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Wien | 2.10.2008 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Das Fußball-Journal 08. Eintrag 35.
 
 
 
 
Und wieder wird ein kleiner Schatten übersprungen.
 
Es ist seine Sache nicht, die drastische Veränderung. Für sich selber gilt das nicht, schließlich hat sich ÖFB-Teamchef Karel Brückner mit seinem ersten Auslands-Job der ärgstmöglichen Veränderung ausgesetzt - für seine Personal-Politik gilt es sehr wohl.
Wenn Brückner einmal einen Stamm hat, dann lässt er den über Jahre zusammen - eine Strategie, die letztlich auch den Stillstand des tschechischen Nationalteams von 2006 und 2008 nach sich gezogen hatte.

Dieser Tage, konkret bei der heutigen Kader-Bekanntgabe für die Quali-Siele gegen die Färöer und Serbien bleibt ihm, so denkt er, auch gar nichts anderes übrig. Er kommt in ein für ihn völlig fremdes Fußball-Land (auch wenn es ein Nachbar ist - wer interessiert sich schon für die Niederungen der heimischen Bundesliga; schlecht werden kann einem auch stilvoller), in dem es erst einmal gilt, die Fallen und Personal-Schlingen innerhalb des Verbands auszumachen und sich mit dem Trainerstab auseinanderzusetzen.

Da ist im ersten Anlauf kein Platz für das, worum es letztlich geht - um ausführliches und ernsthaftes Scouting der Spieler.

 
 
Das war der Grund dafür,
  dass Brückners erste Kader sich exakt aus dem Euro-Team, sowie den davor im erweiterten Kader Befindlichen und dem much talk about-Rebellen Scharner zusammengesetzt haben.
Zuletzt war dann maximal davon die Rede jemanden aus der U21 hochzuholen, einem Team, das Brückner zunehmend überblicken konnte, weil er es ja auch spielen und trainieren sah.

Darüber hinaus: nada.
Das hat sich jetzt, aus einer Art Not-Situation heraus, geändert. Brückner/Kocian/Herzog haben Andreas Hölzl einberufen. Nach den verletztungbedingten Ausfällen von Korkmaz und Leitgeb und dem Schwächeln von Harnik ist das offensive Mittelfeld die größte Problemzone. Gut, das ist sie aus anderen Gründen auch schon seit Prä-Euro-Zeiten, aber diesmal gingen den ÖFB-Verantwortlichen die Spieler fast schon aus.

Hölzl, so sagt Brückner, habe sich seit seinem Wechsel zu Sturm prima entwickelt, komme zwar auf wenige aber immer enstcheidende Ballkontakte und sei vor allem auf den letzten 30 Metern und im Strafraum sehr gefährlich.
Harnik sei noch dazu gelbbelastet, also...

 
 
...also ist er über einen kleinen Schatten gesprungen.
  Nach seinem Sprach-Kompromiss und seinem Kompromiss in Sachen Medien-Verhalten (Brückner sagt zwar weiter in netten Worten nichts, die sind aber zunehmend besser zu verstehen und freundlich ausgerichtet), nach seinem Entgegenkommen rund um Roger Spry, ist diese Neuerung (die er sicher ungern in Angriff genommen hat) eine weitere Änderung seiner personalpolitischen Philosophie.
Aber schließlich hat er im aktuellen Fall (bewusst) nicht die absolute Macht, sondern eingebaute Korrektive an seiner Seite.

Der andere dieser beiden, Andreas Herzog, ist der zuständige Ansprechpartner im Fall des zweiten Neulings, Marco Arnautovic.

Brückner hatte zwar beschlossen das U21-Team, das sich am 10. und 14. Oktober mit zwei Barrage-Spielen gegen Finnland für die U21-EM
qualifizieren kann (das wäre ein historisches Ereignis von unschätzbarem Wert), nicht zu schwächen, und beließ alle Stammkräfte, vor allem Rubin Okotie, bei Coach Zsak - im Fall von Arnautovic werden aber andere Gründe schlagend.

 
 
Das schlampige Jung-Genie,
  die Reinkarnation eines Zlatan Ibrahimovic, der Lust/Frust-Kicker, den es wegen seiner fußballerischern Borderline-Persönlichkeit bereits in die Niederungen des Unterhauses (konkret: zum FAC) verschlagen hatte, ehe er dann von holländischen Scouts weggecastet wurde, passt nicht nur in Brückner schwelgerisches Ideal eines großen und körperlich starken Stoßstürmers und ins Klischee des ungewöhnlichen und exzentrischen Kickers, der außerhalb des regulären Glattschleifer-Systems groß wird (wie das auch bei Stefan Maierhofer der Fall war) - er drohte abgeworben zu werden.

Und zwar von der Heimat seines Vaters, Serbien - wiewohl er als österreichisch-bosnischer Doppelstaatsbürger da gar keinen so direkten Bezug hat. Da der Nachfolge-Verband Jugoslawiens ein direkter WM-Quali-Konkurrent ist, war für den ÖFB Feuer am Dach. Denn mittlerweile können ja auch Spieler, die noch U21-Länderspiele bestritten haben gekapert werden. Arnautovic hatte Bosnien bereits abgesagt - Serbien wäre natürlich noch ein Spürchen attraktiver.

Mit der aktuellen Einberufung und einem möglichen Einsatz kann man sich ÖFBseits die Dienste dieses Juwels jedoch für die Ewigkeit sichern.

 
 
Ansonsten fehlen im aktuellen 21-Mann-Kader
  Andreas Ibertsberger (wiewohl nicht verletzt und in respektabler Form) und Roland Linz (derzeit bei Braga noch ein bisserl suspendiert) - dafür ist Roman Kienast wieder dabei.

Interessanterweise weist der gesamte Kader (wegen des Ümit/Leitgeb-Ausfalls) keinen wirklichen linken Mittelfeldspieler auf, nur Ivanschitz und Fuchs, die da allerdings beide nicht unbedingt optimal sind, wären dabei.
Andererseits: bis auf die U21 und U 20-Burschen Stankovic, Kavlak, Saurer, Erbek, Bukva, Salamon würde es nur den noch weit nicht teamreifen Markus Weissenberger geben. Und Leute wie Daniel Wolf, Dag oder Bahadir spielen im unbeobachteten Ausland.

Und das Scouting ist ja aktuell, aus den oben beschriebenen Gründen, nicht der erste Punkt auf der ÖFB-Agenda.
Womöglich auch, weil es seit der Ära Krankl den Klischee-Stehsatz gibt, dass man "eh olle", die einen geraden Schuß abgegeben hätten, einberufen habe.
Dass hier im Monats-Takt neue Optionen dazukommen, das hat sich den Wiederkäuern dieses Stehsatzes, den Hickes und Herzogs nicht erschlossen.

Und da auch die Brückner/Kocian-Combo diesbezüglich keine großen Ambitionen zu richtigem Scouting hat, wird es weiterhin eine echter Sprung sein, wenn es einen neuen Hölzl gibt.

 
 
Factbox Teamkader
  Der Kader für die Spiele am Samstag, 11.10. (auswärts Färöer) und am Mittwoch, 15.10 (daheim gegen Serbien):

Tor:
Alexander Manninger (Juventus/ITA), Jürgen Macho (AEK Athen/GRE), Ramazan Özcan (Hoffenheim/DEU)

Abwehr: György Garics (Atalanta/ITA), Sebastian Prödl (Werder/DEU), Martin Stranzl (Spartak Moskau/RUS), Emanuel Pogatetz (Middlesbrough/ENG), Ronald Gercaliu (Salzburg), Joachim Standfest (Austria), Christian Fuchs (Bochum/DEU).

Mittelfeld:
Rene Aufhauser (Salzburg), Paul Scharner (Wigan/ENG, Jürgen Säumel (Torino/ITA), Andreas Hölzl (Sturm), Andreas Ivanschitz (Panathinaikos Athen/GRE), Martin Harnik (Werder/DEU).

Angriff:
Marc Janko (Salzburg), Roman Kienast (Helsingborg/SWE), Stefan Maierhofer und Erwin Hoffer (Rapid) und Marko Arnautovic (Twente Enschede/NED).

Es fehlen: Korkmaz (Frankfurt/DEU) und Leitgeb (Salzburg) wegen Verletzung, Linz (Braga/POR) wegen seiner Suspendierung.

Nachnominiert wird womöglich noch ein Tormann für den angeschlagenen Öczan - man rechnet mit Andreas Schranz aus Kärnten - und vielleicht noch Andreas Ibertsberger (Hoffenheim/DEU).

Für Thomas Prager (LASK) und Mario Kienzl (Sturm Graz) ist weiterhin kein Platz, obwohl Rene Aufhauser für das erste der beiden Spiele gesperrt ist. Salmutter (LASK) und Öbster (Salzburg) wären ohnehin verletzt/angeschlagen, für Mörz und Atan (SVM) ist die Tür derzeit ebenso zu wie für die Oldies Vastic, Weissenberger (LASK), Feldhofer und Haas (Sturm). Trainer Schinkels Fürsprache für Manuel Weber (Kärnten) ist noch zu wenig.

Andere Legionäre (wie die "Türken" Dag und Bahadir oder Daniel Wolf in Italien) stehen leider nicht im Blickfeld, Hans-Peter Berger ist nur die Nummer 2 bei Leixeos.

 
 
Factbox U21-Kader
  für die Barrage (= entscheidende Playoff-Qualifikation für die U21-EM (die von 15 - 23 Juni 2009 in Schweden stattfindet) am Freitag, 10.10. in Pasching und am Dienstag, 14.10. in Turku.

Tor:
Robert Olejnik (Falkirk/SCO), Andreas Lukse (Rapid)

Abwehr:
Andreas Dober (Rapid), Niklas Hoheneder (LASK), Franz Schiemer und Michael Madl (Austria), Mario Sonnleitner (Sturm), Harun Erbek (Kayserispor/TUR), Andreas Schicker (Admira).

Mittelfeld:
Julian Baumgartlinger (1860 München/DEU), Mario Reiter und Michael Stanislaw (Magna Neustadt), Florian Klein (LASK), Veli Kavlak (Rapid), Christoph Saurer (LASK), Emin Sulimani (Austria) Haris Bukva (Austria Kärnten).

Angriff:
Rubin Okotie (Austria), Daniel Sikorski (Bayern München/DEU), Marco Stankovic (Sturm)

Auf Abruf wären:
Tormann Udo Siebenhandl (Neustadt), Markus Suttner (Austria), Daniel Toth (Ried), Daniel Beichler und Jakob Jantscher (Sturm) und Atdhe Nuhiu (Austria Kärnten).

Die drei letztgenannten werden wohl im U20-Kader gegen Deutschland (am So 12.10. in Altach) stehen.

Verletzt sind Junuzovic (Kärnten), Seeger (Salzburg) und Gramann (Altach), noch rekonvaleszent ist Hackmair (Ried), out sind Idrizaj und Morgenthaler (Admira).

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