Gemessen an der Breite der unabhängigen Szene und ihrer Wachstumsgeschwindigkeit wäre es nur gerecht, wenn FM4 nicht alle im letzten Jahr veröffentlichenden Musiker und Bands zu fünf Schlussnominees eindampfen müsste, sondern mindestens noch fünf Awards zur Verfügung hätte: "Pop/Rock", "Hiphop", "Newcomer", "Kunst", "Elektronik" und vor allem einen eigenen "Lifetime Award", der hier ausnahmsweise signalisieren würde, dass der Artist nicht etwa schon genug geleistet hat [und in Pension gehen darf] sondern der anerkennen würde, dass man Leute wie Hans Platzgumer, Heinz oder Christopher Just nicht gegen Newcomer antreten lässt und langfristige Verdienste nicht mit dem frischen Popwind über einen Award geschert werden dürfen. Das nur nebenbei.
Hier kommen die 20 nominierten Bands des Amadeus Alternative Award 2006:
Madita
Bei Madita handelt es sich nicht um die Figur aus Astrid Lindgrens Kinderbuch, sondern um eine 27-jährige Sängerin aus Wien. Maditas Stimme kennt man wahrscheinlich aus ihrer Zusammenarbeit mit dem Duo dZihan & Kamien, letztes Jahr hat sie sich dann mit ihrem Erstlingswerk "Madita" auf Solopfade begeben. Bei Maditas jazziger Elektronica steht ihre eindrucksvolle Stimme im Vordergrund. Poetisch Worte werden mit hypnotisierenden Rhythmen verbunden und formen ein komplexes Album. Sie selbst beschreibt es als Labyrinth, das aus kleinen, einfach geformten Skulpturen besteht. (BM)
Tirol, das Rätsel und der Pop. Nachdem Hubert Mauracher der österreichischen Indiemusik mit Hilfe der Werbelandschaft zu ungeahntem Massenappeal verhilft, läßt der kluge zweite Schritt nicht auf sich warten: Mauracher erfindet sich neu und holt sich dazu einen der profiliertesten Pop Geister der 90er Jahre ins Boot: Frenk Lebel, den Sänger der Weitarmromantiker und Synthpoppioniere Play The Tracks Of . Gemeinsam entsteht "Kissing my Grandma", ein rätselhaft schönes, songorientiertes Album voller verschiedener Sounds, Stimmen und Sätze, ein Beweis, dass die sture und um sich selbst wissende Künstlerpersönlichkeit auch in Österreich releasen kann. Sie braucht nur mehr Kraft und Phantasie als anderswo. (BJ)
Schon allzu oft wurde bereits darauf hingewiesen, das Rainer Trüby den produktiven Linzer Parov Stelar als einen der interessantesten Acts aus Österreich bezeichnete. Dieser Umstand mag darin seinen Ursprung gefunden haben, dass Parov Stelar über die letzten Jahre zu einen wirklich unverwechselbaren Produktionsstil gefunden, der sich mit (Achtung, wieder Rainer Trüby!) Minimal-Jazz-House betiteln lässt. Aber nicht nur als Musikschaffender, sondern auch als Musikförderer tritt Parov Stelar mit seinem Label Etage Noir in Erscheinung, auf dem unter anderem Uwe Walkner oder Wolf Myer ein musikalisches Zuhause gefunden haben. (CF)
Schweiß, Energie und ein Song über Charles Manson: Seit 2003 sind die drei Steirer mit ihrem krachenden Pop unterwegs. Sie machen Musik weil sie "Lust am Reinhauen" haben und legen mit ihrer klassischen Instrumentierung keinen Wert auf unnötigen Schnickschnack. Mit Songs wie "Pinguin" und ihrem Styling, lassen sie Erinnerungen an die guten alten 70er und die Grunge Zeit hochkommen. Roter Stern Silber Stern, die ausschließlich auf Deutsch singen, haben letztes Jahr ihr Debütalbum "Retropolis" veröffentlicht und beweisen dass sie auch auf Platte ihren kraftvollen Sound einfangen können. (BM)
Welch jenige auf ihrem vierten, selbstbetitelten Album ihrem ohnehin bereits real pulsierenden Dub-Gebilde formal Leben einhauchten, indem sie ihm seine bis dato programmierbaren Wirbel und seine fernsteuerbaren Gelenke durch unter Einsatz von Fleisch und Blut beackerter Orchestration ersetzten- analog zur Erkenntnis, dass Miniatur-Figuren niemals in solch präziser Farbabstimmung erstrahlen können, wie wenn sie von Hand bemalt wurden. Oder das man Pizza eben nicht nur mit Messer und Gabel essen (oder eben auch backen) kann.
Es erwachte die Platte darin. Aber nicht zu einem Dasein eines Frankenstein'schen Monsters, zur Launenhaftigkeit und Wahngetriebenheit einer durch und durch menschlichen Existenz, samt der sich - in bedrohlich unterhaltsamer Spannung dehnenden - Dualität aus dem verlässlich erdverbundenen Mani Obeya als Kopf, und einem nicht gar so verlässlich irrwitzfesten Wolfgang Schlögl, der ja eigentlich die ganze Zeit über nichts anderes gewollt hatte, als in "einer Hardcore-Band, nach dem Krach" zu sein.
Das, was, wenn man die Hülle der LP mal aufgerissen hatte, aus Songs wie "White Noise" oder "Good Day To Die" herausquoll, war ebenso intensiv zähflüssig und hatte die selbe Farbe wie das, was das tiefrote Cover wohl andeuten sollte. (AF)
Sleaze und Stardom. Konzept und Eitelkeit. Sex und Ironie, Retro und Jungs- Charme. Der Intellektuelle und die Geschichte. Fast wären TNT Jackson ein "ewiges Talent" geworden, das mehr von sich reden macht als es hermacht - dann kam "Lovers" und die Jungs aus dem Westen spielten wieder vorne mit im Diskurspopland. Die Platte ist verspielt und sexy, sie spielt mit Identitäten, Traditionen und Ererbtem und sie spielt in dem Ort, den Lads in Overalls mit einer fixen Festplatte in diesem Gewirr überhaupt noch finden können. (BJ)
Zwischen Jammen und Jammern ist es nur ein schmaler, buchstabenförmiger Grat, aber über die Periode hinweg, in der Rubert Huber und Richard Dorfmeister sich zusammensetzten, um das Ideen-Confetti für ein eventuelles neues Werk in den Party/Proberaum zu streuen, da verspürten sie ob ihrer in mit der Regelmäßigkeit von Tosca-Releases vergleichbaren Intervallen in Empfang genommenen Söhne eine solch schier transzendentale Ungezwungenheit, dass gar nichts in die falsche Richtung gehen konnte. Und so stellten sie ihre neue Platte unter die Patronanz ihres Nachwuchses, indem sie sie nach dessen Initialien "J. A. C." (für Joshua, Arthur und Conrad) benannten, und setzten ihre vergnügliche Lebensreise auf den Pflastern des Funk, der Electronica, des Acid Jazz, des Dub und des Rock fort. Und konnten inmitten der entspannten Ko-Existenz all dieser Stile mit "Damentag" sogar einen echten, verfizierten Disco-Hit aufbieten. Während die sphärischen, auf eine beunruhigende Art und Weise betörenden Soundflächen in einem ein Gefühl auslösten, zu dessen Erlangung man sich nicht erst mit Kunst-Tierhäuten über das Gesicht fahren musste. (AF)
Ein vierköpfiges Trio mit einer Vorliebe für Saxofon, Flügelhorn und Electronics: Wilkommen in der skurrilen Jazz-Pop Welt von Trio Exklusiv. 2006 veröffentlichten die Wiener ihr Album "International Standards", das vom Cheap Records-Labelchef und Remixer Patrick Pulsinger produziert wurde. Die vier Herren im Anzug, deren Sound teilweise ein bisschen an Calexico oder Filmscores erinnert, arbeiten auch mal gerne mit heimischen Legenden wie Louie Austen zusammen. Trio Exklusiv, die sich 1999 zusammengefunden haben, sind mit ihrem Genre-übergreifenden Sound am Jazzfestival genau so daheim wie im Club. (BM)
Hier ist er. Der HipHop Genius als Bewahrer einer speziellen Vorstellung von Eleganz. Der Arrangeur als Herufbeschwörer des orchestralen Sleaze. Der Herbeizauberer eines dem Blick von Jean Pierre Leaud und der selbstverächtlichen Handbewegung von Jean Pierre Belmondo entsprechenden samtenen Grooves. Der windige Dieb und geduldige Wegelagerer, der die Brosamen aufsammelt, die halbvergessensn Zeichen auf der nur scheinbar geraden Road of Pop seit den süßen Zeiten des proletarischen Pop der Achtziger und des schleifenartig immer wieder Vererhrten regennnassen Glanzes der orchestralen Soundtracks der Sixties. (BJ)
title: Hookmix artist: Urbs length: 0:25 MP3 (412KB) | WMA
Velojet
Britpop lebt, und zwar in Steyr. Die junge Band Velojet lehnt sich mit ihrem Sound an zuckersüße 60er Jahre Melodien aus dem hohen Norden an. Die Band rund um den gelernten Jazz Gitarristen und Frontman Rene Mühlbacher legt großen Wert auf klassische aber doch verspielte Arrangements, wie ihr Debütalbum "Velojet" mit instant-Ohrwürmern wie "Your Side" zeigt. Im letzten Jahr haben Velojet bereits den Abend für The Killers eröffnet, und nebenbei auch noch unzählige Konzerte aufs ganze Land verteilt gespielt. (BM)
Ausgenommen von dem Amadeusvoting 2006 aus dem FM4 Universum sind - aus dem verständlichen Grund der Nepotismusvorwurfsgefahr - die Veröffentlichungen, an denen FM4 MitarbeiterInnen beteiligt waren. So müssen die 2005 erschienenen hervorragenden CDs von Florian Horwath, Heirstyle, Markante Handlungen, Parabol, Robert Rotifer und Sin leider bei der Wertung leider außen vor bleiben. Der obgenannte Grund der personellen Verflechtung der MusikerInnen mit FM4 sind hiefür der einzige und alleinige Grund.
Portraits von Albert Farkas (AF), Clemens Fantur (CF), Robert Glashüttner (RG), Barbara Matthews (BM) und Boris Jordan (BJ).
Das Voting läuft bis 19. April, 24 Uhr, dann stehen die fünf Nominees fest. Und am 25. Mai wird der Sieger, der FM4 Amadeus Award-Gewinner verkündet.
Das Voting ist beendet!
Amadeus 2006
The Nominees - Pt.1 78 Plus, Attwenger, Bauchklang, Christopher Just, Convertible, Dienz, Fuzzman, Heinz, Iriepathie, Jonas Goldbaum