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Wien | 12.8.2008 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Das Fußball-Journal 08. Eintrag 17.
  Der erste ÖFB-Kader nach der Euro:
 
 
 
Fortschritte, Rückschritte und auch Gruseliges.
 
Die Erwartungen waren ja bereits im Vorfeld runtergeschraubt worden: da Neo-Teamchef Brückner, der die letzten 14 Tage damit zubrachte DVDs, Tapes uä zu sichten und dann auch gar zwei Live-Spiele besuchte, noch keine umfassende Ahnung vom heimischen Fußball gewinnen konnte, ist der erste Kader (für das Testspiel gegen Italien am 20. 8.) einer von Assistent Andi Herzog.

Brückner und sein Assistent, nein, besser: Dolmetsch, Jan Kocian, mischten sich nur in Details ein und rechneten da ihre zwei Spielbeobachtungen hoch (leider keine gute Idee), um halt auch was zu bestimmen.

Deshalb sind die 19 Nominierten 17 Mann aus dem EM-Kader und zwei aus dem erweiterten 31er-Kader. Da die Herren Macho, Korkmaz und Vastic nicht fit sind und Herzog Hickes Rapid-Fimmel rund um Patocka, Hiden und Katzer ja nicht mitmachen muss (vor allem dann, wenn stattdessen einfach der omnipotente Ibertsberger nominiert werden kann - ein kleiner aber feiner Fortschritt ist das schon...), ergibt sich das Aufgebot von selber.

Wenn man keinen Mut hat.
Oder wenn man einfach den Euro-Startern die Gelegenheit geben will, den neuen Boss kennenzulernen.
Auf ein klitzekleines Zeichen der Erneuerung, auf die Nominierung eines Öbster, Kienzl oder Salmutter wartet man dann vergebens, wenn es Herzog nicht macht, um sich nicht selber nicht zu desavouieren und es die beiden Neuen nicht können, weil sie zu wenig gesehen haben.

Sturm Graz zb, der Tabellenführer, die Mannschaft mit dem fortgeschrittensten Spielsystem, ist ihnen unbekannt, der Weg nach Graz war noch zu weit.

 
 
Und auch um das Problem Paul Scharner
  schwindelt man sich elegant herum: der ist noch nicht fit, also wird die Neueingliederung vertagt.
Wohingegen die ebenso nichtfitten Aufhauser, Harnik und auch Stranzl sehr wohl aufgeboten wurden.

Die Nicht-Nominierung des Torschützenliste-Führenden Janko, der bislang die deutlichste und konstanteste Frühform aller Teamkandidaten hat, wurde ebenso wie die Nominierung der wackeligen, technisch schwachen und disziplinär auf dem Feld überforderten und zudem auch noch recht kopfballschwachen Maierhofer mit genau EINER Spielsichtung begründet (ich überspitze klarerweise: ziemlich gut sind sie eh beide. Bei Maierhofer sind die Schwächen, die ihn international lähmen werden aber deutlich sichtbar - wohingegen Janko alles hat, was ihn sich auch im Ausland durchsetzen lassen würde).

Brückner habe Maierhofer im Heimspiel gegen Famagusta gefallen, Janko im Sonntagsspiel gegen die Austria nicht so sehr.
Wenn diese launische und in sich die Inkomptenz herausstreichende Begründung ein Fingerzeig für die Ära Brückner ist - dann Gute Nacht.

 
 
Fortschritte wird das Nationalteam
  in einem zentralen Bereich machen: im System.

Während das bei Hickersberger jahrelang eine Art verbotene Zone war und er erst diesen Jänner viel zu spät draufkam, dass er sowas bei der Euro brauchen würde, es dann aber leider übertrieb und dort mit gleich drei, vier hektisch und deshalb nicht gut eingelernten Systemen antrat, ist das bei Brückner als erste Agenda auf der Liste.

Und hier gab er auf eine klare Frage (hat er ein System und sucht die Spieler dafür - oder schaut er sich seine Spieler an und wird danach sein System ausrichten?) eine klare Anwort: zweiteres. Auch keine neue Erkenntnis, klar, aber ein österreichischer Teamchef hätte bei strategischen Fragen wie diesen wohl nur herumgestammelt.
 
 
 
Die Rückschritte sind aber auch unübersehbar.
  Leider.
Diesmal sprach Brückner - nach der misslungenen Debut-PK kein Wunder, aber auch ein bisserl arg defensiv - ausschließlich tschechisch. Und das ist auch weiterhin ein Problem.
Denn die (nach der PK sehr geschaffte) Dolmetscherin machte eines deutlich: dass die allermeisten, der von Brückner zuhauf verwendeten Bilder in der Übersetzung verlorengehen bzw wegen Fehlerhaftigfkeit keinen Sinn ergeben.
Brückner Sprache ist schnell, kräftig, in bestimmten Fachbereichen enorm zupackend und in Erklärungs-Situationen blumig, metaphernreich.

Schon in der Simultan-Übersetzung der Expertin gingen da etwa zwei Drittel der Information (die bei Brückner eben über die Bilder funktioniert) verloren. Das war in etwa so wie bei der Synchronisations-Fassung von "Shaft", der gestern zufällig im SWR lief - eine mangelhafte Übersetzung tötete einen Großteil des Subtexts und des eigentlich Gemeinten brutal ab.

Und da auch Kocian einmal meinte, dass er jetzt etwas nicht verstanden habe, ist durchaus Schlimmes zu befürchten. Denn die Lage hat sich in den ersten 14 Tagen nicht verbessert, sondern verschlechtert: die beiden bizarren Pausen-Interviews Brückners in den beiden bereits angesprochenen Spielen verheißen nichts gutes.

 
 
Der zweite Rückschritt ist einer in Richtung
  Grusel-Kabinett.
Als einige - für heimische Verhältnisse ultraharmlose, die Journaillie ist derzeit auf Schon- und Schmuse-Kurs - Nachfragen nach dem Warum und Wieso von Einberufenen und Nicht-Einberufenen kamen, entfloh Brückner ein bedenklicher Satz, den er als scharfen Verweis verstand: Er werde hier (bei solchen PKs) informieren, aber keinesfalls diskutieren.

Abgesehen davon, dass eine Frage nach dem Warum maximal eine Erklärung verlangt und keineswegs eine Diskussion darstellt, abgesehen von dieser Fehleinschätzung also, war es der eiskalte Hauch einer (so ab 1989) längst versunken geglaubten Grundeinstellung, die sich bei älteren Menschen, die eben davor sozialisert wurden, eben immer noch hält. Wobei dieser Umgangston einer diskurslosen Verlautbarungs-Gesellschaft natürlich auch im Kapitalismus beliebt ist. Ich hatte diesen kalten Hauch zuletzt im Lindner-ORF verspürt.

Als Brückner dann noch die Frage nach der Abruf-Liste (für Nicht-Fachmenschen: die Spieler, die sich im Verletzungsfall bereithalten sollen) nicht gefiel, wurde er noch pampiger: Dies würde er den Medien nicht mitteilen. Das könne jeder sein. Dass das den Sinn der Abruf-Liste (dass mans weiß und sich privat fit hält, um im Fall des Falles nachzukommen) ad absurdum führt, war in diesem Moment nicht so wichtig, wie der Block den Pressevertretern gegenüber, der bloß eines zeigen sollte: Wer hier der Boss ist.
Die Vermutung, dass man die Abruf-Liste aufgrund der schwierigen Kommunikation untereinander, schlicht vergessen habe, ist sicher nur ein böser Gedanke.

Denn, dass Brückner aufgrund seines bisherigen Auftretens die Medien nicht wohlgesonnen sind, das hat er schon gespürt.
 
 
 
Und noch versteht er es nicht seine Stärken
  richtig einzusetzen: als etwa eine - eh gute - Frage den Aspekt ansprach, dass man vor/während der Euro über die Stürmer gejammert hatte, und jetzt ein Überangebot hätte, daherkam, lenkte er mit einer philosophischen Betrachtung veränderter Szenarien ab: die alten Zeiten (in denen die Pacults und Polsters dieser Welt, also die "Experten", die uns unhinterfragt Scheiße erzählen dürfen, immer noch leben), in denen acht Spieler zwei Stürmern zuarbeiten würden, die sind vorbei. Heute wären die offensiven Mittelfeldspieler und die Außenspieler eine Art zweite und dritte Sturmwelle. Und ein funktionierendes System einer Mannschaft, könnte nur unter Berücksichtigung all dessen funktionieren.

Leider ging auch diese Antwort in der holprigen Übersetzung mehr oder weniger unter. Und Brückner, der die Verständnislosigkeit der Presseleute bemerkte, begab sich wieder ins pampige "Verstehts ihr eh nicht"-Territorium, anstatt den listigen Weisen darzustellen, dem man nicht ans Zeug flicken kann.

Auch hier also eine Entwicklung zum Schlechteren.

 
 
Wichtig erscheint mir,
  dass eine ganze Reihe nachstoßender und derzeit auch in guter, manchmal gar toller Form befindlichen Spieler im U21-Kader fürs Testspiel gegen Irland (am 19.8. in Wr. Neudorf) aufscheinen: Okotie, Hoheneder, Stankovic, Arnautovic, Schiemer, Kavlak, Klein, Madl, Junuzovic, Erbek, Sonnleitner, Dober stehen da ebenso drin wie Baumgartlinger, Olejnik und natürlich auch der junge Herr Drazan.

In restaurativen Zeiten wie diesen ist dieser Haufen des Herrn Zsak, in dem immerhin auch ein ganzer Sturm-Graz-Spieler aufscheint, womöglich fast der Interessantere.
 
 
 
Factbox
  Der Teamkader

Tor: Alexander Manninger (Juve, ITA), Ramazan Özcan (Hoffenheim, D)

Abwehr: György Garics (Atalanta, ITA), Ronald Gercaliu (Salzburg), Andreas Ibertsberger (Hoffenheim, D), Emanuel Pogatetz (Middlesbrough, ENG), Sebastian Prödl (Werder, D), Martin Stranzl (Spartak Moskau, RUS)

Mittelfeld: Rene Aufhauser (Salzburg), Christian Fuchs (Bochum, D), Andreas Ivanschitz (Panathinaikos, GRE), Christoph Leitgeb (Salzburg), Jürgen Säumel (Torino, ITA), Joachim Standfest (Austria), Martin Harnik (Werder, D)

Angriff: Erwin Hoffer (Rapid), Roman Kienast (Helsingborg, SWE), Roland Linz (Braga, POR), Stefan Maierhofer (Rapid).

13 der 19 Berufenen spielen im Ausland, tolle Quote, sehr zufriedenstellend. Macho (AEK, GRE), Korkmaz (Frankfurt, D) sind verletzt, auch Scharner (Wigan, ENG) nicht fit - sonst wären es wohl noch mehr.
Drei spielen in Salzburg, zwei bei Rapid, einer
bei der Austria, keiner kommt von Sturm, Vastic ist verletzt und wird, wenn er schlau ist, aus dem Team zurücktreten.

 
 
  U21-Teamkader

Tor: Robert Olejnik (Falkirk, SCO), Andreas Lukse (Rapid)

Abwehr: Niklas Hoheneder (LASK), Michael Madl, Andreas Schiemer (Austria) Mario Reiter (Neustadt), Andreas Schicker (Admira).

Mittelfeld: Julian Baumgartlinger (1860, D), Harun Erbek (Kayseri, TUR), Florian Klein (LASK), Michael Stanislaw (Neustadt), Zlatko Junuzovic (A. Kärnten), Veli Kavlak (Rapid), Emin Sulimani (Austria).

Angriff: Marko Arnautovic (Twente, NED), Christopher Drazan (Rapid), Rubin Okotie (Austria), Marco Stankovic (Sturm).

Hier, bei der U21, gibt es eine Abruf-Liste, warum auch nicht: Dober (Rapid, der ist fürs nächste Pflichtspiel gesperrt), Sonnleitner (Sturm), Suttner (Austria), Daniel Toth (Ried), Saurer (LASK).

Neu ist die niedere Legionärs-Quote der U21: nur vier spielen im Ausland, das war schon einmal besser...
 
 
 
  Der U20-Teamkader (für den Test in der Schweiz am 19. 8.) von Andi Heraf, der so wenig zu tun hat, dass er nebenbei den Premiere-Experten geben jann.

Tor: Wolfgang Schober (Salzburg), Lukas Königshofer (A. Kärnten)

Abwehr: Rene Seebacher (Admira), Georg Margreitter (Neustadt), Jan-Marc Riegler (Salzburg), Christian Ramsebner (Austria), Stephan Palla (Rapid), Thomas Piermayr (LASK)

Mittelfeld: Daniel Beichler, Jakob Jantscher (Sturm), Stefan Ilsanker (Salzburg), Thomas Salamon, Manuel Seidl (SVM), Guido Burgstaller (Neustadt)

Angriff: Ashley Barnes (Plymouth, ENG), Thomas Fröschl (DSV Leoben), Benjamin Sulimani (A. Lustenau), Julius Perstaller (Wacker).

Auf Abruf, denn Heraf ist es im Gegensatz zu Brückner ebenso wie Zsak möglich, das öffentlich bekanntzugeben: David Schartner (Salzburg, Tor), Florian Weiss (Austria Amas) Matthias Koch (Altach), Dominik Pürcher (Grödig), Christoph Schösswendter (Vöcklabruck), Christoph Mattes (Salzburg) und Atdhe Nuhiu (A. Kärnten). Beim achten Nachrücker handelt es sich (nach einer kleinen Verwirrung) doch um Patrick Salomon, 20, von A. Lustenau, und nicht um den gleichaltrigen und auch guten U19-EM-Teilnahmer Manuel Salomon vom FAC.
 
 
 
  Der bislang völlig unbekannte Herr Barnes ist im übrigen kein Österreicher, hätte aber eine Oma anzubieten und kann, wenn er im Test entspricht, eingebürgert werden. Er ist der letzte Neuankömmling auf meiner hübschen Legionärs-Liste. Sonst hat es ja keiner (Walch, Idrizaj, Sikorski...) geschafft. Und die ganz junge Garde der U19 und U 18 (Elsneg, Gucher, Schimplsberger...) kommt ja erst im September international zum Einsatz.

Ganz wunderbar die Nominierung des sensationellen jungen Herrn Fröschl, den Rapid aus dem Talenteschuppen St. Florian geholt und nach Donawitz verliehen hat, wo er mit dem Austro-Serben Srdjan Pavlov das interessanteste Sturm-Duo der zweiten Liga bildet.

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