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Wien | 1.10.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Vom abstrakten Nazi, der Vergesslichkeit und dem spielerischen Ausprobieren
  Ein möglicher Ansatz zum aktuell bejammerten jugendlichen Wahlverhalten.
 
 
 
Der zentrale Punkt ist die Vergesslichkeit
  Und zwar die kollektive, die von ganzen Generationen (darauf komm' ich noch), ebenso wie die kurzzeitige (zu der sofort).

Zuerst: ich kann die Erregung über das Wahlergebnis nicht so ganz nachvollziehen.

Im Wesentlichen ist es nämlich die Wiederholung des Resultats von 1999, als sich ganz Österreich gefrustet von einer zutiefst stagnierenden Koalition in Weltschmerz flüchtete und seinen Hooligan-Gelüsten per Stimmabgabe Ausdruck verlieh. Da ist per se nichts Böses dabei: ein jeder im kakophonischen Publikum soll schreien und toben, soviel er will. Außerdem lässt sich alles, davon ist das Publikum überzeugt, nach vier Jahren (mittlerweile wären es theoretisch fünf) wieder zurücknehmen (und außerdem, das ist im bewusstloseren Teil des Publikums fest verankert, ist es eh wurscht, wer da oben, weil die ja eh, was sie wollen - so falsch und doof das auch ist).

1999 kam es also zu einer bestraften SPÖ (33%), die trotzdem klar Erster war, einer geknickten ÖVP (27%) und zu einem supergestärkten dritten Lager um die Haider-Partei (27%), bei marginalen 7,5% Grünen.

Und bereits vier Jahre davor, als die Große Koalition bereits massiv lahmte, hatte die Haider-Partei schon 21,9% (SP 38,1% und VP 28,3%).

 
 
Mit Verlaub: das ist dem jetzigen Resultat
  nicht unähnlich: eine gefaltete, aber klar erste SP (fast 30%), eine geknickte VP (25,6%) ein supergestärktes 3. Lager von FPÖ und Haider-Partei (zusammen fast 29%) und marginale Grüne (fast 10%).

Man merkt: mehr als maximal 3% Unterschied zu '99 ist da nicht auszumachen. Es handelt sich im Wesentlichen ums selbe Resultat.

Die Kurzzeit-Vergesslichkeit hat das ausgeblendet, weil die Wahlen '02 und '06, als Österreichs Wahlvolk auf die zwei Rechts-Koalitionen reagierte, diese Realität überlagert hat.

In dieser Phase konnte die SP gewinnen, sie pendelte sich bei 36% ein. Die große Regierungspartei ÖVP cashte '02 mit 42,3% groß ab, sank dann '06 wieder auf 34,3% hinunter, während die kleine, die Haider-Partei, zuerst auf 10% zusammensackte, um sich dann (erstmals getrennt antretend) auf 15% zu erholen. Die Grünen wuchsen auf 11%.

Hat alles eine innere Logik, die - auf Images und Taten basierend - die jeweilige Arbeit widerspiegelte. Genauso wie jetzt, wo die Resultate eben wieder die kreierte Stimmung wiedergeben - in mit 1999 identischen (+/-3%) Resultaten.

 
 
Die aktuellen Reaktionen kommen so daher,
  als wäre 1995/99 bei einem Y2K-Bug verlorengegangen, als würde man jetzt vor einer richtigen "Wow - sowas hatten wir noch nie!"-Situation steht.

In der erschreckend diskurslosen Nachbetrachtung der Wahl (da gibt man sich mit Koaltionsspekulationen zufrieden) findet nämlich maximal eine Mikro-Debatte statt; und auch die nur in einem schmalen Spektrum.

Die dort untersuchte Frage lautet: Wie ist es möglich, dass sich Protest, also die Protestwahl, und da vor allem die der Jungen, so gut wie ausschließlich zugunsten der populistischen far-right-Parteien auswirkt? Und, warum nehmen diese Wähler, die bei diesen Parteien strukturell impliziten Ausfransungen in Richtung Neonazitum, Rechtsextremismus, Xenophobie, Rassismus, Wehrsportspielereien, etc., billigend in Kauf?

Denn: bei den Unter-30-Jährigen ist das dritte Lager der große Abräumer, während die Grünen dort leicht verlieren und die SP praktisch gar nicht mehr existent ist. Gerade die "Jungen", auf die man seit '68 doch als rebellisches Potenzial, als Herzauffrischer, als Antreiber und Aufrüttler gesetzt hat.

Da es darauf keine befriedigende Antwort gibt, versickert auch dieser Diskurs in verständnislosem Kopfgeschüttel, womöglich noch mit Genörgel über eine gefühlslose, anbiedernde, hoffnungslos egoistische Jugend.

 
 
Interessanterweise ist der (oder: ein) Schlüssel ...
  ... zu dieser Frage genau die von mir zu Beginn angesprochene Vergesslichkeit. Und die manifestiert sich aktuell im verblüffend flächendeckendem Wegschieben der Ergebnisse der '95er und '99er-Wahl.

Lieber jammert man auf der Vergleichsbasis '02 und '06 über den Untergang des Abendlandes, die angepasste und charakterlose Jugend der traurigen Streber, die spätestens seit dem Zeit-Cover den schwarzen Peter haben und taxfrei beflegelt werden dürfen.

Dabei ist man gar nicht so weit auseinander.

Die Definitionsmächtigen des öffentlichen Diskurses, die Generation 68ff, die zentralen Einforderer eines dauerrebellierenden Nachwuchses, sind so vergesslich, dass sie '95/'99 absorbiert haben und jetzt, anno '08, Zeter und Mordio schreien, als wäre ein wirklich neues Phänomen ausgebrochen. Das ist peinlich.

Den Jungen hingegen, der umfragetechnisch ausgewiesene U30 (denn die erstmals wahlberechtigte U18 ist mit ihren 2,5% derart unwichtig, dass sie komplett in den Bereich der statistischen Unschärfe rutscht), ist ihre Vergesslichkeit nicht ernsthaft zum Vorwurf zu machen: sie können mit den Rucksäcken, die die älteren Generationen ihnen aufgehalst haben - ohne sie jemals wirklich zu erklären (denn politische Bildung hat hierzulande seit der Verdrängungs-Politik der Nachkriegsjahre keine Tradition) - logischerweise nichts mehr anfangen.

Hier erntet die katastrophale Aufarbeitungs-Politik der 2. Republik - völlig zurecht - was sie gesät hat.

 
 
Der Vorwurf "Nazi" ist für die U30 derart abstrakt, ...
  ... dass er genau gar nichts bewirkt. Und die meisten derer, denen man das (strukturell womöglich sogar zurecht) vorwirft, sind davon und den bei den Älteren mitschwingenden Assoziationen zurecht komplett unbeleckt.

Ich möchte ein Beispiel aus einem anderen Bereich bringen, aus einem, in dem Volltrottel eine gewichtige Rolle spielen, so dass jeder sich mit Leichtigkeit drüber erheben und so die Strukturen dahinter klarer erkennen kann.

Einzelne Hooligans der Austria Wien sind zuletzt nicht nur aufgefallen, weil sie einen gegnerischen Tormann taubgesprengt hatten, sondern auch jüngst, als gegen eine polnische Mannschaft Neonazi-Choräle skandiert wurden (eine Tatsache, die von den Sportredaktionen dieses Landes wieder einmal totgeschwiegen wurde - die pure Bankrotterklärung dieser Spezies).

In einem Interview zum Thema wird der zuständige Fanbetreuer, ein Sozialarbeiter, auf die Diskrepanz angesprochen, dass in einem Verein mit historisch jüdischen Wurzeln, Fans rechtsradikale Parolen blöken. Er sagt dazu folgendes: "Die Tradition spielt in der heutigen Szene keine so große Rolle mehr. Viele Junge fühlen sich vom Wort jüdisch angegriffen, weil es noch immer einen negativen Touch hat. Das wird gerade in Wien nach wie vor als Beschimpfung verwendet. Ich kenne genug junge Leute, die auch mit dem Namen Prohaska nichts anfangen können."

 
 
Das ist letztlich etwas, was für alle Bereiche ...
  ... weit über die dümmsten Ultras hinaus gilt.

Das, was die Altvorderen unter Tradition verstehen, wird ja nicht vorgelebt, nicht beim Fußball und schon gar nicht bei den politischen Parteien - es wird maximal plakativ vor sich hergetragen wie eine kritiklos anzubetende Monstranz.

Und natürlich kann und will eine jüngere Generation dazu keinerlei Beziehung herstellen - wie und wozu auch?

Für alle, die nach dem Fall der Mauer sozialisiert wurden, für alle, die mit dem Kapitalismus als Unausweichlichkeit und den neuen Medien als Wegweisern aufgewachsen sind, alle, die in eine Wirklichkeit hineingeboren wurden, die ihnen von alten Angebern mit jeder Menge folkloristischer Rebellions-Geschichten zugestellt wird, ist die Zeit davor unzugänglicher als der Mond.

Wo schon die Generation der '68er und ihrer Nachfahren nur noch eine Idee dessen hatte, was die zentralen Konflikte des 20. Jahrhunderts ausgemacht haben, ist das den Post-'89ern (nicht per Geburtsjahr, sondern per Bewusstseinswerdung, es handelt sich also um die Geburtsjahrgänge ab etwa 1980) nicht mehr vermittelbar.
Und: es ist ihnen auch ein bisserl wurscht.

Und zwar auch zurecht.

 
 
Niemand aus dieser U30-Gruppe ...
  ... kann sich oder irgendeinen seiner Mitmenschen für Geschehnisse aus einer gefühlten Steinzeit ernsthaft verantwortlich machen.

Wenn FP-Chef Strache als Wehrsport-Bube entlarvt wird, dann hat das ausschließlich für die Älteren Relevanz, die wissen, dass derlei Umtriebe erfahrungsgemäß in ein Umfeld führen können, in dem tatsächlich neonazistische Hardcore-Ideologie gepflegt wird.

Für alle anderen, für die jüngeren, sind das bloß abstrakte Bilder, womöglich sogar nur spielerische Entwürfe der radikalen Ausprobierei. Da ist - aus dieser Warte gesehen - nichts dabei.

Das hat nichts mit einer Verrohung der Jugend zu tun, oder einer Entideologisierung - es geht schlicht um einen anderen Ansatz. Einen, der gefälligst zu respektieren ist.
Und selbst die These, dass dieser neue Blickwinkel von Rattenfängern ausgenutzt wird, verfängt nur zur Hälfte.

Sicher wissen die Chef-Ideologen hinter den Rechts-Populisten recht genau, was sie tun. Aber der Großteil derer, die in diesen Bewegungen halbwegs ernsthaft arbeiten, haben mit Nazi-Umtrieben nichts am Hut. Und sie können die Vorwürfe deshalb leicht umkehren - als Attacke verbiesterter Oldies - was ihnen wiederum die automatische Solidarisierung der Jungen einbringt.

Und selbst die Hintermänner wissen, dass sie, wenn sie sich auf derlei Ideologie versteifen würden, automatisch auf die knappen 10% an Unbelehrbaren zurückfallen würden; mit der Option, dass diese Zahl - durch das systematische Wegsterben der Alt-Nazis - immer geringer würde. Unbelehrbare, die wirklich für rechtsextremistisches Gedankengut anfällig sind. Das sind eh ganz schön viele, auf die und deren Taten man ordentlich achtgeben muss.

 
 
Die anderen zwei Drittel der Wählerschaft des dritten Lagers ...
  ... allerdings haben mit diesem sumpfigen Part nichts zu tun. Da tut Differenzierung Not.

Wer mich nur ein bisserl kennt, der weiß, dass ich für diesen angewandten Populismus genau gar kein Verständnis habe - ich will hier auch niemanden einer Schuld freisprechen.

Selbstverständlich ist jeder, der bis in die 80er sozialisiert wurde, also über alles Bescheid wissen könnte und müsste, und sich trotzdem den rechten Populisten verschreibt, daran festzumachen und kann sich einer entsprechenden Verantwortung nicht entziehen.

Alle Nach- und Spätgeborenen haben aber das Recht, dass ihnen das wurscht sein darf - so leid mir das tut und so bitter das klingt. Sie besitzen eine virtuelle Blanko-Vollmacht, ausgestellt von den unfähigen Altvorderen. Und sie begegnen allen, die sie mit überwuzelter Moral vollquatschen wollen, mit Verachtung; wie das in einem Generation-Gap einfach Usus ist.

Ich denke nicht, dass eine nennenswerte Gruppe innerhalb dieser U30, in der die FPÖ eine relative Mehrheit hat, ernsthaft xenophob, neonazistisch oder sonstwie demokratiegefährendend ist.

Es handelt sich dabei um Menschen, die sich in bekanntem Terrain bewegen, halt einen Popstar gewählt haben, der sie dort abholt, wo sie sich bewegen, einen guten Kommunikator, der ihnen deutlich näher ist als die völlig entrückten Großparteien, die nur in einzelnen Fällen kommunikationsfähig sind, oder die in diesem Bereich (dem der Kommunikation) erschreckend schwachbrüstigen Grünen (die quasi automatisch auf ihre 15%+ bei den U30 kommen, weil sie inhaltlich präzis sind).

 
 
Diese Menschen, die U30 ...
  ... - egal ob schlaue Mittelschülerin oder Austria-Hool, egal ob nachdenklicher Bergbauernbub oder Schnösel-Szene-Tussi, egal ob fightender Jungunternehmer oder wurschtige Friseuse - sind Produkte ihrer Zeit und Umgebung.

Sie sehen aufgrund der Erfahrungen, die sie machen (dass man sie nämlich eh nicht wirklich für voll nimmt, dass man ihnen viele Chancen zustellt und dass man von ihnen ununterbrochen nicht mehr nachvollziehbare Moralvorstellungen einfordert) und aufgrund ihrer überlegenen Mediennutzung, wegen ihres selbstverständlichen Konsumismus und der gesellschaftlichen Daueraufforderung zu Spontaneität und Flexibilität, kein Problem dabei, in dieser Form protestzuwählen. Vor ihnen aus auch für die Parteien, wo es den rechtschaffenen Erwachsenen, die sie kennen, die Grausbirnen aufstellt. Weil es ja nichts Unveränderliches ist, weil man das nächste Mal ja anders agieren kann. Und weil das Provozieren des langweiligen Besserwisser-Oldies, der ihnen dauernd ihre (gähn) Amoral vorhält, ja auch was für sich hat.

Wir haben es also mit einem gänzlich anderen Ansatz zu tun, einem, der die Ideologien ein wenig wegdrückt, einem, dem die Chefanalytiker vieler Parteien komplett hilflos gegenüberstehen, weil sie immer noch ihren eigenen, alten und bald verbrauchten Ansatz drüberstülpen und dann über dessen Wirkungslosigkeit staunen.

Und genau dieses ein wenig gekünstelte Staunen stößt mir unangenehm auf: nicht, weil es so tut, als würde es hier und heute eine ein- oder erstmalige Sensation geben, sondern, weil es bedeutet, unfähig zu sein, sich tatsächlich auf das 21. Jahrhundert und seine Denkungsart einzulassen.

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