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Wien | 21.12.2005 | 11:53 
Maßgebliche Musiken, merkwürdige Bücher und mühevolle Spiele - nutzloses Wissen für ermattete Bildungsbürger

Sonja, Pinguin, Rotifer

 
 
Prime Cuts - Compilation of The Day
  Wie jedes jahr auch heuer. In der letzten Woche vor Weihnachten öffnet die FM4 Musikredaktion ihre Schleusen und statt eines Albums der Woche gibt es derer fünf.
 
 
 
Montag: Gilles Peterson Digs America
  Kaum ein anderer DJ wurde in den frühen 90ern mehr zur Identifikationsfigur einer neuen Musikkultur erklärt als Gilles Peterson, und kaum ein anderer A&R-Manager kann einen so authentischen Lebenslauf vorweisen wie er. Schon als Teenager befindet er sich mitten in der Musikszene Londons, in der New Wave, Reggae, HipHop und Jazzfunk nebeneinander existieren.
Obwohl er aus bürgerlichen Verhältnissen stammt, verbringt Gilles Peterson seine Zeit damit, schwarze Piratenradiosender zu hören, die Playlists der DJs zu notieren und die Platten zu suchen - der klassische Trainspotter halt.

Vom Stammgast in diversen Plattenläden bis zu den ersten DJ-Gigs war es nur eine Frage der Hartnäckigkeit - seine ersten Abende im "Electric Ballroom" in Dingwalls sind bereits Legende. Aus dem Club entsteht schließlich ein Plattenlabel (Talking Loud), auf dem mittlerweile höchst renommierte Künstler ihre ersten musikalischen Gehversuche unternehmen (Roni Size! 4Hero! MJ Cole!).
Petersons' Status als "Plattenpapst" begründet sich vielleicht durch die Leichtigkeit, mit der er Dinge ins Rollen gebracht hat. Ein Scherz während eines seiner Gigs kreierte die Genrebezeichnung Acid Jazz und Künstler wie Jazzanova, Gotan Project oder Kruder & Dorfmeister verdanken Peterson einen Teil ihrer Karriere, einfach nur, weil dieser Reich-Ranicki des NuJazz als einer der ersten ihre Musik gespielt hat.

Auf der neuen Compilation "Digs America" gräbt Gilles Peterson ganz tief in seinem Privatarchiv nach lange verschollenen Schätzen schwarzer, amerikanischer Musik aus den 60er und 70er Jahren: feinster Soul, schnuckeliger Samba, fruchtiger Funk und Jazz-Folk dargeboten von größtenteils unbekannten Namen. Aber gerade das Unbekannte macht den Reiz aus. Hier kann man die Wurzeln der heutigen Tanzmusik entdecken - zum Studieren, zum Lauschen, zum Geniessen. [Roman Schilhart]

Gilles Peterson Digs America - Brownswood USA (ubiquity rec.)

 
 
Dienstag: 1980 Forward, Celebrating 25 Years of 4AD Records
  Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre waren die Pixies aus Boston, Massachussetts DIE Alternative Band. Verantwortlich dafür, dass uns - oder der großen Schwester, dem großen Bruder, Onkel, Tante oder Mama oder Papa - die Pixies damals zu Gehör gebracht wurden, ist ein gewisser Ivo Watts-Russell, seines Zeichens romantischer Maniac und Gründer des Londoner Plattenlabels 4AD Records. 1979/80 gründet Russell 4AD und veröffentlicht Musik von Nick Caves Band The Birthday Party. Ein dunkler Romantiker war der charismatisch geheimnisvolle Ivo, und das hört man am Katalog von 4AD. Düstere Romantik a la Cocteau Twins oder Dead can Dance sollte fürderhin das sein, wofür 4AD steht.

Aber nicht nur hauchzarten Dreampop mit Goth-Anleihen hat er dort veröffentlicht, sondern auch Ungewohntes und Riskantes wie den Dance-Überraschungshit "Pump up the Volume" von M/A/R/R/S. Labelgründer Ivo Watts-Russell übersiedelt in den 90er Jahren dann von London nach Los Angeles wo er das L.A.-Büro von 4AD leitet, bis er vor ein paar jahren 4AD an Beggars Banquet verkauft. Jetzt ist eine Jubiläums- Compilation vor 4 AD erschienen: "1980 Forward- 4AD Celebrating 25 Years". Auch wenn diese wundersam dunkle Romantik, die Ivo Watts-Russel 4AD aufgedrückt hatte und die das Label geprägt hat, ohne ihn jetzt so nicht mehr existiert: 4AD hat weitergemacht und veröffentlicht immer wieder gute Bands. Etwa die New Yorker Band TV On The Radio, die in den USA beim Touch & Go Label unter Vertrag ist - für Europa sind sie bei 4AD zu Hause. [Eva Umbauer]

1980 Forward, Celebrating 25 Years of 4AD Records (4AD/ Edel)

 
 
Mittwoch: Sound Sensation especially Selected by Bigga Bush
  Als eine Hälfte von Rockers HiFi (aus Birmingham) hat Glyn "Bigga" Bush schon in den 90ern Dinge in Bewegung gebracht und Genres verschmolzen - die Schnittmenge zwischen Dub Reggae, funky Afro Beats und moderner Elektronik ist seither Weg, Ziel und Mission für diesen Mann. Vor einiger Zeit war er noch mit seinem Soloprojekt "Lightning Head" unterwegs, jetzt sorgt Bigga Bush mit einer tollen Compilation für Aufsehen.
Als stets aktiver Musikforscher ist er immer auf der Suche nach obskuren Singles, raren Remixes und manchmal auch entwaffnend schrägen Tracks. Das fördert die unendlichen Möglichkeiten in seinen DJ-Sets. Wie das klingen kann beweist die neue CD "Sound Sensation".

Handelsübliche "Big Names" oder Massenware sucht man darauf vergebens, dafür gibt's eine Menge interessanter Tracks von mehr oder weniger unbekannten Interpreten. Jeder musikalische Einfluss wird aufgegriffen und eingearbeitet. Der Bass hält alles kompakt zusammen und sorgt dafür, dass es auch auf der Tanzfläche ordentlich Schub gibt.

Immerhin handelt es sich bei "Sound Sensation" auch um eine Mix-CD, die zwar nicht durch superfeines beatmatching glänzt, dafür aber mit jeder Menge obskuren und schrägen Tunes auffährt. [Roman Schilhart]

Sound Sensation especially Selected by Bigga Bush (Stereo Deluxe Rec/Edel)

 Glyn "Bigga" Bush
 
 
Donnerstag: "Help: A Day In The Life" Compilation
  Die Kaiser Chiefs, eine DER jungen, erfolgreichen Bands aus Großbritannien, covern einen Klassiker vom Soul Sänger Marvin Gaye - "I heard it through the Grapevine". Zu finden ist dieser Song auf dem Benefiz-Album "Help: A Day In The Life Of", initiiert von der englischen "Warchild" Hilfsorganisation. Warchild stellt nicht zum ersten Mal für den guten Zweck ein Album zusammen. Das erste erschien 1995, das Compilation-Album "Help!", dann kam das Album "Warchild: One Love", auf dem wieder wunderbar gecovert worden ist - etwa von Feeder, die Frankie Goes To Hollywood spielen oder die Stereophonics mit Sinead O'Connor. Klassiker aus der Popmusik neu eingespielt von zeitgenössischen Stars.

Inzwischen sind die Warchild-Compilations fast schon zu einer Institution geworden, das neueste Album nennt sich "Help: An Day In The Life". Warchild sammelt mit diesen Alben Geld für Krisengebiete, die durch Kriegshandlungen besonders betroffen sind. In den 90er Jahren war das etwa Bosnien, oder dann Ruanda oder jetzt etwa der Irak. Vor allem für die Kinder im Irak - aber auch anderswo benachteiligte Kinder - singen auf der neuesten Warchild-Compilation also die Kaiser Chiefs und weitere angesagte junge, englische Bands wie Maximo Park, Hard-Fi oder Bloc Party, aber auch gesetztere Kaliber wie die Manic Street Preachers sind mit dabei. Diesmal sind es weniger Coverversionen, sondern exklusive Eigenkompositionen der jeweiligen Künstler. Ein ganz besonders schöner Song kommt von Elbow aus Manchester - "Snowball". Werfen wir also ein flockiges Schneebällchen für den guten Zweck, für die Hilfsorganisation "Warchild".

"Help: A Day In The Life" Compilation (Vital/Rough Trade/Ixthuluh)

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