Das aktuell bejammerte jugendliche Wahlverhalten, part 2.
Ansätze, Optionen, Strategien.
Es war Mittwoch vor fast zwei Wochen, an diesem denkwürdigen, durchwegs live übertragenen 19-stündigen Parlaments-Tag mit den zahlreichen Initiativ-Anträgen.
Ich hab das den ganzen Tag laufen lassen und kam da einmal mitten hinein in die Rede eines jüngeren, mir unbekannten Angeordneten, der aufgrund seiner äußerlichen Insignien nicht zuordenbar war: keine Seppljacke, kein lässiger Slang, kein Buberlpartie-Hemd...
Der junge Herr sprach über einen Antrag zu einem Österreich-Ticket der ÖBB, das offenbar für Schüler gedacht war. Und er führte aus - ohne weitere ideologische Schlenker, kleine Gehässigkeiten oder sonst welche parteipolitisch üblichen Unsinnigkeiten in seine Rede einfließen zu lassen - dass ihm da schon auch die Berücksichtigung einer anderen Gruppe, die der Lehrlinge nämlich, fehlen würde.
Und just als ich - in Abwesenheit eines Inserts, das mir Auskunft gegeben hätte - einen Verdacht hatte, sprach er dann auch die Studenten an, die seiner Meinung nach genauso in eine kluge Regelung hineingeprackt werden sollten. All das ohne eine dieser Gruppen auch nur mit dem Ansatz einer Bemerkung gegen eine andere auszuspielen und somit billige Polit-Punkte zu machen.
Als das Insert schließlich kam, bin ich fast vom Sessel gefallen: es war ein Abgeordneter einer der rechtspopulistischen Parteien.
Was ich da mit illustrieren will:
in den Bereichen, die hinter dem stehen, womit FPÖ oder BZÖ im öffentlichen Bewusstsein punkten (Xenophobie, Liebäugeln mit Rechtsextremismus, EU-Feindseligkeit, Beförderung und Verfestigen von Vorurteilen und Sündenbock-Denken) wird scheinbar konstruktiv gearbeitet und gedacht.
Und dort, in der realpolitischen Praxis, ist wohl auch die Überwindung alter ideologischer Gräben (z.B. immer gegen die Studenten sein) kein Thema, sondern Praxis. Schließlich speist sich das Klientel dieser Gruppierungen längst nicht mehr monochrom aus der früher einmal dafür ausgemachten Zielgruppe der ungelernten männlichen Arbeiter.
Weil nun aber auch innerhalb dieser Parteien - partiell - so gedacht und gearbeitet wird, ist es kein größeres Problem, das auch glaubwürdig nach außen zu vertreten.
Und genau da beginnt das Problem der etablierten Parteien: dort ist man so lange herumgelaufen um zu erklären, was man NICHT will und nicht vertritt (nämlich alles, was in der Klammer im letzten Absatz angeführt ist), dass man sich auch bemüßigt fühlte, diesen Grundsatz in jedem Bereich überzubetonen. Dieselbe Rede eines SP/VP/Grün-Jung-Abgeordneten hätte vor Anspielungen und Prinzip-Betonungen nur so gestrotzt.
Und das kommt nicht nur nicht gut, weil man damit den Fehler macht, die Themenführerschaft aus der Hand zu geben, das ist auch kontraproduktiv, weil im Fall einer Sachfrage der prinzipielle ideologische Wust dahinter nur für Insider von Interesse ist.
Es soll sich also niemand wundern,
warum die im ersten Teil dieser Geschichte angesprochene U30 sich zu einem übergroßen Teil gut vertreten fühlt von den Rechtspopulisten. Weil die es im entscheidenden Moment recht gut verstehen, ideologisch loszulassen.
Ideologie ist für die FPÖ, die Haider-Partei immer nur dann im Spiel, wenn damit emotionelles Kleingeld zu wechseln ist. Sobald es um konkretes Service geht, verpufft dieser Popanz im Nirwana. Und das entspricht den Lebensumständen der U30 in wesentlich höherem Maß, als jegliche andauernde Ideologie-Überprüfung der eigenen Person. Und weil das Vor-Sich-Hertragen der Resultate dieser Dauerüberprüfung so streberhaft daherkommt, ist es immer noch einträglich, sich über Gutmenschentum auszulassen und damit zu punkten.
Natürlich gilt es darüber nicht zu vergessen, dass sich im angesprochenen Core-Bereich der Populisten wirklich ganz harte Rechtsrechte und Extremisten tummeln, die sich durchaus zurecht im Weißbuch des DOEW finden - und dass etliche davon auch Parlament Platz nehmen werden. Das ist grauenvoll, und ich weiß wovon ich spreche: auch ich hatte einen Gudenus-Spross an meiner Schule.
Das ist allerdings für die Wahl-Motive der U30
aus den bereits genannten Gründen (hier und auch in Teil eins) unerheblich.
Das muss auch das aktuelle Profil, das mit einem "Jugend am rechten Rand"-Schocker covert und einen Leitartikel, der das altbackene "rechts ist rechts und muss rechts bleiben" postuliert, also in der alten Denke pickenbleibt, letztendlich zugeben - und zwar in der Titelstory selber.
Die legt nämlich ganz klar dar, dass Reizthemen wie "Ausländer" für die Jungen bereits völlig entideologisiert ist. Man spricht fast ausschließlich Struktur-Probleme an, die Strache (im ganz jungen Segment kommt Haider nicht vor) natürlich verdreht (im U20-Segment ist virale Propaganda besonders effektiv) und für sich ummünzt, aber eben behandelt, während alle anderen in einer reinen Abwehr- und Belehr-Haltung erstarrt sind und sich so automatisch unwählbar machen.
Mit rechter Gesinnung oder Nazitum haben diese aus Strukturproblemen des Schul- und Ausbildungssystems erwachsenen Probleme erst dann zu tun, wenn man ihre Behandlung den Rechten quasi exklusiv überlässt. Was von den Vertretern der alte Denke ja indirekt unterstützt wird.
Erfolgreich sind die Aushängeschilder
Strache und Haider hauptsächlich in der nicht wirklich ideologischen Kategorie der vagen Gefühligkeit. Weil sie lässig sind und wissen, wie man sich auch außerhalb des Wahlkampfs in jugendlicheren Lebenswelten bewegt, anstatt verkrampft medienwirksame Kontakte zu suchen.
Strache wird gewählt, weil er vor der Nachtschicht flyert und (ganz wie sein alterndes Vorbild) im persönlichen Kontakt das sagt, was sein Gegenüber hören will.
Strache hat eine Freundin, eine Blondine noch dazu, nicht eine fade Frau, die verräumt wird wie die des VP-Kandidaten. Haider hat immer einen Schwall von feschen Burschen im Schlepptau.
Das ist billig, ja. Aber man versteht es anzudocken, mitten in einer Zielgruppe.
Und genau da haben die Großparteien ihr massivstes Glaubwürdigkeits-Problem. Würde es in Österreich nicht vererbtes Wahlverhalten und enge familiäre Bindungen an Parteien (Industrieregionen und die Bäuche der Städte: SP; bäuerliche Welten, Kleinstädte und Großbürgertum: VP) geben, wären sie in der U30 bereits ausgelöscht.
Dass die SP dort die relativ schlechtesten Resultate hat, mag mit ihrer beginnenden Umstrukturierung von einer traditionellen ideologischen Bewegung zu einer populistischen Mitte-Links-Gruppierung zu tun haben.
Die einzigen, denen ganz simpel
aufgrund der Jugendbewegungen der letzten Jahrzehnte eine ganze Latte an inhaltlich Gleichgesinnten zugeflossen sind, vermag damit nichts anzufangen. Die Grünen machen aus dem Potenzial der jungen Protestkulturen, der wachsenden Biobauer-Begeisterung, der urbanen cultural industries genau gar nichts.
Und zwar weil ihnen das Haider/Strache-Gen der rattenscharfen Analyse und sofortigem Eingriff fehlt. Und weil sie strukturell zuwenig in dem drin sind, was sie vertreten.
Strache geht ja wirklich gern in die Passage (auch ein Treppenwitz, weil dieses Lokal samt Umfeld ja von ein paar Berufs-Söhnen durch elterliche VP-Hilfe zustandegekommen war - aber die von den Entwicklungen gern überforderten Wiener Bürgerlichen waren da schon des öfteren Steigbügelhalter).
Frau Glawischnig hingegen hat keine Ahnung, was Facebook sein soll, obwohl sich genau dort ihr Klientel herumtreibt.
Der eine machts also deshalb gut, weil ers auch gern macht - die andere scheitert schon an der Unwissenheit um den Ansatz.
Genau dort sind auch die Anknüpfungs-Punkte für eine Gegenstrategie: das leben, was man vertritt. Das ist - in einer Welt mit virtuell unendlichen Möglichkeiten und einer schnelllebigen Kultur der Möglichkeit des Ausprobierens - gar nicht so hart wie es klingt.
Und für die Grünen,
deren ansehnliches Potential bei der U30 nicht einmal noch ansatzweise ausgeschöpft ist, bedeutet das: zurück zum Aktionismus, der diese Gruppierung groß gemacht hat.
Rein in Spaß am Gegensteuern und Probieren.
Das parteiintern eh nur mühsam durchgesetzte Aufziehen der seriösen Masken, anhand derer man demonstrieren will, wie regierungsfähig man nicht schon wäre - what the fuck?
Was fesselt die U30 an den Grünen? Ihr unkonventioneller Denkansatz, ihr handfestes Auftreten. Was finden selbst alte Scheißer (Stichwort "wunderschöne Marxistin") an ihnen geil? Das Verbotene, das Aufrüherische.
Natürlich war Alexander van der Bellen ein guter Typ, ein seriöser Argumentierer und toller Mediator. Für IHN war dieses Image richtig, weils der Realität entsprochen hat - siehe auch "gut machen, weil gern machen".
Das aber der gesamten Partei als Image überzustülpen - eine hirnverbrannte Idee, die genau diesem Prinzip völlig widerspricht und die Funktionäre auch gelähmt hat.
Die Grünen haben ja nicht wegen vdB nicht genug zugelegt, im Gegenteil, der hat schon gezogen, auch bei den Jungen, sondern weil (mit an einer Hand abzuzählenden Ausnahmen) der Rest der Truppe mit dem Besenstil im Arsch herumläuft und soviel Aktiv-Ausstrahlung hat wie der Major Nelson der bezaubernden Jeannie.
Allerdings sind die Probleme von ÖVP und SPÖ,
das zeigen ja auch die verheerenden Zahlen im U30-Bereich, vielfach größer.
Die Volkspartei leidet darunter, dass sie die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit zunehmend nur im allertreuesten Core-Bereich derer, die nichts hinterfragen, durchbekommt.
Denn die theoretisch Vertretenen (Bauern, Beamte und Gewerbetreibende) sind die, die der politischen Praxis, der Marktwirtschaft nach Willen der Konzerne, genau gegenüber stehen, mit ihr rein gar nichts zu tun haben.
Deshalb kommen die jungen VP-Stimmen auch nur noch aus Bastionen, in denen ÖVP-Whlen zur Folklore gehört (auch keine Zukunfts-Option) und der Eliten-Minderheit, die vom Markt profitiert.
Noch schlimmer sieht es bei der SPÖ aus - da gibt es überhaupt kein (ideologisches) Kernland mehr. Die zunehmend kleiner werdende klassische Arbeiterschaft verläuft sich zu den Populisten, die Aufsteiger haben ihre Ineressen diversifiziert und sind vom aktuellen SP-Neopopulismus abgestoßen, die intellektuellen Minderheiten sind ins Exil gegangen und die jungen Wähler, denen die Ära Kreisky nichts mehr sagt, können mit der aktuellen SPÖ nichts anfangen, weil sie ja keine greifbaren Positionen mehr vertritt.
Während die Grünen also zumindest die Chance haben,
so etwas wie eine greifbare Politik für die U30 zu machen, müssen sich SP/VP erst einmal überhaupt repositionieren, he sie sich jugendorientiere Strategien zulegen können.
Prinzipiell lässt sich nur sagen, dass ein höheres Maß an Flexibilität und auch ein höheres Tempo nötig sein wird, um sich bei Menschen, die durch ihre gänzlich anders geartete Mediennutzung und wegen ihrer Ent-Ideologisierung den alten, quasi analog vermittelten Ideologie-Käse weder verstehen können noch möchten (und auch nicht müssen) bemerkbar zu machen.
Für die Uneinsichtigen, die sich - von biologischem und gefühltem Alter und lächerlichen Spin Doktoren-Trickbetrügern gezeichnet - damit nicht wirklich auseinandersetzen mögen, wird das ein überhartes Stück Arbeit.
Und auch die paar real existierenden Jung-Politiker sind bereits derart von ihrem Establishment versaut, dass sie die Fähigkeit, zu kommunizieren verloren haben.
Die einzige Möglichkeit, die Rechtspopulisten (die das, was sie machen, gerne machen) zu überrunden ist es das, was man macht nicht nur gerne, sondern auch in deutlicherer Ehrlichkeit zu machen; also den Show-Charakter der Strache/Haider-Auftritte als solchen darzustellen.
Es geht also ums pfiffige Aufblatteln,
nicht um die pure und bierernste Gegendarstellung. Die ist natürlich auch wichtig, aber erst auf der zweiten, der verlinkten Ebene - für die, die's interessiert. Für die an solcher Nachhaltigkeit weniger interessierte Masse muss es allerdings gleich auf der Startseite Klick machen.
Und das funktioniert nicht mit verbiesterten Re-Aktionen, sondern mit offensiver Aktion, die selber die Themen setzt.
Es geht natürlich genauso um das Herausstreichen von sachpolitischen Themen und deren klare Vermittlung. Und es geht drum, mit den Medien und Informationsträgern, die in Zukunft den Großteil der menschlichen Kommunikation bestreiten werden, nicht zu fremdeln, sondern sie selbstverständlicher zu nutzen. Wer bloß traditionell analog kommuniziert, braucht sich nicht wundern, von einer bereits rein digitalen U30 als Steinzeit-Trottel verlacht zu werden.
Und es geht um einen realen persönlichen Kontakt. Auf regionaler Ebene funktioniert das ja noch - auf Bundesebene schaffen das aber nur noch Super-Kommunikatoren wie Haider/Strache, die als Landesvater bzw Disco-Bruder unterwegs sind.
Die Grünen etwa haben dem genau gar nichts entgegenzusetzen: in der öffentlichen Wahrnehmung sind die komplett unsichtbar. Das ist für eine Gruppierung, deren Wahlgänger sich immer wundern, dass doch ihr gesamtes Umfeld eigentlich so wie sie (oder maximal noch LIF) wählen würde, kein großes Mirakel.
Das wird sich ändern müssen - genauso wie die Groß-Parteien ihr System (kleine Funktionäre halten die Menschen lokal bei Laune) drastisch ändern müssen, sofern sie den Kontakt mit der U30 (und: bei den nächsten Wahlen ist das dann bereits die U35, demnächst dann die U40) nicht komplett verlieren wollen.