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Wien | 18.8.2008 | 01:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Warum hier der Sport tobt.
  Die These: Sport kennt keinen Mainstream, er ist auch nicht "alternativ", sondern eine grandiose Demonstrations-Fläche.
 
 
 
Das Fußball-Journal 08. Eintrag 18.
  das ist es nämlich auch!
 
 
 
... und warum das viele nervös macht.
 
Nachts und nachmittags tobt Olympia, bald richtet sich der Focus dann auch wieder auf die seit der omnipräsenten Euro ein wenig in den Hintergrund gerückte Fußball-Nationalmannschaft.

Dass sich aber FM4, oder ganz konkret -> ich, damit durchaus ausführlich auseinandersetzen, macht einen Teil der Hörer/Leserschaft auf interessante Art und Weise nervös.

Das wäre nicht recht, heißt es, und auf Nachfrage nach dem 'Warum' tauchen dann erstaunliche Fehleinschätzungen auf, die einen Blick auf das weite Feld der Verdrängung freimachen, die durch die vielen selbstverordneten Denkverbote des Purismus entstehen.

Deshalb hier und jetzt ein paar Anmerkungen zu Irrtümern wie "Sport ist per se Mainstream", "Es gibt auch im Sport einen kommerziellen und einen alternativen Kanal" oder "Sport kann nicht mit denselben Maßstäben wie andere Lebensbereiche gemessen werden".

 
 
Am einfachsten ist der Irrtum aufzuklären,
  dass ein alternativer Kanal, also ein Medium, das sich bewusst nicht dem Mainstream ergibt, bestimmte Themen nicht behandeln dürfe. Im Gegenteil: Jede Äußerung über alles, was innerhalb unseres Gesellschafts-Systems Relevanz hat, ist nicht nur eine hübsche Fußnote, sondern zutiefst vonnöten. Eine freiwillige Selbstbeschränkung auf die einstigen Kernzonen der jugendkulturellen Subversion (Musik, Kino, letztlich jede Art von Kunst, zuletzt neue Medien/Technologien, die virtuelle Welt) würde Aufgabe bedeuten.

Natürlich spielt sich die Mehrzahl der zu behandelnden Diskurse in diesen Core-Zonen ab, und natürlich haben all diese Äußerungen ihre gesellschaftspolitischen Anknüpfungspunkte - am interessantesten ist es aber (die letztlich überall auftretenden) Phänomene in Bereichen zu beachten und aufzuarbeiten, die weit entfernt erscheinen. Dort sind die prallsten Effekte zu erzielen, dort geht eine relevante Anmerkung nicht im Dickicht der endlosen Referenzen, der dutzendfach gelegten Bezugssysteme und in der Echokammer des "Seen it all" verloren.

Deshalb ist es durchaus wichtig Bereiche, die scheinbar abseits liegen, ins Zentrum zu rücken, um anhand ihres Beispiels Sichtbarmachung zu erreichen, wo im Kernbereich nur zusätzliche Verwirrung entstehen würde.

 
 
Der Sport nun
  hat im Zeitalter der umfassenden Globalisierung nicht nur aufgrund seiner medialen Dauer-Aufbereitung eine zentrale Rolle im Popkultur-System, er stellt auch eine der ganz wenigen gesellschaftlichen Ausbruchs-Linien dar.

Blieb Mittel- und Unterschicht anno dazumals nichts anderes übrig, als Pirat zu werden, um einen anderen Lebensstil als den vorhersehbaren, in einem rigiden System gefangenen zu erreichen, so kam im 20. Jahrhundert neben seiner zeitgemäßen Entsprechung, dem Gangster, auch noch der (dem Mäzenatentum entwachsene) Künstler als Popstar und der Sportler hinzu. Und weil die Undurchdringbarkeit des Systems mittlerweile auch die ausbruchswilligen Kinder der Oberschicht (Stichwort: Rogan) anzieht, sind diese drei groben Karriere-Linien an der Norm vorbei auch weiterhin die Prachtstraßen der Popkultur.

Aus dieser Parallelität entstanden aber auch eine Menge Irrtümer - die von Art/Pop sozialisierten Menschen stülpen die im Bereich von Künstler-Biografien und Kunst-Genres üblichen Systeme auch auf ihr Verständnis von Sport drüber.
Das ist lieb, aber falsch und führt zu fatalen Mythen.

 
 
Der Sport hat nämlich
  der Kunst gegenüber einen gewaltigen Vorteil (oder auch Nachteil, kommt auf die Sichtweise an): er hat sich auf ein von allen Teilnehmern anerkanntes Regelwerk eingelassen.

Geht es in jeglicher Kunst in erster Linie darum die Grenzen zu erweitern, die Regeln zu sprengen, die bis dato anerkannte akademische Weisheit zu erweitern, muss es also jedes Künstlers Ziel sein das Regelwerk ständig zu erweitern, ordnet sich der Sport seinen (selbstgesteckten) Grenzen unter. Wer etwas Neues erfindet wie Dick Fosbury den Flop, der schenkt es letztlich allen - ohne dass es da (wie in der Kunst) zu Plagiatsvorwürfen kommen würde.

Das hat etwas so Basisdemokratisches an sich, dass es fast schon wehtut - aber genau dieses sich freiwillige Unterwerfen unter ein paar (im guten Fall) simple Spielregeln macht das "Spiel" ja aus. Ein Spiel, das sowas wie eine idealtypische Form des Lebens darstellt, also eine utopische Vision, ein anzustrebendes Ideal darstellt.

Weil etwa Fußball mit seinen unglaublich wenigen und einfachen Regeln weltumspannend so gut funktioniert, ist es die beste Maßeinheit für die Möglichkeiten sozialer Interaktion. Bis hinunter ins Banale: wer z.B. so Fußball spielt, wie es Dominic Heinzl oder Wolfgang Schüssel tun, der ist auch im richtigen Leben kein Teamplayer.

 
 
Der Sport hat also
  durchaus großen symbolischen Wert, legt Gefühle und Emotionen (das gilt im übrigen für die passive Konsumation genauso wie für die aktive Teilnahme!) in uns nicht deshalb frei, weil er uns via der übertragenden Medien manipuliert, sondern weil unsere Spiellust unser Innerstes nach außen trägt. Die einzige Manipulation ist unser Menschsein.

Nun denken viele derer, die ihre Heimat in der Pokultur haben und sich dem Sport als Nebenbei-Interessent annähern - aus den oben beschriebenen historischen Gründen -, dass es auch hier unterschiedliche Zugänge geben würde und denken da in ihren Kommerz/Alternative-Kategorien.
So immer noch richtig das im Kulturbereich (ich denke da z.B. an die mittlerweile strikte Trennung zwischen Kommerz- und Arthouse-Film) sein mag: Im Sport ist das keine Kategorie.

Natürlich ist der FC St. Pauli (aus Hunderten richtigen Gründen) lässiger als der FC Bayern München - auf den sportlichen Erfolg hat das aber keine Auswirkung. Natürlich gibt es Sport in vielen "bunten Ligen" - wenn aber ein Akteur ein Angebot aus dem Profi-Bereich bekommt, nimmt man es an.

Das den Popkultur-Menschen Verstörende am Sport ist die komplette Gleichzeitigkeit und Vermessbarkeit von allem. Dass die Diversität sich im Sport in Dingen wie Gewichtsklassen oder einer enormen Disziplinenvielfalt auslebt, das wird gerne übersehen.

 
 
Dazu kommt auch ein wenig Neid.
  Denn im Sport ist es (ein wenig oberflächlich von außen reingesehen) so wie im Zustand der Unschuld, in der sich Popmusik, Film und die meisten Spielarten der Pop-Art in den 60ern befanden: Die von allem anerkannt Besten sind die, die am weitesten vorn sind, und auch die erfolgreichsten. Der einzige miterlebte und allzu kurze Moment, in dem die Avantgarde der Mainstream war, der ist im seltsamen Bereich Sport ein Dauerzustand.

Das macht viele Menschen wirklich fertig.
Das führt auch dazu, dass sich viele einfach selber davon abhalten Sport toll finden zu dürfen, zum einen, weil man gewohnt ist, dass das Aufregende und Neue sich in den Nischen, im Untergrund, an der Basis finden lässt - zum anderen auch weil man da lieber eine Fiktion eines mittels derselben Parameter teilbaren Sports aufrechterhalten will. Immer wieder greift man da dankbar auf neue Sportarten, den sogenannten Trendsport zurück, der eine direktere Anbindung an Jugendkulturen hat. Das macht aber keinen Unterschied: Sobald diese Sportarten sich ein klares Regulativ gegeben haben, sind sie über die der Kultur entnommenen Begrifflichkeiten erhaben.

Weil es im Sport eben keine abgetrennten Bereiche für Mainstream und Avantgarde gibt, ist die Verwendung dieser Kulturbegriffe obsolet (und auch falsch).

 
 
Wer den Sport auf ein Podest stellt,
  indem er ihm nicht zubilligt nach den letztlich selben gesellschaftlichen Regeln abzulaufen, der kann sich auch sehr archaische, fast naive Vorstellungen davon bewahren, wie sein Innenleben funktioniert. Dass es etwa eine eigene Welt mit einer eigenen Kommunikation wäre - das klassische Winnetou-Bild des edlen Wilden, den man "nie ganz verstehen" würde.

Wer nicht akzeptieren kann, dass die von uns mit Wichtigkeits-Zuschreibungen ohne Ende geadelten populären Supersport-Arten nach mittlerweile ganz klassischen kapitalistischen Mustern organisiert und geführt werden, sondern sich eine Märchenwelt zusammenträumt, der wird auch Schwierigkeiten im realen Leben haben.

Fußball etwa, egal ob in Vereinen oder Verbänden, ist ein multinationales Multi-Millionen-Business, das mittlerweile auch entsprechend geführt werden muss, um zu bestehen. Die in den letzten Jahren geführten Abwehrkämpfe der lokalen Gutsherren-Seilschaften konnten das (den Einzug eines zeitgemäßen Managements und einer hochentwickelten Sportwissenschaft) noch nicht anerkennen.

 
 
Diese und andere Kulturkämpfe,
  die sich im Popkultur-Bereich längst totgelaufen haben, lassen sich auf einer Demonstrations-Fläche wie dem Sport bestens analysieren.

Das geben im übrigen auch die "Sport ist Mainstream und bei FM4 sollte man seine Zeit damit nicht verschwenden"-Verfechter indirekt zu. Anlässlich einer Olympia-Geschichte etwa, bei der ich wie immer den realen Sport, die gesellschaftspolitischen Zusammnhänge und persönliche Beobachtungen der Rezeption mische, jubelt einer "Endlich schreibt der Blumenau wieder das, was er am besten kann. Politik, Gesellschaft, Zeitgeschehen."
Ein absurdes Versehen: Weil jemand in einem Umfeld wie Beijing 08 schon gar nicht mehr erkennen kann, dass der Sport der Ausgangspunkt ist, freut er sich über eine Sport-Geschichte. Denn dort, bei Olympia in China, ist das Übergreifende ja selbst dem Dümmsten klar.

Aber selbst bei den intensivsten und detailsreichsten Fußball-Journalen geht's mir ja nie um reines Ranking oder gar Aussichten/Previews (dafür sind die Mainstream-Medien zuständig), sondern um das, was dort und auch sonstwo (und auch in den allermeisten anderen Bereichen) so sehr abgeht: um eine Analyse und eine Einordnung, die österreichische Realität wesentlich genauer widerspiegelt, als es in selbstgefälligen tagespolitischen oder kulturkritischen Kommentaren möglich wäre.

 
 
Es geht immer um die Sicht auf die Dinge,
  um eine Sichtweise, die kritisch und hinterfragend ist. Und die Vermittlung der dafür notwendigen Tools.

Dabei ist es, glaubt mir, sehr egal, ob das zu betrachtende Beispiel jetzt britischer Indie-Rock, der heimische Arthouse-Film, japanische Games-Erfinder, amerikanische Autoren oder brasilianische Fußballer sind. Alle sind Künstler, alle unterliegen ökonomischem Druck, alle sind weltweit vernetzt, alle beziehen sich aufs Hier und Jetzt, alle sind von der Rezeption abhängig. Und für alle ist Platz - und zwar dann, wenn die Erörterung spannend ist und auch etwas über das Genre hinaus auszusagen imstande ist.

Nebenbei auch noch ein paar Denk-Blockaden zu lösen und eine längst überkommene Fixierung auf einen sehr altmodischen Popkultur-Begriff zumindest in Frage zu stellen, schadet auch nicht.

Wer das große Feld des Sports nämlich ebenso aufgegeben hat wie den verfemten Politik-Bereich - einfach bloß weil ihn die Berichterstattung der Mainstream-Medien so runterzieht und langweilt (niemand, der jemals praktisch an einem politischen Prozess beteiligt war, wird das als langweilig empfinden) ist nichts anderes als ein Opfer (auch seiner eigenen Oberflächlichkeit).

Der reine Rückzug in die einstmals wirklich weltbewegenden Bereiche der Popkultur ist vielfach mehr eine Flucht aus der nur noch mit flexiblem Denken zu fassenden Realität als eine bewusste Wahl.
Insofern ist dann just hier, im Schutzgebiet der Spezialisten, ein Angebot der Rückführung in die Niederungen der wirklichen Welt, durchaus angebracht. Auch wenn, oder: gerade weil es mittels eines anderen dafür nicht im vorgeformten Denken vorgesehenen Bereichs stattfindet.

 
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