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Wien | 7.10.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Das Fußball-Journal 08. Eintrag 37.
 
 
 
 
Der Fall Bahadir, oder: Wo sich Unverstand bei Fußball und Integrations-Politik die Hand geben.
 
Schon komisch.

Ich habe im Eintrag 35 dieses Journals, also direkt nach der Kader-Kekanntgabe am letzten Donnerstag, im wesentlichen zwei Themen behandelt: zum einen, dass sich Brückner/Kocian (die alteingesessenen Österreicher sowieso) nicht so recht zu so etwas wie modernem Scouting aufraffen können (und wodurch das begründet ist) und zum anderen das (nachvollziehbare) Gebuhle um Marco Arnautovic, der auch für Bosnien und Serbien spielen könnte - in einer neuen, multiethnischen Welt ein üblicher Fall, wie es noch viele geben wird.

Und dann bricht, gestern, aus heiterem Himmel, der Fall Bahadir aus, ein anschauliches Beispiel, das genau diese zwei Punkte beinhaltet.

Über Turgay Bahadir steht in meinem im August verfassten Legionärs-Eintrag folgendes: "Beim türkischen Pokalsieger hatte man bereits Erfahrung mit Jungs samt migrantischem Background aus dem hyperanständigen V-Berg: Der hierzulande drastisch unterschätzte Turgay Bahadir, 24, ist zwar Wiener, hat seine Sozialisation aber ebenso wie Erbek bei einem der Lustenauer Vereine erhalten."

 
 
Drastisch unterschätzt...
 
Aber: Wie auch in Eintrag 35 angemerkt spielt Doppelstaatsbürger Bahadir ebenso wie seine Kollegen in der Türkei oder auch der junge Herr Wolf bei Piazenca in Italien unter Ausschluss der öffentlichen ÖFB-Beobachtung.

Gestern wurde er nun in den türkischen Teamkader gegen Bosnien und Estland- einberufen. Okay, das ist nur passiert, weil Fatih Terim 6 Stammspieler ausgefallen sind - trotzdem ist es nicht total überraschend, wenn man die gute Performance des Underdogs Kayseri (im UEFA-Cup gegen PSG raus) und da wieder die gute Form Bahadirs betrachtet.

Denn Turgay spielt in der kompetativen türkischen Liga seit einiger Zeit (zumindest lässt sich das aus zweiter Hand verfolgen) gut mit - was seinem Teamkollegen Erbek und Ekrem Dag (der es beim Hauptstadt-Club Besiktas um einiges schwerer hat in die Stammformation zu kommen) versagt bleibt.

 
 
Ich finde das extrem ärgerlich.
  Gerade in einem Bereich, wo es wirklich krankt beim österreichischen Nationalteam, dem offensivem Mittelfeld nämlich, nicht genau zu schauen und einen potentiellen Spieler leichtfertig zu übersehen, das ist fahrlässig.

Zumal Bahadir ja kein totaler No Name ist, sondern immerhin U21-Teamkicker war. Dann allerdings ging er einen klassisch österreichischen Weg: Weil er als schwierig gilt, wurde er von seinen Coaches hauptsächlich nach diesem Aspekt beurteilt.

Man kennt das ja, nicht? Türke, hitziges Temperament, unkontrollierbarer Rowdy, Schein-Asylant, Sozialschmarotzer, sicher auch Messerstecher und Ehrenmörder - Bahadir steckte sofort in einer Klischee-Kiste aus der ihn niemand rausnehmen wollte.

Wenn Andi Heraf, sein letzter Trainer in Österreich, der jetzt als sein Förderer herausgehoben wird, den ich aber als finalen Verhinderer in Erinnerung habe, der Bahadir auch nach guten Spielen einfach vom Platz nahm um seine Macht zu demonstrieren, jetzt lächelnd Anekdoten erzählt, anstatt sich und seine Handlungen einmal in Frage zu stellen, dann spricht das Bände.

Denn in der türkischen Liga herrschen deutlich professionellere Bedinungen als in Schwanenstadt, bei den Lizenzen-Verschleuderern. Aber warum sich bei der eigenen Nase fassen, wenn man das Klischeebild des ausgeflippten Türken-Bengels zitieren kann, das aktuell ja auch als Hauptursache für Wahl-Resultate unter den Jungen herhält.

 
 
Turgay Bahadir,
  Cousin der Tosun-Brüder Cemil und Cem von Rapid (Cemil, ehemaliger U19-Teamspieler, durch eine böse Verletzung zurückgeworfen, ist an den DSV Leoben verliehen, Cem spielt bei den Rapid Amateuren und wurde aktuell in die U19 berufen), ist ein in Wien geborener Bursche der 2. Generation, ein Secondo, wie er im Büchl steht.

Bahadir ist ein guter offensiver Außenspieler (eh ein krasser Mangelbereich in Österreich) mit einer guten Physis und unkonventionellen Ideen. Und seine bisherige Karriere erinnert fatal an die von z.B. Maierhofer oder Arnautovic - Jungs, die "schwierig" sind (was man im scheuklappigen, teilweise von egomanischen und bildungsfernen Trotteln regierten Fußball-Bereich schon sein kann, wenn man laut zwei gute Sätze formulieren kann) werden von Coaches, die ausschließlich an sich, und selten bis nie an Vereine oder gar den Verband denken, geradegebogen oder gar gebrochen.
Im Fall Bahadir war es sogar der Coach (Heraf nämlich) der ihn lange gestützt hatte, der ihn schließlich brach und verbannte und fallenließ.

Dass Bahadir als Ur-Wiener jetzt seine Qualitäten in einer Liga ausspielt, in der Heraf nicht einmal als Schuhputzer-Assistent einen Job bekommen würde, ist ein schöner Treppenwitz.

Heraf hält Kayseri, eine Stadt knapp an der Millionengrenze, eine alte Kultur-Stadt, die älter ist als Wien, ja für ein anatolisches "Bergdorf" und hat sich allein dadurch als unbelehrbar disqualifiziert; als einer, der lieber an seine selbsterfundenen Klischees glaubt (dass nämlich die Türkei aus Istanbul, Bodrom und Ziegendörfern besteht), anstatt seine Denkmuster ständig zu evaluieren, wie es für ihn als ÖFB-Nachwuchs-Coach eigentlich verpflichtend wäre.

 
 
Und das ist das bittere am Fall Bahadir.
  Dass er nämlich die Enge offenbart, die im heimischen Fußball ebenso wie in der heimischen Gesellschaft herrscht.

Man hat sich so bequem mit seinen Klischees und Vorurteilen arrangiert, man hat es gesellschaftlich bereits als so sicher und selbstverständlich verinnerlicht, dass es den Dummen noch leichter fällt sich im Schatten dieser Rechtfertigung im Dreck zu suhlen. Nach einer Wahlkampagne wie der aktuellen natürlich noch leichteren Herzens als zuvor.

Mir kommt da noch ein anderer Fall aus der jüngeren Vergangenheit in den Sinn, wo sich ebenfalls die angewandte Dummheit im Fußball auf einen gesellschaftlichen Zustand auszureden vermag.

Der FC Lustenau hat im September den Spieler Gültekin Sönmez fristlos entlassen. Sönmez stand noch im Vorjahr im U20-Teamkader von Paul Gludovatz, bekam dann aber heuer "disziplinäre" Probleme mit Trainer und Präsidium, woraufhin er kaltgestellt wurde: Man ließ ihn nicht wechseln, spielen durfte er aber auch nicht. Und dann, Anfang September, die Entlassung.
Grund: "Aufgrund strafrechtlicher Tatbestände sei eine Aufrechterhaltung des Dienstverhältnisses nicht mehr möglich." Sönmez werden Einbruchsdiebstähle angelastet, u.a. auch einer in die Vereinskasse des FCL.
Andere Quellen sprechen davon, dass sich "Freunde" Sönmez Auto geborgt hätte und damit erwischt worden wären, andere behaupten Sönmez wäre der Fahrer gewesen, der nichts von den Einbrüchen gewusst hätte, andere wieder behaupten, dass er der Kopf der Sache war. Verhandelt ist die Sache noch lange nicht - die Vorverurteilungen haben Sönmez allerdings schon längst punziert.

 
 
  Anstatt sich also um ein hoffnungsfrohes Talent (auch für Österreich) zu kümmern, das womöglich in einer Problem-Umgebung lebt, wird er erst einmal ausgebremst, gebrochen und in seiner fußballerischen Entwicklung gehemmt, ehe man sich dann mit großen Augen der Unwissenheit als völlig unschuldig an den daraus entstehenden Entwicklungen gibt, die man durch seine Handlungen aus dem Klischee-Büchl selbst geschaffen hat.

Dazu muss man wissen, dass es erst im Frühjahr in Lustenau eine echte Groteske um Spieler und einen Überfall gab. Einige Austia Lustenau-Spieler (u.a. der junge Georgier Bjalava) hatten "per Gag", mit einer Spielzeug-Pistole, eine Tankstellenmitarbeiterin bedroht und Leberkäs-Semmeln erbeutet. Der Vorfall wurde, u.a. wegen des Einsatzes von Austria-Präsidenten Hubert Nagel, dann eher wie ein Dummer-Buben-Streich behandelt.

 
 
Alles was Andreas Heraf,
  der sich jetzt als fleischgewordenes Opferlamm des bösen Türken-Bullies stilisiert und damit völlig auf der Höhe der Zeit agiert, als Wahlhelfer für angewandten Populismus eben, jetzt tut und erzählt um seinen ehemaligen Schützling Turgay Bahadir und vor allem sein Versagen als Fußball-Lehrer zu kaschieren, ist das Heraufbeschwören des billigen Bildes vom jugendlichen Zuwanderungs-Delinquenten.

Und daran, sowie an der dadurch ausgelösten politischen Misere, daran sind die schlechten Ausbildner, ignoranten Lehrer und all jene, die den bequemen Wegs des geringsten Widerstands, also den des ausgelutschen Klischees, beschreiten, zu einem erheblichen Teil schuld.

Insofern hat Österreich die Strukturen und das Wahlergebnis, das es verdient.

PS: da Bahadir nun doch aufgrund diverser Statuten, die es damals auch Steffen Hofmann verboten haben Fußball-Österreicher zu werden, nicht für die Türkei spielberechtigt ist, wäre ein ÖFB-Scouting-Blick durchaus angebracht.

 alle bilder zeigen das "bergdorf" Kayseri
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