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Wien | 18.11.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Das Fußball-Journal 08. Eintrag 57.
  Die optimale Aufstellung, und was das mit Cem Özdemir zu tun hat.
 
 
 
Die optimale Aufstellung
 
Wär' ich der Verantwortliche für die Aufstellung des ÖFB-Teams im Testspiel gegen die Türkei am Mittwoch abend, meine Start-Aufstellung würde so aussehen:

Ramazan Özcan von Hoffenheim im Tor.
Taner Ari von Magna Neustadt als Rechtsverteidiger, Yüksel Sariyar vom selben Verein als zentraler Abwehrspieler, neben ihm Cemil Tosun, der Rapidler beim DSV sowie links Harun Erbek, der verdiente U21-Teamspieler, der gerade bei KayseriSpor gekündigt hat.

Im Mittelfeld rechts Ekrem Dag von Besiktas, der - wie ich gerade gelesen habe - Lob von Volkan Demirel, dem türkischen Teamtormann bekommen hat, zentral Turgay Bahadir, der jüngst ja eine irrtümliche Nominierung von Fatih Terim erhielt, neben/vor ihm Veli Kavlak von Rapid und links natürlich Ümit Korkmaz von Frankfurt.
Dazu Cem Atan von Mattersburg und Muhammet "Hanifi" Akagündüz, der jetzt bei Manisa in der 2. türkischen Liga spielt, im Angriff.

 Ümit
 
 
  Fix einwechseln würde ich Dursan Karatay von Altach und Supertalent Yasin Pehlivan von Rapid, vielleicht noch Ihsan Poyraz oder Ertan Uzun, die jungen Torleute von LASK bzw. Rapid. Oder Cem Tosun, den Bruder von Cemil, der dieselbe Position spielen kann, oder den alten Haudegen Metin Aslan, zuletzt bei OrduSpor, für die Verteidigung oder den Dauer-Grenzgänger Ümit Erbay fürs Mittelfeld.

Ich könnte die Kayhan-Brüder ins Auge fassen, vor allem Tanju, den jüngsten, oder seinen Rapid-Kollegen Ildiz, oder ein paar der vielen Lustenauer, wenn sie besser drauf wären, z.B. Haruns Bruder Ibrahim, oder Ali Hamdemir, den Kapitän der LASK-Amateure oder Halil Akaslan vom Sportklub oder Osman Bozkurt von der Vienna oder oder oder...

 Hanifi
 
 
Keine Angst, ich werde nie in diese Verlegenheit ...
  ...kommen.
Und, keine Sorge, ich weiß, das Ümit oder Sariyar verletzt sind und der eine oder andere aus dieser Liste grade wenig oder schlecht spielt - es geht nur um ein Gedankenexperiment, das sich bei keinem anderen Spiel ausgehen würde: es nämlich ausschließlich mit Spielern, deren Wurzeln im Land des Gegners liegen, zu bestreiten.

Das ginge sich nämlich bei jemand anderem nicht einmal dann aus, wenn wir alle vormals jugoslawischen Staaten zusammenziehen würden (oder ist euch ein Tormann mit einem entsprechenden Hintergrund bekannt?)

Österreich sträubt sich ja durchaus effektiv, seinen Status als Einwanderungs- und Emigrationsland zu akzeptieren, differenziert (in selbstbetrügerischer Absicht) immer noch zwischen politischen und ökonomischen Flüchtlingen, kann zwischen Integration und Assimilation schlecht unterscheiden und tut sich enorm schwer, seine Rolle in der globalisierten Welt einfach anzunehmen und als Bereicherung anstatt als Bedrohung zu betrachten.

 Rambo
 
 
... und was das mit Cem Özdemir zu tun hat.
 
Theoretisch ist das im Sport, im Fußball anders.
Theoretisch funktioniert da die Integration besser. Und manchmal ist das wohl wirklich so.
Die im Schnitt 19jährigen Rapid-Amateure entstammen Familien aus Bosnien, Tschechien, Ungarn, der Türkei, dem Burgenland, der Slowakei, Serbien, der Steiermark und Wien-Distinktions-Probleme tauchen wohl erst auf, wenn sie gemeinsam in die Disco gehen und dort unterschiedlich angenommen werden.

Daran ändert sich womöglich erst was, wenn im Gespräch klar wird, dass es sich dabei um Kicker handelt - dann wird man (Stichwort "unser Ümit!") besser behandelt.

 
 
Anderswo ist man da ein Spürchen weiter.
  Die deutschen Grünen haben auf ihrem Parteitag am Wochenende eine ihrer vier Top-Positionen (die des Parteivorsitzenden, sie haben immer zwei davon) an den Schwaben Cem Özdemir vergeben. Özdemir ist kein unbekannter Quereinsteiger, sondern seit Jahren grünes Aushängeschild für Integrationsfragen. Trotzdem ist es ein Riesenschritt, jemanden mit "Migrationshintergrund" an die Spitze zu setzen.

Und klarerweise fand sich sofort der zwar holprige, aber nicht komplett unberechtigte Vergleich mit Barack Obama ein. Denn erst die Selbstverständlichkeit, die so ein öffentliches Amt nach sich zieht, macht den Unterschied aus.

 
 
Ich glaube nicht an das Ende des Rassismus.
  Der wird sich immer halten - und kann und wird auch immer von üblen Figuren und populistischen Kräften geschürt werden.

Was ich meine, läßt sich in einer absurden Geschichte zusammenfassen, die ich (aus dritter Hand, aber verbürgt, weil durch vergleichbare Erlebnisse abgestützt) gehört habe: im US-Wahlkampf, in einem der vielen Swing States, ging ein Obama-Wahlhelfer von Tür zu Tür, um seine Botschaft anzubringen. In einer "besseren" Gegend, tendenziell republikanisch durchsetzt, öffnet eine freundliche Lady und hört sich die schönen Sprüche des Wahlhelfers an. Irgendwann hört der dann den Herrn des Hauses, der mitbekommen hat, was sich an der Tür tut, etwas rausplärren. "Sag ihm, es ist schon okay, wir wählen diesesmal ohnehin den Neger!"


 Veli
 
 
Das ist derb.
  Aber es hat sich ein entscheidendes Stück vom angewandten Rassismus und seinen Begleitern wie Neid, Hass, Missgunst entfernt. Und ich wette, dass sich im biederen Schwabenland, wo Özdemir seine Homebase hat, etliche biedere Schwaben genau das genau so denken könnten: dass sie diesmal eh den Türken wählen könnten.

Denn der vereint, ebenso wie der polyglotte, extrem gewandte Barack, die Klischees, die man seiner Herkunft zuspricht, mit den Fähigkeiten, die man den Managern der jungen Generation, den Nachhaltigeren, den sozialen Modernisierern, zubilligt. Jenem Leader-Typus also, der nach dem Ende des ökonomischen Zynismus gefragt ist.

 Atan
 
 
Davon ist Österreich noch ein gutes Stück entfernt.
 
Nicht nur, weil es mit Maria Vassilakou aktuell "nur" eine Vize-Vorsitzende gibt, sondern auch, weil die diesbezügliche Einstellung fehlt. Hierzulande ist der Schritt in die Selbstverständlichkeit noch nicht in Sicht.

In Österreich werden, um jetzt zum Fußball zurückzukommen, die Kicker mit türkischem Familien-Hintergrund tendenziell immer noch auf Stereotypen reduziert. Entweder auf den feurigen Südländer mit Ehrenmord-Fähigkeit (da ist es dann doppelt bitter, wenn ein Dämlack wie Cem Atan oder der unglückliche Gültekin Sönmez diesen Erwartungen auch noch entsprechen) oder auf den kleingewachsenen Parkkäfig-Trickser-König (der es dann gerne, wie im Fall des früheren Supertalents Volkan Kahraman, nicht schafft, weil er nichts draus macht - auch so ein Klischee-Bediener).

 XL
 
 
Deswegen bin ich für
  Figuren wie den leider ein wenig abgesunkenen Yüksel Sariyar so dankbar. Deswegen setze ich auf Rambo Özcan, die Tosun-Brüder oder Jung-Rapidler Pehlivan: die sind Klischee-Überwinder und potentielle Wegbereiter für eine größere Selbstverständlichkeit der hierzulande gerne gepflegten und an Peinlichkeit nicht zu überbietenden Altnazi-These, dass es sowas wie eine rassisch-genetische Disposition geben würde.

Solange das nicht funkioniert, sind an sich kindische Anmerkungen wie meine "die optimale Aufstellung" leider nötig, um all das ins Bewusstsein zu rufen.
Dass der führungslos wie ein abgestochenes Hendl herumlaufende ÖFB, dass ein alter Grummler wie Brückner nicht auf die Idee kommen, irgendeine Geste zu setzen, um öffentlich etwas zu demonstrieren, das versteht sich.
Leider.

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