Vorurteil ohne Stolz. Ein paar Worte zum neuen Style-Magazin FAQ.
Weil ich zwischen meinem kleinen Aufenthalt in Innsbruck (ein bisserl was stand davon schon hier, there's more to come) und dem in Nürnberg ja einen schnellen Freitag-Abend in Wien eingelegt habe, um in einem speziellen Ambiente Travis anzusagen, hab ich mich von FM4-Internet-Chefin Ute Hölzl auch noch breitschlagen lassen, den "anderen" Termin dieses Abends "wahrzunehmen", wie das im Neo-Journalistendeutsch so schön heißt.
Dieser andere Termin war das The Fall-Konzert in der Arena, bei dem nebstbei ein neues Lifestyle-Magazin mit dem schönen Titel FAQ präsentiert wurde. Für Mark E. Smith hat's zeitmäßig nicht gereicht, für das Magazin und ein paar, äh, Kulissengespräche allemal.
Und da ist's dann passiert: Ich schau mir das vom runtergedimmten Arena-Licht elegant angestrahlte Heft durch, bleibe dabei (das ist so ein Journalisten-Reflex) zuerst natürlich beim Impressum hängen (man will ja wissen, woher und wer und wer noch) und erschaudere bei der Namenszeile hinter dem Titel Chefredakteur.
In diesem Moment weiß ich, dass ich der Falsche für diesen "Wahrnehm"-Job bin, weil ich ein jüngst eingesammeltes Vorurteil mit mir herumtrage, das es mir nicht einmal ansatzweise erlauben wird, das Heft gut finden zu können.
Und das kam so.
Vor genau drei Wochen fand im Wiener Rabenhof der Schwanengesang des Slow Club statt. Thomas Rabitsch und Wolfgang Schlögl präsentierten das, was sie gemeinsam mit Hansi Lang aufgenommen hatten - in seiner Abwesenheit, weil er ja mitten im Prozess des Finalisierens von "House of Sleep" verstorben war.
Es war eine dementsprechend gedämpfte Veranstaltung, bei der niemand live spielte, sondern die Musik vom Tonträger kam, das Publikum herumsaß und ein wenig betroffen lauschte, ehe es in Grüppchen zerfiel und sich unterhielt.
Ich war ein Spürchen zu spät gekommen (der UEFA-Cup als Ausrede) und traf zuerst den Direktor des Hauses vor selbigem, dann die Checkerin des Abends, Anja Rabitsch, an der Bar vor dem Saal an. Beide waren vor dem Vorprogramm geflüchtet, das sich irgendwie (nicht ganz unlogisch) in diesen Abend gedrängt hatte.
Der Residenz-Verlag hatte eine lange geplante Hansi Lang-Biografie, die wohl erst im Frühjahr hätte erscheinen sollen, per Schnellschuss vorgezogen und sich an die Präsentation angehängt.
Ich wollte mir das anschauen und ging in den Saal.
Dort saßen drei Männer auf der Bühne: der Schauspieler Hanno Pöschl links, ein anderer Schauspieler/Künstler, den man kennen sollte, den ich aber nicht kannte, rechts - beide in abwechselndem Lese-Einsatz und in der Mitte ein Bürschchen mit verschränkten Armen, das nichts sagte.
Die Texte aus dieser Hansi Lang-Bio
waren eine Katastrophe.
Selbst das beste Bemühen von Pöschl, ihnen sowas wie Charme, literarischen Glanz oder eine Art Gewandtheit zu verleihen, mussten an Dutzend-Phrasen wie "öffenete seine Pforten" und blanker Schulaufsatz-Stilistik scheitern. Zudem war dem Text ein nachhaltiges Unverständnis der Zeit in der er (wie das Leben Hansi Langs) spielte, den 80ern nämlich, anzumerken. Es klang ein wenig so, als würde man Paris Hilton über Punk sprechen lassen.
Ich bin also nach schrecklichen 15 Minuten Text-Qual (einzig die OT-Passagen, in denen Hansi Lang direkt zitiert wurden, hatten etwas) also wieder raus, um mich über die Hintergründe dieses Debakels zu informieren.
Meine Quellen (es kamen ein Dichter/Songwriter und andere Insider dazu) berichteten vom Schnellschuss des Verlags, von einer komplett unlektorierten Textvorlage, vom Entsetzen der Lesenden über die Qualität des Stoffs, aber auch von der Unbedarftheit des Autors, dessen naive Annäherung sich aus einer echten Naivität, echtem Nichtwissen speist. Er, der Autor, wäre im Übrigen der stumme Bursche in der Mitte gewesen.
Obwohl die Schuldfrage eindeutig beim Verlag zu orten war, blieben mir einzelne der grauenvollen Textfragmente hängen. Und natürlich der Name des Autors: Fabian Burstein.
Und just jener
stand im Impressum von FAQ.
Und es war - um eine Verwechslung per Namensgleichheit auszuschließen - derselbe, der verschränkte Mittelsitzer vom Rabenhof-Abend, den ich dann auch an diesem Abend in der Arena herumstehen und etwa der "Menschen"-Berichterstatterin der "Presse", die denselben Steinhof-Arena-Weg wie ich auf sich genommen hatte, Rede und Antwort stehen.
Das war dann der Moment, in dem mir eine gesamte, sicher ambitioniert gemachte Zeitschrift verleidet war.
Ich wusste genau, ich würde mir die Geschichten auf die bewussten Phrasen durchschauen (deutliche Treffer), mir würden die Schulaufsatz-Tendenzen im grellerem Licht auffallen, ich würde die geschichtslosen Ansätze verstärkt wahrnehmen - das Produkt würde bei mir also keine Chance haben, so sehr könnte ich mich gar nicht selber übertölpeln.
Und irgendwie fand ich das dann auch wieder schade.
Denn hier und jetzt so zu tun, als wär ich objektiv und könnte die erst kürzlich erfahrenen Vorurteile aus dem berechtigten Grauen so hintanstellen, dass es zu einer seriösen Beurteilung reicht, das wäre lachhafter Selbstbetrug.
Natürlich ist das FAQ
nicht allein Fabian Burstein.
Allerdings sind mir dann deswegen auch Fragen aufgefallen, die der Herausgeber Andreas Ungerböck (der auch für das wunderbare "Ray" verantwortlich ist) stellt: "Wie schafft man das? Du musst ja dann unglaublich viel schauen, lesen und hören." Der derart mit Gänseblümchen bauchgepinselte Thomas Meinecke sagt da natürlich nix Interessantes drauf, und auch die Überraschung, dass sein "Mode und Verzweiflung"-Projekt mit klassischer Mode nichts zu tun hat, trifft den Fragesteller einigermaßen wuchtig.
Durch derlei ergibt sich dann das Gefühl, beim FAQ eine Art harmlos-naives Vice samt Indie-Modestrecken-Ästhetik vor sich zu haben; und das ist - betrachtet man den programmatisch sein wollenden Auftritt mit The Fall, samt dem guten Krispel-Text dazu, dem einzigen, der aus dem Schulaufsatz-Muster raustritt - dann doch sehr sehr enttäuschend.
Mein schlechtes Gewissen, was meine Vorurteile betrifft wird durch die offensichtlichen inhaltlichen, ideologischen und formalen Schwächen, die das Heft so hat, allerdings nicht ausgeglichen.
Nicht einmal die angeberische Verwendung des Stichworts "bilingual", das sich schlicht im mittlerweile allseits akzeptierten Native-Speaker-Prinzip erschöpft (Interview mit einem Dänen eben im Original, Texte von unserer Barbara Matthews in english).
Dann erzählt mir aber
eine Kollegin, die das Heft bei mir am Schreibtisch herumliegen sieht, von ihrer Begegnung anlässlich des FAQ-Vorstellung-Live-Gesprächs in FM4-Connected, wie sich der vom Verlag geschickte Vertreter angestellt habe: kein Ansichtsexemplar, keine Fahnen, kein greifbarer Bezug zum geschaffenen Werk, kein Willen eine Vision oder sonstwas erklären zu wollen, keine festzustellende Überzeugungstäterschaft, sondern bloßes, sehr im Agenturdeutsch gehaltenes Absondern von Gemeinplätzen, und das auch erst nach mehrmaliger Nachfrage.
Und, ja, wieder handelte es sich dabei um den bewussten Herrn Burstein.
Und, ja, es ist mir ein bisschen leichter dadurch.
Nicht, dass dadurch irgendwas objektiver ist; nicht, dass ich stolz auf ein Vorurteil sein würde; nicht, dass das FAQ nur deshalb, weil es meinen Erwartungen und Kriterien nicht entspricht (tut das Vice ja auch nicht), schlecht oder böse wäre; nicht, dass ich angewandte Geschichtslosigkeit und bewusste Naivität nicht als zulässige Waffe gegen die Definitionsmächtigen anerkennen würde.
Nichts von alledem.
Bloß: das, was hier am Tisch liegt, ist mir eben zuwenig.
Und zu schwach, Burstein hin oder her.
Und wo vielleicht sonst ein nettes, freundliches "Eh lieb" oder eine vielsagende Nicht-Besprechung (um nicht zu schaden...) erfolgt wäre, wie es sie beide im heimischen Medien-Kontext zuhauf gibt (ich behaupte sogar, dass nichts anderes, so gut wie keine offene diskursive Auseinandersetzung existiert - sie endet gern in den weinerlichen Zuschreibungen von persönlichen Motiven, die zuallermeist die der Erfinder spiegeln), kam es durch die etwas unglückliche Konstellation eben zu einer Offenlegung von Gefühlen und Zusammenhängen.
Ich halte das eh prinzipiell für besser - man ist nur innerhalb einer Gesellschaft, die sich vor fundierter Kritik anscheißt, weil damit immer der Konsens des Mittelmaßes, also der undurchdachten Mainstream-Meinung, verlassen wird, durchaus ansteckbar.
Was hier dann eben nicht der Fall war. Glücklicherweise. Und dank des gern gescholtenen Vorurteils.