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Wien | 19.11.2008 | 23:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Das Fußball-Journal 08. Eintrag 59.
 
 
 
 
Was für ein seltsames Spiel.
 
Da sieht man gute 35 Minuten lang eine Mannschaft, die wie der sichere Sieger aussieht, und zwar nicht, weil sie vom Gegner unterschätzt wird, sondern weil sie beißt, presst, forecheckt, riskiert, mit Einmal-Berühren spielt, die Bälle in hohem Tempo nach vorne treibt und so den Gegner überrollt (wer sich fragt, wo man das schon gesehen hat - in den ersten beiden Länderspielen des Jahres gegen Deutschland bzw Holland), weil sie einfach deutlich besser ist - weshalb dann alle eine Klasse besser spielen, als sie eigentlich könnten.
Und dann führt man in diesem finalen Länderspiel, immerhin gegen die Türkei, nicht irgendwen, und alles sieht so richtig aus.

Und dann sieht man zehn üble Minuten, in denen alles zerbröselt. Und dann eine zweite Halbzeit, in der der Start gleich brutal in die Hose geht, wo sich das Team aber dann nach dem exzellent gemachten Angriff zum zweiten Hölzl-Tor wieder ganze sieben Minuten lang an die Anfangs-Phase anschließen kann, ehe dann eine Serie von Lattenknallern den finalen Treffer einleitet.
Und dieselben Typen, die in den ersten 35 Minuten über scih hinauswuchsen und eine große Brust hatten, gingen in diesen schwachen Phasen ein wie hustende Pipihenderln.

Und vieles in diesem Spiel, das dann so dumpf verloren geht, sieht so falsch aus.

 stranzl, noch der beste einer zunehmend verunsicherten abwehr
 
 
Das hat alles überhaupt keine innere Logik.
 
Die gefährlichen Tempoläufe des Christoph Leitgeb, die unberechenbaren Vorstöße des Andi Ivanschitz, die spielerische Cleverness des Andreas Hölzl und die guten Praller-Fähigkeiten des Rubin Okotie: sie waren 35 Minuten so greifbar wie ein Anker - und sie zerfielen danach als wären sie aus Glas.
Und zwar ohne, dass sich am türkischen Spiel groß was änderte - die haben es die ganze Zeit probiert, kamen aber nie durch, weil immer ein Bein dazwischen war. Ehe man ihnen dann ab der 38. Minuten plötzlich Platz machte.

Immerhin, es gibt einen Nebeneffekt: das vor diesem Spiel abgeführte Geschwätz über Pressing und Nicht-Pressing, über defensive oder offensive Spielanlage - das wurde durch dieses seltsame Spiel alles als sinnlose Makulatur, als Sackgasse entlarvt.
Wie sagt Kocian so richtig? "Man kann Pressing nicht spielen, wenn keine Kompaktheit besteht, entsprechend nach vorne zu agieren." Nur nebenherlaufen und keine Zweikämpfe gewinnen wie gegen Serbien - das erlaubt eben gar nichts.
Das seltsame Spiel von heute abend zeigte, dass auch die pure Anwesenheit von gutem Pressing allein kein Spiel gewinnt - wenn man nicht imstande ist, es über zumindest 60, 70 Minuten durchzuhalten.

 okotie, der durchaus auch eine zweite hälfte verdient gehabt hätte
 
 
Pressing, Fitness und andere Unwichtigkeiten
 
Da kommt dann auch die Vernachlässigung der Fitness, also des Systems Roger Spry, das nach dem Euro-Einsatz als nimmer wirklich wichtig geachtet wurde.
Ein Fehler.
Denn ohne die Extra-Einheiten, mit denen die Teamkicker spätestens seit Herbst 07 gepiesackt wurden, rutscht man auf ein Level, das in etwa 50% der Februar/März-Spiele gegen Deutschland und Holland enstpricht. Denn da war man zumindest etwa siebzig Minuten fit für Powerpressing.

Der andere für jeden denkenden Menschen entlarvte Blödsinn ist das Gelabere über eine zu defensive Aufstellung. Der türkische Gegner spielte mit einer Spitze und meist nur zwei offensiven Mittelfeldspielern und war im Angriffsfall deutlich zu offensiv für die verunsichterten Österreicher.

Brückner ließ siebzig Minuten lang in einem 4-2-3-1 spielen, wie es auch Foda bei Sturm pflegt - nominell ist das sogar offensiver als das, was Terim auf dem Feld hatte.
Und: im guten Fall, also beim Tempo-Gegenstoß, beim pfeilschnellen Reinstechen in die Weichteile des Gegners sind die vier Offensiven samt Unterstützung der Außenverteidiger und zumindest eines der defensiven Mittelfeldspieler eine gefährliche Waffe. Und offensiv as can be.

 das dynamische duo des abends (aus österreichischer sicht natürlich nur): ivanschitz - leitgeb, so gut wie lange nicht mehr.
 
 
Nach diesem komischen Spiel steht nur eines
  mit Sicherheit fest: dass nämlich nichts mit Sicherheit feststeht.

Gut, die Türkei war ebenso wie Serbien ein hochklassiger Gegner, der strategisch und taktisch so viel besser ausgebildet ist und so viel Vorsprung hat, dass man von einer heimischen Mannschaft nicht ernsthaft verlangen kann, das in kurzer Zeit aufzuholen.
Noch dazu, wo auf derlei weder vor der Euro ernsthaft Wert gelegt wurde (man hat ja immer das Gefühl, der ÖFB würde murrend und widerwillig - dementsprechend halbherzig - moderne Methoden einziehen, sie letztlich also selber heimlich zu sabotieren) noch jetzt, nach der Euro, sowas wie eine kommunikative Aufbau- und Nachbesserungs-Arbeit geleistet wird. Von wem auch: die alten Österreicher (Herzog und andere) können es nicht und die neuen Experten (Brückner/Kocian) sind letztlich immer noch in der Eingewöhnungsphase, um die krausen Verhältnisse hierzulande auch nur ansatzweise zu verstehen.

 
 
Ich habe heute abend nur wenige Dinge erfahren.
 
Dass Leitgeb sofort zu einem guten Verein muss, wenn er nicht versauern will. Denn er hat was, eindeutig.
Dass Arnautovic mich und uns noch oftmals zum Wahnsinn treiben wird mit seinen Spielereien - dass ich das aber lieber mag als die verheerenden Ballannahmen eines Maierhofer mitansehen zu müssen.
Dass die (körperlich gesehen) Henderlfraktion (zu der auch noch Korkmaz, Hölzl und andere gehören) Zukunft hat, weil sie ein international gefragter Spielertypus ist.
Dass Michael Gspurning zwar keine echte Chance hatte sich zu bewähren, aber einen beruhigenden Eindruck machte.
Dass Rubin Okotie das, was Brückner von einem Stoßstürmer verlangt, auch kann.
Dass die Standards dann funktionieren, wenn das restliche Spiel funktioniert. Und dass das etwas ist, woran man arbeiten kann. Denn eine echte Klassemannschaft zieht sich durch gute Standards aus plötzlich auftretenden sumpfigen Spielphasen.
Dass es im ÖFB-Team keine Garantie dafür gibt, dass die Formationen, mit denen es halbwegs klappt ihr Level halten, während man sich um andere Baustellen kümmert - so wie zuletzt mit Verteidigung (okay) und Mittelfeld (Schwachstelle). Kaum spricht man's aus, ist's auch schon umgekehrt. Das ist eine psychologische Katastrophe.

 hölzl, der nominelle sieger des spiels (aus ö-sicht wiederum)
 
 
Eigentlich ist aber alles in Ordnung.
 
Denn: ein 2 zu 4 daheim, gegen einen Euro-Semifinalisten, eine junge, aufstrebende und gut eingestellte Mannschaft, die auf eine bereits länger durchgezogene Philosophie zurückgreifen, auf eine langfristige Vorbereitung auf hohem Niveau verweisen kann, gegen ein Nationalteam, das eine gute Liga im Rücken hat, mit Vereinen, die seit Jahren konstant in Champions League/UEFA-Cup mitspielen anstatt in den Vorrunden auszuscheiden und das dann auch noch als Erfolg verkaufen, wie das die heimischen Vereine gern tun, so ein 2 zu 4 also, ist völlig logisch und völlig richtig.
Von wegen "seltsames Spiel" also...

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