Donnerstag abend, Wiesen, Burgenland.
Die zahlreich angereisten Teilnehmer des FM4-Familienausflugs zum Konzert von Neil Young & "Crazy Horse" treffen sich dort, wo sonst das FM4-Mobil von Michi Fliegl, dem Intendanten des Wiesener Landesstudios, steht. Leise Vorfreude auf einen Wiesen-Event, der nicht per Sendung oder Mitschnitt gecovert wird.
Natürlich auch dabei: Leonce und Lena (Namen von der Redaktion geändert), das bezaubernde FM4-Liebespaar.
Hast' gesehen, sagt meine Liebste, als wir zum Versorgungs-Standl gehen (Erdbeerspritzer und Feuerflecken), sie haben jede Sekunde Körperkontakt gehalten, die zwei Lovebirds.
Der erste Regenguss überrascht das Publikum (heute mit einer Tendenz zu 30 plus) ansatzlos. Aber Zelt und Fress-Station bieten genügend Schutz.
Zwei dieser kurzen Sintfluten gehen herunter, ehe Neil Young & Crazy Horse auf die Bühne kommen.
Im Vorfeld das übliche Backstage-Gemurmel: ein bissl anstrengend sei der alte Herr. Man müsse Sicht-Lücken verhängen, damit niemand reinspechtelt; seinen eigenen Kaffee habe er mitgebracht, und mit 6 (!) Bussen ist er unterwegs, einen davon voll mit seinen Topf-Pflanzen.
Naja, der Mann ist 60 und geht wahrscheinlich ohne jegliche Kompromisse auf Tour, will es sich so angenehm wie möglich halten, als würde er jeden Abend auf der Veranda seiner Ranch ein bissl Gitarre zupfen.
Dann, 21:43, das Publikum kreischt seit einer Minute durch, stöpseln Talbot, Sampedro und Young ihre Gitarren ein, klettert Molina hinters Schlagzeug, sie winken kurz und preschen los: "Don't Cry No Tears".
Irgendwas lässt mich sofort und in der Sekunde das seltene "Crazy Horse"-Feeling spüren, das immer da ist, wenn ich sie sehe (Film und Video inclusive, was selten aber doch der Fall ist).
Und plötzlich weiß ich, was es ausmacht.
"Crazy Horse" sind wie die beiden FM4-Lovebirds: sie halten jede Sekunde lang Körperkontakt.
Talbot, Sampredo und Young bewegen sich auf maximal zwei Quadratmetern, direkt vor dem Schlagzeug, spielen miteinander, gegeneinander, sehen sich in die Augen, achten auf die leisesten Abweichungen, halten eine unglaublich dichte Kommunikation aufrecht.
Es ist die klassische Sonntagmorgen-Situation einer sogenannten intakten Familie: alle, inklusive Katz und Hund knödeln im Bett oder auf der Couch rum, alle Lebewesen tummeln auf einem Fleck.
Neil Young und "Crazy Horse" haben keinen direkten Kontakt zum Publikum: sie spielen und reden nur untereinander.
Dadurch können sie aber einen Level an musikalischer Sprache erreichen, der teilweise wirklich unglaublich ist, ein Beziehungsgeflecht umsetzen, das zu wahrhaft magischen Momenten führen kann.
Bildquelle: APA / Techt Hans Klaus
An diesem Abend war das ein, zweimal der Fall, wenn Neil Young und Bassist Billy Talbot dann plötzlich für ein paar Sekunden ihre Instrumente so synchronisieren, dass der ohnehin schwebende Sound nachgerade abhebt, oder wenn Young und sein dicker Gitarren-Kontrapart Frank Sampedro sich in einem Dialog verlieren, der auf- und abebbt, wie wenn gute Freunde sich versehentlich ins Wort fallen und dann drüber lachen müssen.
Das ist es, was Neil Young und "Crazy Horse" so absolut einzigartig macht: dieser Sound, diese eigene Sprache.
Das konnten sie beim Wiesener Konzert im ersten Teil manchmal umsetzen.
Nur eines hinderte sie daran wirklich zu fliegen:
eine etwas seltsame Songs-Auswahl.
Anstatt auf die Kraft von in ihren psychedelischen Wirkung erprobten Wahnsinns-Werken wie "Cortez The Killer" oder "Cowgirl in the Sand" zu vertrauen, dominieren abgeschlafftere Spätlinge wie "Piece of Crap".
Das raubt dem "Crazy Horse"-Sound ein wenig an Substanz.
Nach 4 oder 6 Stücken, die sich ja alle über sieben, acht, neun oder zehn Minuten ziehen, gehen "Crazy Horse" ab und Neil Young spielt ein akustisches Set voller Classics, "From Hank to Hendrix", "Pocahontas" und (als einziges Orgel-Stück) "Long may you run"...
Die Zuschauer schmelzen dahin.
Dann kommen Crazy Horse wieder rauf und mir fällt plötzlich ein Konzertbericht aus einer deutschen oder schweizer Qualitätszeitung (Süddeutsche? Taz? Tagesanzeiger? Ich weiß nimmer...) ein, der vor sechs oder sieben Wochen eines der ersten Konzerte dieser Tour beschrieben hat.
Mir fällt ein, dass dort genau derselbe Ablauf, genau dieselbe Stimmung und Reaktion abgebildet war, und mir fällt auch ein, was über den nun folgenden, quasi dritten Teil des Gigs zu lesen war: dass "Crazy Horse" und Neil Young da einfach nicht mehr in die Gänge kämen.
Sie starten mit "Only Love Can Break Your Heart" und sie schaffen es nicht: die familiäre Einheit ist verloren gegangen.
Young steht mehr vorne am Mikro, Talbot und Sampedro sind weiter ab- und auseinandergerückt, es gibt fast so etwas wie eine klassische Platzaufteilung einer normalen Rockband, die sich fürs Publikum und nicht für sich selber aufstellt.
Bei "Hey hey, my my" freut sich zwar der 50jährige duselige Kasperl neben mir, der die ganze Zeit schon in jeder Songpause "Rock'n'Roll will never die!" schreit, es geht auch ein Ruck durchs Publikum, es wird auch der Startschuss für einen durchaus furioses Schluss-Teil gesetzt, aber der perfekte Sound ist abhanden gekommen.
Neil Young und "Crazy Horse" spielen jetzt ein Konzert, anstatt Musik zu machen.
Das tun sie allerdings auf höchstem Niveau: Sampedro wechselt auf ein geflügeltes Keyboard, das bitterböse Sounds verbreitet und dann zerstören sie über eine Viertelstunde lang "Like a Hurricane", um immer wieder unvermutet in die Traum-Poesie des Songs reinzukippen.
Ein durchaus großer Moment in der Spannung zwischen kühlen Kalkulation und selbstvergessenem sich-das-Herz-aus-dem-Körper-reißen.
Bildquelle: APA / Techt Hans Klaus
Allein der Körper-Kontakt, der das alles unweltlich und unwirklich und überiridsch hätte machen können, der ist verloren, der war nach dem ersten Teil nicht mehr wieder zustandezukriegen.
Trotzdem kam noch eine große Zugabe, mit - eh klar - "Rockin' in the Free World".
Neil Young hat ja die Gnade, dass ihm das Schicksal nach seinen grandiosen Highlights in den 60er und frühen 70ern dann auch in den späteren Jahren große Hymnen wie diese beschert hat - ein Fakt, der ihn über die anderen großen alten Rock-Götter erhebt und, ebenso wie sein Wille mit Leuten wie "Pearl Jam" oder "Sonic Youth" zu arbeiten, immer noch sehr heutig macht.
Und danach kam noch - gänzlich unerwartet - eine wirklich herzzerreißende Version von "Powderfinger" (einem Stück wie Billy Wilders "Sunset Boulevard", aus der Sicht eines Toten erzählt).
Für mich hätt's dann aus sein müssen; Young schob aber noch einen Country-Schunkler nach, um die Leute heimzuschicken.
Ja, er ist eben schon über 60.
In irgendeinem Stück seines Sets hieß es: "Hört drauf, was die alten Leute sagen. Aber: sie sollen es schnell tun, und dann bitte aus dem Weg gehen."
Ich würd' ja gern ein "Crazy Horse"-Konzert sehen, in dem nur unter-25jährige Zutritt haben.
Vielleicht würde das den alten Zauseln eine andere Performance entlocken.
Nach den zweieinhalb Stunden des Konzerts, die der Wiesener Himmel trocken vorübergehen ließ, öffneten sich alle Schleusen.
It didn't rain, it poured.
Immerhin hatten "Crazy Horse" den großen Manitou wenigstens für ihre Konzertdauer beschwören können.
PS für alle besserwisser:
ja, er ist erst 55,5.
ja, die richtige setlist klebt da irgendwo unten bei den postings.
ja, die songs, die euch gefallen, gefallen euch natürlich auch zurecht.
ja, jeder kann seine meinung haben.
ja, im gegensatz zu euch hab ich ihn schon getroffen und komme auch im 87er-tourfilm vor, ätsch.
und noch ein echter nachtrag: danke an stefan pollach, der in diesem fall die zentrale wahrheit losgetreten hat.