Natürlich ist das Vokabular nach jedem politischen Ereignis von emotionaler Sprengkraft archaisch und royal, vor allem, wenn es sich um Unplanbares und Unvorhergesehenes handelt.
Dann kann schon von vom Himmel gefallenen Sonnen und Weltuntergängen, von Regentschaften oder Erbfolgekriegen die Rede sein.
Im Fall des Unfalltodes von Jörg Haider, europaweit gefürchteter Rechts-Populist, mehrheitsfähiger Landeshauptmann, Time-Cover-Star und Gottseibeiuns der Innenpolitik der letzten 20, 25 Jahre, lässt sich aber schon am selben Tag absehen, dass diese erdbebenartigen Erschütterungen, die in anderen Fällen nur metaphorisch und herbeigeredet sind, tatsächlich ein- und zutreffen werden.
Zumindest in den Bereichen, in denen Haider sein Reich errichtet hat: also einerseits in Kärnten und andererseits im sogenannten dritten Lager.
Dort wird kein Stein auf dem anderen bleiben, weil hier die Person so stark mit dem Wohl und Wehe eines sozialen Ganzen verknüpft ist, wie es sonstwo heute kaum noch vorstellbar ist.
In einer rundum systematisierten Welt, in der Strukturen herrschen, die jede handelnde Person ersetz-, austauschbar machen (besser: machen müssen, um Handlungsfähigkeit zu garantieren), sind Knall&Fall-Tribunen, an deren Persönlichkeit und deren Fähigkeiten alles hängt, die absoluten Ausnahmen - mir fällt da nur ein einziges anderes Beispiel (der Onkel Hans nämlich) ein.
Und genau diese fast einzigartige Position, von der Haider so enorm profitiert hat, gefährdet jetzt sein Vermächtnis.
Haider hat seit dem Beginn
seiner bundesweiten Wirkungsmacht 1986 nicht nur das Ende der Ideologien alten Stils oder den Show-Charakter der neuen Wähler-Ansprache antizipiert, er hatte das auch auf eine philosophische Basis gestellt, die allen bisherigen Macht-Ideologien widersprach.
Wo die anderen Parteien und die anderen Macht-Systeme des Landes (wie z.B. Gewerkschaften, Industrie, Groß-Konglomerate wie die Raika etc) auf Machtausübung via Struktur setzen, entwickelte er ein bei klassischen Kulturen wie den Athenern oder Römern abgeschaute Form der Machtausübung via Person samt Entourage plus Sponsoren.
Seiner Person.
Soll heißen: Ist es bei den beherrschenden Apparaten das größere Ganze (die Partei, der Verband, der Konzern etc), das die Macht hat und wie eine Fackel an die einzelnen, quasi erkorenen Proponenten übergibt (ihnen also auch wieder entziehen kann), sollte das in Haiders Vorstellung komplett personalisiert, auf einen zentralen Player zugeschnitten werden.
Das hat einen ganzen Strauß von Vorteilen, die Haider allesamt brillant nützte.
Z.B.: Jemand, der seine Partei wie eine Firma, nein, besser: seinen Hof führt, muss keine Kompromisse eingehen. Mitarbeiter, die nicht entsprechen oder irgendwann anderer Meinung sind, sind blitzschnell entfernbar.
Z.B.: Quereinsteiger, Talente, Begabungen, aber auch Sternschnuppen, die nur zur Belustigung für kurze Zeit nützlich sein könnten, lassen sich so problemlos einführen.
Z.B.: Sowas wie eine feste Weltanschauung; ein rigides Gesinnungs-Konzept ist nicht nur nicht nötig - der flexible Wandel, der alles, bis hin zur Behauptung des Gegenteils, beeinhalten kann, braucht so keine Erklärung und macht unangreifbar.
Und, vor allem: Die Kommunikation dieses Stils ist ein Kinderspiel.
Denn: so funktionieren alle Familien,
alle menschlichen Kleingruppen.
Auf der Basis eher emotionaler als rationaler Entscheidungen geht es hin und her, schnelle oberflächliche Analysen ergeben kurzfristige Handlungen, Widersprüche sind kein Problem.
So funktionieren wir im Wesentlichen; alles andere ist reiner Selbstbetrug.
Indem Haider sich genau so selbstdarstellte und auch seine Familie, seine kleine Gruppe, den Kern seiner Partei, der meistens (vor allem im Optimal-=Erfolgsfall) die Menschen umfasste, mit denen Haider nicht nur 24/7 arbeitete, sondern auch lebte, sind nichts als ein Spiegel dieses Verhaltens, dieser Emotion.
In einem Land, in dem vor allem rurale und kleinstädtische Strukturen immer wieder solche kleinen Lokal-Kaiser hervorbringen, ist das ein Hit.
Das, was die anderen, die anderen Parteien und die vielen Gesinnungsgemeinschaften, Vertretungen, Ämter, Banken oder Medien vertreten, ist die rationale, überlegte und theoretisch natürlich richtigere Überlegung, die wir alle im Kern gutheißen - auf die wir aber keine Lust haben.
Lust haben wir alle auf das, was Jörg Haider uns da über zwanzig Jahre lang in seiner Politik neuen Stils vorlebte: auf die Soap, die emotionale Ansprache.
Da können alle noch so viel über unwürdige Ausfälle, Kindergarten-Verhalten oder Poser-Gehabe reden - ein tatsächlich emotional unterlegter Vorfall zwischen Haider und einem seiner Adlaten erzeugte mehr Identifikations-Potential als die beste, rational abgeführte und lösungsorientierte Politik der anderen.
Weil die Soap immer gewinnt, quoten-technisch.
Kurz zusammengefasst:
Haiders um alte Ideologien und belastende Strukturen abgeschlanktes Parteien-Modell neuen Stils kommt sexy, jugendlich und unverkrampft daher.
Es kommuniziert blendend, weil es die Mechanismen der Soap verwendet - so wie man sich täglich "Friends" reinzieht, so lässt sich auch die Haidersche Personal-Praxis verfolgen - man redet drüber, auch wenn man's nach außen hin "verachtet" (es wählt ja auch in Umfragen kaum jemand FP oder BZÖ...).
Er muss sich nicht um Regeln kümmern, weil er selber die einzige Regel darstellt und sie somit natürlich auch brechen kann.
Das funktioniert natürlich nicht bei allen.
Vor allem, wenn diese Philosophie, wie im Fall von Haider, ihre Wurzeln im nationalkonservativen Lager hat.
Das, vor allem die NS-Beteiligung seines Elternhauses, hat Haider immer mit sich herumgeschleppt, wobei es sich - höchst ambivalent - sowohl als Vorteil als auch als Hemmschuh erwiesen hat.
Allerdings waren es genau die Ausfranser des rechten FP-Randes, die ihn auf den Schild hoben, 1986. Dass er mit den alten Mitläufern, den dauererregten Deutsch-Nationalen, den wegsterbenden SSlern und den Julfeuer-Hüpfern allein nicht auf die zumindest 15% kommen würde, die ihm tatsächliche politische Bedeutung bringen würden, das war Haider sehr früh klar.
Das zweite nötige Standbein waren dann also andere: die sozial Benachteiligten, die - und auch hier hat Haider eine Entwicklung schon sehr früh gesehen - von der Globalisierung und der ausflippenden neoliberalen Marktwirtschaft abgehängten Modernisierungs-Verlierer. Und die sind mit einem cleveren Mix aus Sozial-Neid, Intellektuellen-Verachtung und engagierter Sozialkampf-Politik ganz schön zu beeindrucken.
Noch dazu, wenn der emotional glaubwürdig daherkommt, von durch den eigenen Elan und Erfolgen aufgeputschten Parteijüngern, die sowas wie ein fleischgewordenes Erfolgsversprechen sind.
Auch das ist ein reines Pop-Phänomen.
Die Haidersche Buberlpartie, die Aufsteiger von seinen Gnaden, wirken auf die sozial Benachteiligten nicht wie die personalisierte Unverfrorenheit und mit NLP kaum kaschierte Inkompetenz, sondern haben - im Gegenteil - Vorbildwirkung.
Zu den klassischen Heils-Versprechen für die Working-Poor, die Unterschicht, die Abgehängten, die Benachteiligten kommt neben dem Role-Model Sportler, dem Role-Model Popstar und dem Role-Model Gangster (Pirat scheidet für ein Binnenland ja leider aus) nun auch noch das Role-Model "Politiker neuen Stils", als Buberl bei Haider.
Das, was die alte Welt (die alten Parteien, die alten Medien, die ebenso überforderten Debattierer und Kommentatoren) also für abstoßend hält, finden die von den aktuellen Bedingungen und der Bildungsferne in die Ecke Gepressten durchaus lässig.
Wenn man vom Floridsdorfer Hemdsärmel-Ingenieur oder vom Villacher Autoverkäufer aus dem Nichts bis in die höchsten Ämter und in die Top-Promi-Kategorie aufsteigen kann, weil man einem König gut zu Gesichte steht, dann ist das ein Heils-Versprechen, bei dem selbst ein Super-Player wie etwa Scientology nicht einmal ansatzweise mitbieten kann. Und auch die Großparteien sehen da vergleichsweise ganz alt aus.
Der König, das ist, das war Jörg Haider, der dieses System perfektionierte und so im Besitz eines wichtigen Guts war: der Hoffnung.
Damit erreicht er die Menschen, genauso wie sein Imitator Strache, nicht mit der alten ultrarechten Ideologie (das hab ich in einem Zweiteiler eh schon ausgeführt, weshalb ich da heute lieber einen Text eines klugen Zeugen als Beleg anführen möchte), die in ihm nagt wie ein Zeck, den er nicht losgekriegt hat, vielleicht auch nicht loskriegen wollte, um die Basis-5% nicht zu verlieren, mit denen ja alles begonnen hatte.
Damit, mit der Hoffnung, und dem populistischen Spiel um sie.
Und indem er sie vorlebte. Denn seine Hoffnung, die war auch immer spürbar: die, etwas werden zu wollen, Kanzler etwa. Seine Partei fuhr immer dann schlechte Ergebnisse ein, wenn ihm, dem Führer, die Hoffnung ausging. Sobald irgendwas sein Emotions-Potential wieder wachgekitzelt hatte, ging es los.
Das funktioniert natürlich nicht bei allen, steht da oben irgendwo.
Genauso richtig ist: das funktioniert natürlich nicht überall.
Es gibt für all das ein Core-Klientel. Das saß nicht in Oberösterreich, das merkte der Oberösterreicher schnell. Und auch, dass er es in Wien nicht finden würde. Zuviel gefährliche Urbanität, zuviel automatischer, wilder Widerspruch um da systematisch auf die angestrebten 15, 20% zu kommen.
In Kärnten ist die Grundstruktur eine andere: es gibt ein paar Kleinstädte, also anti-intellektuelle Grundstimmung, ein großer Teil der Bevölkerung hat Tourismus-Erfahrung, ist also flexibel, es gibt jede Menge Feste (d.h.: direkte Kommunikationspunkte) und da wäre noch ein solider Bodensatz von alten Kämpen, der hier deutlich über die sonstigen 5% hinausgeht.
Also wurde Haider Kärntner, und was für einer.
Heute orientiert sich eine Art Neo-Kärntnertum an dem, was der eigentlich "Zuagroaste" als Folklore vorgab.
In Kärnten ließ sich das, was Haider zuerst in seinem Umfeld, dann in seiner ganzen Partei umgesetzt hatte, dann auch auf Landesebene verwirklichen: sein Traum von der ideologie- und gesinnungsbefreiten Regentschaft des Einzelnen, der die Marschrouten täglich neu vorgeben kann.
Solange die Grund-Nahrungsmittel (Emotion, Hoffnung, direkte Kommunikation, angreifbare Hilfestellung, Geld- und Benzinausgabe etc) stimmen, solange das vorgelebt wird, ist es scheißegal, was die Wiener oder die Steirer draußen sagen, von den anderen EUropäern gar nicht erst zu reden.
Wer uns das nehmen will, die Hoffnung, den lassen wir nicht an uns ran.
Weil Haider, weil sein Kreis, weil seine Partei und weil sein Kärnten (und hier hatte er über 40%) das alles 24/7 lebten, waren sie gegen alles Außenstehende immun. Deshalb war der aktuelle Kärnten-Wahlkampf Haiders auch so überraschend erfolgreich. Wegen des Glaubens und der Hoffnung.
Dieses Gebäude ist jetzt allerdings vom Einsturz bedroht.
Weil der Erbauer abgetreten ist, ohne eine sinnvolle Auffang-Struktur oder gar eine Art Hofübergabe geplant zu haben.
Und damit bin ich wieder am Anfang dieses Eintrags.
Dass die sonst ein bisserl verlogene Untergangs-Metaphorik, die an Tagen wie diesen daherkommt, im Fall des Todes von Jörg Haider ihre Berechtigung hat.
Denn das von Haider aufgebaute System funktioniert nur mit ihm.
Weil es nur für ihn funktioniert hat.
Seine aktuelle Gruppierung ist ein extra von ihm für ihn aufgebautes Vehikal, das ohne ihn nicht funktionieren kann - auch nicht funktionieren soll.
Während die sonstwie starren und unbeweglichen Konkurrenten und Verbünde auch die schlimmsten Verluste von Substanz und Personal durch ihre Struktur auffangen können, ist, nein, war Haiders Persönlichkeit selber die einzige Struktur.
Die ununterbrochene Frischzellenkuren, die der LH durch andauernde neue Buberl-Partien und Neo-Rekrutierungen anzubieten hatte, die waren in erster Linie für ihn selber da, in zweiter Linie für die Partei, die ja in seinen Augen auch er selber war - nachhaltig war da aber wenig, keine langfristige Personal-Planung, kaum wirkliche Ausbildung, wenig Investition via Human Ressources...
Haider verließ sich bei all dem auf seinen Instinkt und dachte an ein ewiges Leben.
Ich höre schon den möglichen Einwand: Strache.
Der würde alles weiterziehen.
Nun: Strache profitiert immer noch von den Mustern, die er von Haider, seinem Meister, gelernt hat. In Punkto Nachwuchs-Aufbau oder Flexibilität ist er jedoch nicht vergleichbar.
Strache ist in viel stärkerem Umfang als Haider von seiner Partei (auch dem immer noch herrschenden Kern der Rechts-Nationalen) und von der bereits gesetzten Agenda (Xenophobie, EU) abhängig.
Strache zieht auch lieber mit Naddel herum und repräsentiert einen Status Quo als die Speicher mit Buberl-Partien aufzufüllen. Er wird künftig sein eigenes System entwickeln müssen - und dabei werden ihm SP, VP und Grüne eh ordentlich helfen, indem sie weiter fest an den U30jährigen vorbeikommunizieren. Strache wird sich um sie ebenso kümmern wie um die sozial an den Rand Gedrängten.
Trotzdem hat das aktuelle System Strache weniger vom System Haider als man meinen könnte.
Das griechisch-römische Vorbild des Volkstribunen und seiner Schüler, das fehlt. Der oligarchische Habitus, die Anbindung an andere, am besten international Mächtige, fehlt. Die Partei, die sich abseits des Chefs nicht an Inhalte herantraut, die fehlt ebenso. Die Sonnenkönig-Attitüde ist Strache irgendwie auch fremd: er wirkt selbst im größten Sieg nie so imperial wie es Haider selbst beim kleinsten Weinköniginnen-Fest in Hinter-Arnoldstein war.
Da das BZÖ auf Bundesebene
nicht mehr als ein Haider-Plakat war, wird eine Re-Union des dritten Lagers nicht zu vermeiden sein.
Ich halte eine CDU/CSU-Lösung für wahrscheinlich, allerdings nur dann, wenn Haiders Erben die große Chance, bei der Landtags-Wahl 2009 als Nachlasswalter des toten Landesvaters aufzutreten, nicht durch Streit oder dumme Fehler verbocken.
Eine archaische Lösung wie Haiders Schwester, eine seiner Töchter oder sein Freund Petzner als Spitzenkandidat, das wäre ein mächtiges Symbol, es würde sehr emotional zu den Menschen sprechen, es würde die Soap fortsetzen.
Das würde natürlich nichts dran ändern
dass nach einer (gar nicht so langen) Zeit der Konsolidierung dann auch Anforderungen gestellt werden würden, die durch das, was Haider als machbar ausgegeben hat, gespeist wären, und sich nicht mit Ersatz zufriedengeben, sondern die rattenscharf gewitterte reale Symbolik, deren Umsetzung Haider so meisterhaft beherrschte, einfordern würden.
Und da können dann die, die von ihm mit unzureichenden Strukturen zurückgelassen wurden, durchaus überfordert sein. Haiders Vermächtnis wird sich dann in einer Rückführung seiner Partei in die FPÖ beschränken. Und das wäre dann nicht so arg viel an Vermächtnis, zumal die Defintionsmächtigen dann wieder andere wären.
Für eine veritable Volkstribunen-Schulung, die sowas wie eine geregelte Nachfolge, eine inhaltliche Weiterführung gebracht hätte, war, so hatte man das Gefühl, keine Zeit, vielleicht auch gar keine Lust vorhanden.
Womöglich war der Mann, den seine Bewegung jetzt als größtes Polit-Talent seit Kreisky feiert, auch der Ansicht, dass es sinnlos wäre, sich um sowas wie eine Nachfolge zu kümmern, weil er intern eh nicht zu übertreffen sei, die nächsten 50 Jahre zumindest.
Vielleicht hatte er da ja recht.
ORF.at laufende Berichterstattung zum Tod von Jörg Haider