Ich muss mich wieder ein bisschen ärgern und das loswerden.
Wie einige wissen, ist mein Job bei den Festivals ja nicht in erster Linie das relaxte Bloggen mit dem Grashalm zwischen den Zähnen. Ich bin dafür zuständig, dass die Bands uns erlauben, ihre Konzerte mitzuschneiden und im Radio zu übertragen. Alle Kosten und jeder Aufwand wird dabei von FM4 getragen, wir dürfen das Konzert maximal einmal ausstrahlen, müssen die Band sowieso wegen jedem Song dann noch mal fragen, alle Rechte bleiben bei ihnen, und wenn die Ausstrahlung vorbei ist, müssen wir tausend Eide schwören, dass die Bänder entweder in Hochöfen geworfen, in Salzbergwerken gelagert oder von einer Hundertschaft Notaren öffentlich demagnetisiert werden. Andernfalls drohen 700 Jahre Zwangsarbeit für uns.
Beziehungsweise für mich, denn ich unterschreibe die Verträge meist.
Vorbei sind die Zeiten, wo solche Sachen mit befreundeten Bands bei einem Drink geregelt wurden; heute sind Banden von Anwälten und anderen Wegelagerern mit so was beschäftigt und verkomplizieren alles.
Es ist aus mehreren Gründen vorbei: Einerseits sind die Plattenfirmen und die Getränke- und Rüstungskonzerne, denen sie gehören, überzeugt davon, dass Musikfans nichts sehnlicher erwarten, als in Österreich vom Radio aufgenommene Konzerte aus dem Netz herunterzuladen und somit die Umsatzbilanz stören. Und die ist das wichtigste, obwohl derartige Verluste unterhalb der Wahrnehmungsgrenze lägen, wären sie überhaupt beweisbar.
Meine Arbeit beeinflusst dergleichen sehr und ich bin auch der, der rechtfertigen muss, warum bei Konzerten nur die ersten zwei Nummern gespielt werden oder die neue Single fehlt. Glaubt mir, Leute, ich will das nicht - meist wollen es Bandmanagements und irgendwelche anderen Eigentümer von Musik.
Aber die Debatte, wem die Musik gehört und wer das größte Tortenstück abbekommt, erspare ich mir. Ich bin da unsentimental und - woran uns Lemmy Kilminster heute bei seiner Pressekonferenz erinnert hat - gierig und blind und inkompetent war die Musikindustrie "from day one".
Das große Geld wird derzeit entweder mit dem neuen Medium DVD gemacht oder - mehr noch und neuer noch - mit dem Usus, das jeweilige Konzert eine halbe Stunde nach dem letzten Ton direkt zu brennen und an die noch anwesenden zu verkaufen. Da ist die Aussicht auf eine Ausstrahlung im Radio natürlich kontraproduktiv. Die Pixies verdienen damit in den USA gutes Geld, wie ich schmerzlich erfahren durfte, verzichten sie in Europa sogar darauf, weshalb wir jetzt ein steinaltes [aber gutes] Konzert senden müssen. Von den Peppers, Metallica, etc. will ich nicht jammern.
Gutes Geld
Was jammere ich überhaupt, es gibt immer noch genug Bands, die es FM4 erlaubt haben, ihre Musik allen zur Verfügung zu stellen [die meisten haben auch auf unserer Bühne gespielt: Mia, Weakerthans, Beginner, Blackalicious] Musiker, die wissen, dass die meisten Leute sie hören wollen, nicht damit Handel treiben.
Wer will schon Handel treiben.
Ich bitte nur zu verzeihen, dass die oben genannten großen Headliner dieses Festivals in unserer Aerodrome- Sendung [heute Samstag, ab 19 Uhr 10] nicht mit ihren heurigen Aerodrome-Gigs vertreten sein werden, sondern mit Livemusik von CD, DVD oder ähnlichem. Gut wird es aber sicher trotzdem.