Er wolle etwas zum Thema seines Alters sagen, meint Karel Brückner mitten in seiner Antritts-PK, ohne Not und ungefragt, denn der Fragesteller wollte nur wissen, was denn seine Familie dazu gesagt hätte, zum Rücktritt vom Rücktritt. Und mitten hinein in die schon nächste Frage, die nach Roger Spry, erzählte Brückner also was über sein Alter.
Er würde es ständig neu berechnen, und zwar mit einer Konstanten und fünf Variablen, für die er ein Koeffizienten-System habe.
Die österreichischen Vertreter waren von dieser in tschechisch vorgetragenen Antwort auf keine Frage und der dahinter lauernden Komplexität ein wenig überfordert, also machte sich - direkt nach dem Spry-Frager - dann einer der vielen tschechischen Journalisten, die heute mittag im Wiener Hilton der Vorstellung von Karel Brückner als ÖFB-Teamchef beiwohnten, auf, um nachzuhaken: wie denn das mit der Altersberechnung zu verstehen sei; und wie alt der danach denn gerade wäre.
55, antwortete Brückner (68). Aber nach dem EM-Aus im Spiel gegen die Türkei, da wäre er 92 gewesen.
Die Lacher hatte Brückner damit auf seiner Seite.
pariasek, stöger, weißer vater, stickler.
Oder: die Geschichte vom gefühlten Alter.
Allerdings kann man diese seine genuine Altersmessung auch auf die Vorstellung umlegen, die er heute hier bot.
Der Brückner, der mit Kopfhörer bewaffnet und von einer guten Simultan-Dolmetscherin unterstützt, auf gewitzte tschechische Journalistenfragen (die sogar Kundera-Titel zitierten, da schauten sich die heimischen Reporter nur groß an) ebenso gewitzt, schlau, schnell und schwallartig antwortete - der war tatsächlich die gefühlten 55.
Der Brückner, der sich mit einer teilweise vorgefertigten Grundsatzrede auf deutsch abmühte und plagte, dem immer wieder die richtigen Begriffe merkbar nicht einfielen, der dann auch noch vanderbellisch (64) drüber nachdachte, was er jetzt sagen wollte, der sprach langsam, gehemmt und übervorsichtig - und war da zwar nicht am Depro-Tiefpunkt von 92, zeigte da aber zumindest sein wahres Alter.
Und: im österreichischen Team-Alltag, mit Mitarbeitern wie Andi Herzog und dem ÖFB-Stab, und vor allem mit den Spielern, da wird seine tschechische Eloquenz genau gar nichts nützen, da wird er in seiner opahaften Schwerfälligkeit leider allzusehr an den langsamen Hicke-Opa anknüpfen.
Die Sprache hemmt diesen Mann also noch sehr.
Der AP-Korrespondent, dessen Deutsch sicher und schwungvoll daherkam, war so uncharmant, das indirekt anzusprechen - Brückner konterte das mit der Sprache des Fußballs und dass er dort alle Begriffe perfekt beherrsche; ungeschickterweise tat er das wieder auf tschechisch, anstatt sich in seiner neuen Arbeitssprache zu versuchen.
Und schon davor hatte er ja in einem schön formulierten Satz auf die tatsächlichen Wichtigkeiten hingewiesen: "Die schönsten Worte können ein Ergebnis nicht ersetzen. Ich werde an Ergebnissen gemessen, nicht an Worten."
Das stimmt, aber es stimmt auch wieder nicht.
Denn zum einen sind eben die Worte sein einziger Zugang zu anderen Menschen.
Und zum anderern sind es nicht die Scoreboard-Ergebnisse in einer WM-Quali, die ausschließlich dazu dienen wird, ein junges Team auf den Weg zu bringen, sondern die Entwicklung die sich darauf ergibt, nach denen er beurteilt werden wird.
Brückners 2-Jahres-Job wird reine Aufbauarbeit sein, nicht mehr. Er will es mit Herzog machen, das war rauszuhören. Er wird es auch mit Scharner machen, das war auch klar zu verstehen. Dass auch Kondi-Coach Roger Spry dabei sein wird, das war nicht so deutlich rauszuhören, wie es viele danach deuten wollten.
Brückner wurde erst letzten Montag vom ÖFB kontaktiert (was auf ziemliche Abschluss-Panik samt Ankündigung am Freitag schließen läßt) und beschäftigt sich also noch nicht einmal eine Woche mit senem neuen Patienten.
Weise Ratschläge waren und sind also derzeit noch nicht zu erwarten, auch noch nicht beim nächsten Spiel, dem Spät-August-Test gegen Italien.
Nach Wien ins Hotel wie sein Vorgänger Stastny wird er nicht ziehen, er wird weiter in Olomouc wohnen - wo ihn ja schon am Wochenende die Paparazzi auflauerten. Ob und wie er dort sein wichtigstes Instrument, seine Sprache, die ihn derzeit noch über80jährig macht, auf das für diesen Job nötige Niveau von 55 runterschrauben kann, das ist mir allerdings nach diesem heutigen, enttäuschendem Auftritt nicht ganz klar.