereinsmeier-Haltung dieser Herren/Gremien, die kein einziges Kriterium zeitgenössischen Managements-Mindestanspruchs erfüllen.
Insofern war dieser Schnellschuss von Stickler und Co. weise. So gesehen hat Brückner schon abgefärbt. Immerhin.

PS: ob sich Andi Herzog für oder gegen die Fortführung seines Assi-Jobs entscheidet, hat mich genau keine Sekunden lang beschäftigt. Wenn er kein Trottel ist, bleibt er und lernt.
 
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