Die Geschichte wiederholt sich. Heuer schon zum dritten Mal. Oder seit 100 Jahren - je nachdem, wo man zu zählen beginnt. Schließlich waren die ersten Skifahrer am Arlberg per definitionem Freerider und die gleichen Schneejunkies wie du und ich und die Gesamtbevölkerung von Powderhausen. Seit einem Jahrhundert wissen die Eingeborenen von Lech und Zürs um das extreme Suchtpotenzial des Champagnerpulvers (Tiefschnee der besten Qualität, von federleichter, trocken-flockiger Konsistenz), wie er in guten Jahrgängen wie heuer als meterhohe, zu Kristall erstarrte Welle über die Hänge des Arlbergs bordet.
Das Omeshorn - der Chef am Platz
... und weißen Teufeln!
Dort, wo der Nebel aufhört und das Omeshorn am Himmel kratzt, circa 100 Meter über der Höll', dieser großen, schwarzen Felswand (cliff heißt das im Boarderslang), warten 22 Gladiatoren (also 11 rider und 11 skier) aus neun Nationen darauf, sich als glitzernde Kometen 1.000 Meter in die Tiefe zu stürzen. Sie tun das für die Kamerateams im Helikopter und am gegenüberliegenden Berggipfel, dem Rüfikopf. Oder für die Zuseherinnen (die chicks)? Oder für die Siegesprämie? Oder weil sie Helden sind und es ihre Berufung ist, ihre Spur ins Antlitz der Berge zu schreiben (eine geile line ins face vom Omeshorn zu carven) und über 15 Meter hohe Felswände zu springen (äh, cliffs droppen)?
Oder weil die schwerelose Leichtigkeit des Gleitens im jungfräulichen, unverspurten Schnee diesen Burschen einen beliebig oft wiederholbaren multiplen Orgasmus beschert?
Exkurs: Die Körper-Geist-Dichotomie
Snowboarder können diesen Absatz skippen, und unten weiterreaden, denn es kommt keine einzige coole denglische phrase drin vor.
In meinem Umfeld dominieren ja die notorischen Sportverweigerer. Die Mehrzahl meiner Freunde sind entweder Stuben- oder Barhocker. Einige wirklich militante Kopffüßler, die ihren Körper ausschließlich als Vehikel zur Beförderung der Hirnschale benutzen und auch noch stolz darauf sind, dass ihr Puls auf 180 steigt, wenn sie mal 20 Schritte der Straßenbahn nachlaufen müssen. Sie zementieren die alte Körper-Geist-Dichotomie, nach der ein echter Intellektunneller eben auch eine die Vergeistigung unterstreichende, zart verfallene Physis haben muss. Jeden Sommer muss ich mir für diese Kollegen Entschuldigungen und Rechtfertigungen für das wasserskibedingte Anwachsen meiner Oberarme zurechtlegen, weil ihrer Ansicht nach jeder Zentimeter Bizepszuwachs Milliarden von Gehirnzellen verzehrt. Worauf ich hinaus will und hier können auch die Snowboarder wieder einsteigen:
Der Letztstand menschlicher Feinmotorik
Auch wer noch nie selbst ein Bord gegrabbed hat und bei Skiübertragungen schon weiterzappt, bevor der Berg-Redneck Assinger sein erstes Chauvi-Statement vom Zaun bricht; wer also nicht das geringste Verständnis für hochalpine Mythen hat, kann bei der Arlberg Open Space Freeride Trophy seine Katharsis erleben. Sogar La boum de Luchs Slack Hippy, der als DJ für die Opening- und Begleitparties in der Postgarage in Lech gebucht war und als Brite strikter Nichtskifahrer/Spaziergänger ist, musste anerkennen, dass diese Jungs nicht bloß ein paar obstacles umfahren, sondern offensiv sinnlich das Raumgefühl der Bergwelt zum Ausdruck bringen und dabei locker ein, zwei Naturgesetze (Gravitation, Lawinenkunde) außer Kraft setzen.
Wenn unsereiner auf eine 15 Meter hohe Felswand zusteuern würde, dabei ein Schneebrett auslöst, das ihn überholt und wie ein Wasserfall über das cliff stürzt, dann wäre das wohl der Moment, wo man sich an die nächste Haselnussrute klammern und eine Hubschrauberbergung alarmieren würde. Unfassbar ist es, wenn ein Mensch in dieser Situation dann plötzlich auf die Kante zufährt, um mit einem 30 Meter Sprung den Letztstand menschlicher Feinmotorik in den Himmel zu schreiben!
Motorische Genies
Das mit dem Starkult ist ja auch so eine Sache: "Peter Bauer ist dermaßen berühmt, der gibt gar keine Autogramme, sondern nur noch Stempel", witzelt der Platzsprecher, als der bayrische Veteran und geistige Vater dieses Open Space Contests über die Schneefelder und durch die natürlichen Halfpipes des Omeshorn rast. Als totaler Szeneaußenseiter erkenne ich am Abend davor keinen einzigen Star, sondern sehe nur die für mich unscheinbaren Burschen (will sagen: sicke rider) mit ihren eierschalenförmigen Strickmützchen (wie sagt man dazu - woolies?) beim Balzverhalten auf der Party. Aber dann beim Contest, wenn sie auf ihren Brettern stehen, verwandeln sich die sprachgestörten Calimeros, die völlig unmotiviert jedes zweite Wort durch ein englisches Vokabel ersetzen, in Könige der kristallenen Gestade.
Oscar Sosa, Skifahrer aus Argentinien, Publikumsfavorit
Die Gewinner: Martin Winkler (A) am Ski und Fred Moras (F) am Bord, Copyright: danielgrund.com