Gemessen an der Breite der unabhängigen Szene und ihrer Wachstumsgeschwindigkeit wäre es nur gerecht, wenn FM4 nicht alle im letzten Jahr veröffentlichenden Musiker und Bands zu fünf Schlussnominees eindampfen müsste, sondern mindestens noch fünf Awards zur Verfügung hätte: "Pop/Rock", "Hiphop", "Newcomer", "Kunst", "Elektronik" und vor allem einen eigenen "Lifetime Award", der hier ausnahmsweise signalisieren würde, dass der Artist nicht etwa schon genug geleistet hat [und in Pension gehen darf] sondern der anerkennen würde, dass man Leute wie Hans Platzgumer, Heinz oder Christopher Just nicht gegen Newcomer antreten lässt und langfristige Verdienste nicht mit dem frischen Popwind über einen Award geschert werden dürfen. Aber wir haben auch heuer nur einen, DEN FM4 Alternative Award, aus per Webvoting erst die fünf Finalisten und dann die Sieger emittelt werden.
Hier kommen die 20 nominierten Bands des Amadeus Alternative Award 2006, präsentiert von FM4 RedakteurInnen:
78plus
Sampling ist nun wirklich nichts neues mehr, doch beim Konzept hinter dem Bandkollektiv 78plus haben wir es mit wesentlich mehr zu tun. Mit Hilfe des umfangreichen Schellack-Archivs des Band-Masterminds Otto Jekel werden Song-Skizzen erstellt, zu denen dann gemeinsam gejammt und produziert wird, bis neue, lebendige Musikstücke daraus entstehen, die nicht selten zu charmanten Ohrwürmern werden. (RG)
Politisch und gesellschaftlich stets gegen den Strich und unkonform unterwegs, haben die zwei Oberösterreicher und Amadeus Gewinner 2004 musikalisch ihren "Akkordeon-Schlagzeug-Stimme" Sound von Album zu Album mehr perfektioniert. Ebenso wie die beim ersten Hinhören vermeintlich dadistischen Dialekt-Texte, die durch wenige, meist repetitiv vorgetragenen Sätze meist mehrschichtiger und aussagekräftiger sind als so manches wortschwangere Protestlied. (RG)
St. Pölten und der lange Atem. Beim diesjährigen Eurosonic Festival, einer der wichtigsten Pop - und Veranstaltermessen in Europa, konnte man sie sehen, wie sie dem abgebrühten Kritiker- und Rockistenpublikum mit Nasenbass den Marsch bliesen.
Die Amadeus Doppelpreisträger 2002 treiben ihr Vocal Groove Project bei jedem ihrer zahlreichen Konzerte in ganz Europa an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit und ausverkaufte hallen in Belgien, Frankreich, Italien und Deutschland sind der Dank. (BJ)
Dandy und Clown gleichzeitig zu sein ist ein schwieriger Balanceact, den Herr Just aber schon seit Jahren perfekt meistert. Nach einer zehnjährigen Karriere in diversen "Wir-nehmen-euch-auf-die-Schaufel"-Projekten (Ilsa Gold, Punk Anderson) widmet sich Christopher Just seit 2005 wieder verstärkt seinem Soloprojekt. Die erste LP "Jeans & Electronics" wurde re-released und eine neue Platte namens "Roland Flick Fairmont Princess #1527", benannt nach einem mexikanischen Ex-Beachboy, der vergessen hat, die Notbremse zu ziehen, wurde veröffentlicht. Klare Sounds aus Drummachines und Synthesizer tönen aus den Boxen und lassen elektronische Pop-Tracks in der Luft schwingen, die erkennen lassen, dass dieser Mann genau weiß, was er tut. (RG)
title: Hookmix artist: Christopher Just length: 0:23 MP3 (376KB) | WMA
Convertible
Überall und Vorne. Das ist Hans Platzgumer seit 20 Jahren. Ob Indie Metal mit H.P. Zinker als leading Act auf Matador Records, ob Electronica auf Disko B oder als Produzent von Tocotronic oder den Goldenen Zitronen - der Innsbrucker Familienvater mit der Wahlheimat Bregenz hat mehr verschiedene Musik unter mehreren Pseudonymen veröffentlicht als ich hier Platz zum Aufschreiben hätte und war einsame Jahre lang der einzig international nennenswerte österreichische Künstler. Letztes Jahr hat er ein Buch über seine Karriere veröffentlicht und sich in einer Art finaler Kreisbewegung mit Convertible wieder dem Gitarrensong zugewandt, dem er in Post Grunge Zeiten den Rücken zugewandt hatte. Platzgumer singt und spielt wieder, aktueller und moderner denn je. (BJ)
Der Tiroler mit dem Mr. Baines Bart hat mehr künstlerische Facetten und musikalische Emanationen, als manche Band unterscheidbare Songs geschrieben hat. Christoph Dienz war Songschreiber und Bandleader des international operierenden akustischen Kollektivs "die Knödel", deren folklorebeeinflusster, kammermusikalischer Soundtrack- Pop die Avantgardisten und Erwachsenpop- Liebhaber von Tuva bis Montreal begeistert hat. Er ist klassisch ausgebildeter Fagottist, Dirigent und Komponist und liebt jeglische Art von Musik, von Hiphop bis vantgarde, von Hardcore bis Volksmusik, von Mozart bis AC/DC.
Sein im besten Picabia'schen Sinne "runder Kopf" entdeckte letztes Jahr seine Liebe zur Zither, brachte sie sich daraufhin autodaktisch selber bei und hat diesem Instrument, das er in der Tradition avantgardistischer Gitarreninterpreten mit allerlei traktiert und mittels Loop- Pedal mehrspurig auf sich selber treffen lässt , die wundervollsten und seltsamsten Grooves und Töne entlockt. (BJ)
Fuzzmans Mutter ist für sein Markenzeichen verantwortlich: Sie entwarf die allgegenwärtige Wollkappe auf der sein Name prominent aufgestickt ist. Hinter dem Pseudonym steckt Herwig Zamernik, Bassist von Naked Lunch, der dieses Jahr seine erstes Soloalbum veröffentlich hat. Fuzzman klingt nach kraftvollem Indie-Rock, optimistisch und charmant Lo-Fi. Bei Fuzzman wird genau so gerne zur Trompete gegriffen wie zum Keyboard und so werden unbeschwert alle möglichen Genres und Gefühle vermischt. Hier wird großer Wert auf die Melodien gelegt. Ganz weg von Naked Lunch bewegt sich Fuzzman Solo aber nicht, schließlich haben zwei Bandmitglieder am Album mitgewirkt.
Pfeife Schmauchen und Vierviertel-Laid Back. Die immerjungen Wiener, die einflussreichste Good Time Band des letzten Jahrzehnts, kürzlich zum Trio geschrumpft, begeben sich ihrem 10 Bestehensjahr entsprechend in eine Elder Statesman-hafte Zurücklehnpose und sind darin ungebrochen aktiv. Auch nach dem Weggang von Gitarrist Lelo Brossmann gibt es ein Heinz Album, eine Heinz Single [mit Hansi Lang] und eine Heinz Wochenendtour. Und auch beim Amadeus wollen sie es nochmal wissen. (BJ)
Ursprünglich von Lienz aus sendeten die beiden Brüder Professa und Syrix ihre ersten Riddims und Versions in die Welt hinaus. Und selbst nach Jamaika, dem Heimatland des Reggea, brachten es die beiden Musiker und Produzenten, als sie im Jahr 2004 auf dem "Reggae Sumfest" in Montego Bay spielten. Über die Jahre wurde auf der Insel ein kleines Netzwerk ausgebaut, und so reisen Professa und Syrix mindestens zwei mal im Jahr nach Jamaika, um dort ihre internationalen Features aufzunehmen. Mittlerweile betreiben die beiden Musiker nicht nur die Band Iriepathie, sondern auch ihr eigenes Label Irievibrations Records, auf dem noch dieses Jahre eine 7-inch Reihe und ein Labelsampler mit Musikern wie Luciano, Morgan Heritage, Anthony B, Gyptian, Natty King, Perfect, Leroy Smart und Turbulence veröffentlicht wird.
Wenn eine Band aus dem guten alten Bass, Schlagzeug, Gitarre-Konzept so viel herausholt, dass dabei der Tanzboden zu krachen und die Beine unweigerlich zu zucken beginnen, dann ist sie wohl etwas Besonderes. Zusätzlich wäre da auch noch das Mitgröhlen zu den weinerlich und exhaltiert vorgetragenen Vocals, die bequemerweise in deutsch gehalten sind. Guitar Dance Music vom Feinsten und Energetischsten. (RG)