Ich bin ja komplett immun gegen Olympia und seine dominante Medien-Präsenz, die unvermeidlichen Alltagsgespräche drüber und natürlich auch seinen lauernden Nationalismus.
Mein Rezept ist einfach: völlige Aufgabe.
Denn all jene, die sich in "Ich schau mir ja bewusst nix an!"- oder in "Ich boykottier das ja aus prinzipiellen Gründen"-Sicherheitsschildern bewaffnen, werden scheitern - irgendwann werden sie von Olympia gestreift, erwischt, wenn sie Pech haben sogar gepackt - und müssen sich dann gegenüber sich selber der Lüge verantworten.
Natürlich gehört Beijing 2008 boykottiert.
Und zwar nicht nur, weil sich die chinesische Polit-Nomenklatura mit allen großenwahnsinnigen diktatorischen Ingredienzien damit selber abfeiert, oder weil die chinesische Sport-Maschinerie es bewusst auf die Selbstzerstörung seiner Athleten anlegt. Das ist diesmal halt besonders widerlich - auf CCTV war die Staatsführung bei der Eröffnungsfeier im Minutenabstand als dauerwinkender Zwischenschnitt zu sehen, Parteitag galore also.
Olympia allerdings ist immer, in jedem der bisherigen Fälle, die Demonstration der Machthaber, egal ob das ganz offensichtlich ist, wie bei den KPdSU-Spielen von 80 oder den Cola-Spielen von 96, oder ob es sich um vergleichswesie Harmloses wie die Ozonloch-Spiele von 00 handelt.
Es geht immer um die Demonstration von Überlegenheit unter dem Vorwand der Brüderlichkeit - und auch die damals komplett ungerechtfertigte Vereinnahmung der Aborigines (die erst kürzlich eine seriöse Geste der Ernstnahme erhielten) war und bleibt widerlich.
Es geht auch kaum anders:
ein autokratischer, von weltfremden Knallchargen und Oligarchen gegründeter und zuletzt jahrelang von Faschisten geführter und definierter Verein, der kann nur bigotten und selbstsüchtigen Zielen dienen.
Das IOC ist in seiner Struktur das blanke Gegenteil dessen, was es zu vertreten vorgibt.
Da es diese trotzdem unerreichte Zusammenkunft der besten Sportler der wichtigsten Disziplinen der Welt so umfassend zu organisieren versteht, ist es aber nicht möglich hier Ignoranz walten zu lassen.
Olympia basiert auf einem Haufen Dreck, aber es liefert dem Auge und den anderen menschlichen Emotions-Aufschnappern das, was die UN oder andere weltumspannende Verbände, Vereine etc. nicht können und auch nie zusammenbringen werden: das Gefühl einer Weltgemeinschaft anzugehören; und zwar nicht nur für die polyglotten Auskenner, sondern für alle, vor allem die Nichtswisser, die dann zumindest einmal alle vier Jahre mit dieser irrwitzigen Vielfalt an Menschen und Konzepten konfrontiert werden.
Das ist alles, was Olympia kann
- das ist aber durchaus so viel und so wertvoll, dass es ein überhebliches Sich-Entziehen in derselben Sekunde lächerlich macht.
Darum ergebe ich mich, bereits seit Jahren, in den olympischen Wochen.
Bedingungslos.
Ich muss daher den komischen Eiertanz um die Kitsch-Orgie, die jede Eröffnungsfeier darstellt, nicht mitmachen und sie dann nach kindlichen ästhetischen Maßstäben zu etwas hochlabern, was sie nie sind: mehr als Ornamentik, mehr als bloß bewahrende Folklore, gefahrlose Pseudo-Kunst, die sich am kleinsten gemeinsamen Nenner aufhalten.
Dafür darf ich dann auch im Vorfeld über die Portraits der dafür zuständigen "Künstler" lachen, die sich dann immer winden wie die rolligen Katzen - und im aktuellen Fall auch noch als unpolitische Trottel selber bloßstellen, als hätten sie an den Riefenstahls dieser Welt keine mahnenden Beispiele.
So kann ich die Eröffnungsfeier wie einen Einmarsch bei der Wiener Jugendmeisterschaft im Schlagball betrachten.
Ich brauche auch keine Ausrede, auf modische Elemente zu schauen, um mir den Sportler-Aufmarsch anzuschauen. Mir fallen, weil ich das ja seit Jahren ohne Pseudo-Mode-Auge anschaun kann, lieber gesellschaftliche Veränderungen auf, welche arabische Mannschaften z.B. mit wie stark verschleierten Frauen auftauchen, wenn überhaupt. Wie sich die Hautfarben zunehmend mischen, auch bei afrikanischen Teams mehr und mehr Weißbrote mitlaufen etc.
Ab diesem Moment der Aufgabe
eines eh nicht funktionierenden politisch korrekten Verhaltens laufen bei mir meist zwei Fernseher parallel - mit Olympia only.
Danke ORF, danke British Eurosport, danke ARD und ZDF und speziell danke an die vier Digital-Kanäle von ARD und ZDF, die immer noch was anderes live reinspielen.
Mir ist das meiste, was da läuft, vier Jahre lang egal gewesen - bis auf ein paar Kernsportarten - aber man wächst so schnell wieder rein.
Als z.B. direkt vor dem Goldkampf des kleinen Judokas Lupo Paischer (der mich sehr an den Alex, einen Friseur-Künstler, den ich kenne, erinnert) die beiden Bronze-Kämpfe zu sehen sind (im Judo gibts ja immer zwei kleine Finals um zweimal Bronze, die haben sehr eigene Regeln), sind mir recht schnell sowohl die Begriffe (Ippon, Koka, Yuko...) und auch die Riten wieder geläufig - und beim Finale darf ich mich dann gleich als Mikro-Experte fühlen, der dann zwei Minuten lang drauf hofft, dass Paischer, weil er zumindest der Aktivere ist, sich vielleicht über die Kampfzeit schummelt.
Und ich darf kurz drauf natürlich bereits überheblich lächeln, als Monica Lierhaus in der ARD den Turn-Begriff des Pauschenpferds zum Kichern findet. Hierzulande heißt das Ding auch Seitpferd, das klingt besser. Egal: Fabian Hambüchen baut dort Mist und auch das sieht gut aus.
Und dann sind alle heute antretenden Schwimmer
total toll, schwimmen jeder österreichischen Rekord und scheiden dennoch als 15., 18., 20. und 345. aus.
Das ist sicher eh super, international gesehen, aber es ist auch eine derart starke Reminiszenz an die alten Olympia-Zeiten, als schon die pure Teilnahme bejubelt wurde, weil von einer brauchbaren Platzierung nur geträumt werden durfte, dass ich mir die Augen reiben muss, ob wir nicht doch erst 1988 oder so schreiben.
Seltsamerweise machen auch die sechs Stunden Zeitunterschied, die die Spiele großteils in die Nacht verlegen, nicht wirklich was aus.
Gestern z.B. bin ich in der Gewissheit eingeschlafen, dass der österreichische Radler Pfannberger in Führung lag.
In einem meiner Träume hat er dann eine Nebenrolle gespielt, als Pfanni Kartoffelkönig (auch wenn das glaub ich in echt doch eher der Stocki war, aber im Traum ist das ja wohl erlaubt). Da hat es dann auch gar nichts gemacht, dass er beim Aufwachen dann nichts mehr gerissen hat.
Ich mag das, die Spiele so in seinen Alltag aufnehmen, dass sie ihr gefährlich-dummes Propaganda-Pathos erst gar nicht entfalten können.