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Wien | 27.3.2006 | 21:25 
Maßgebliche Musiken, merkwürdige Bücher und mühevolle Spiele - nutzloses Wissen für ermattete Bildungsbürger

Sonja, Pinguin, Rotifer

 
 
Nikki Sudden (1956- 2006)
  Nikki Sudden ist tot.

Kurz nach einem Konzert in New York ist der Songwriter aus bisher noch ungeklärten Gründen letzten Sonntag verstorben.
 
 
 
  Letztes Jahr hab ich ihn noch interviewt. Voller Angst, dass mir hier ein Todgeweihter gegenüber sitzen würde, ein vom anstrengenden, dreißig Jahre währenden Indie-Starleben ohne Geld und Schlaf gezeichnetes Wrack. Zuviele Konzerte hatte ich gesehen, wo der zeitweise in Deutschland lebende Sudden neben die Bühne gekotzt hatte oder raufgetragen werden musste, um während eines seiner ohnehin brüchigen Songs dann erneut von der Bühne zu purzeln. Sein Rockstartod war öfter prophezeiht worden, als der seines Vorbildes Keith Richards.

Umso überraschter war ich, als ich ihn sah, nüchtern, aufgeräumt, witzig, voller Pläne und Geschichten von der Zukunft. Er war aus Linz gekommen, wo er bei einem Filmfestival aufgetreten war, auf dem ein Film von Mika Kaurismäki, in dem er mitspielte und für den er die Musik geschrieben hatte, Uraufführung hatte. Er spielte im FM4 Studio ein paar Songs [auf mein Drängen sogar seine kongeniale Kurzversion von Fairport Convention's "Sloth"] sprach vom unerwarteten Tod seines Bruders und seinen vielen Plänen: Er wollte mehr Filmmusik machen, mehr schauspielen, Berlin den Rücken kehren und in sein neues Lieblingsland Georgien ziehen.
 
 
 
Nikki Sudden im FM4 Studio
 
 
Swell maps
  Nikki Sudden war immer eine rätselhafte Künstlerische Figur. Anfang der siebziger Jahre gründete er mit seinem Bruder Epic Soundtracks die experimentelle Prä- Punk Band "Swell Maps" als auf Musik dieser Art noch kein Mensch etwas gegeben hätte [außer, wieder mal: John Peel und, später, Geoff Travis von Rough Trade]. Sudden und Soundtracks waren Fans von sowohl T.Rex als auch Can und der bruitistischen Avantgarde, sie waren überzeugt vom D.I.Y. und dem Autodidaktentum, das später den Punks bei ihrer kleinen Revolution der Musikindustrie als ein Vorbild dienen würde. Die lärmigen Miniaturen der Swell Maps waren auch eine der ersten Musiken, die den jungen Nick Cave bei der Anreise von dessen Birthday Party in England begeistern haben soll. Und auch die Einstürzenden Neubauten verdankten dem Brüderpaar aus London und deren Einsatz von Kratzgeräuschen und Staubsaugern einiges.

 
 
Dave Kusworth & Nikki Sudden: The Jacobites
 
 
  Nach der [musikalischen] Trennung von seinem Bruder freundet sich Sudden mit Dave Kusworth an, einem Gitarristen und Songschreiber, der seine Vorliebe für Keith Richards und Dave Swarbrick ebenso teilt, wie die für Alkohol und der Mode des ausgehenden 18 Jahrhunderts.

Gekleidet in Samtrobe und Kopftuch, mit Talmiring und Seidenschal und von Alkohol und Schlafmangel getrübten roten Knopfaugen- als "the Jacobites"- leben sie das Image des stets einsamen auf der staubigen Strasse lebenden Landstreichers, Wegelagerers, Piraten und Poeten und sind in den achtziger Jahren Begründer eines massiven Sixties Revivals und [vor allem in Deutschland] zeitweise beliebter als Nick Cave oder Marc Almond, die anderen Indie Helden der zweiten Jahrzehnthälfte. Sudden ist das was man einen Mädchenschwarm nennen könnte. Der an den Schmuddel-Glamour der Indie-Welt noch nicht gewohnten Generation bringt er [und auf eine weniger erotisch angehauchte Art auch Shane MacGowan] die Figur des schönen Scheiterers bei, die sich bis zu Pete Doherty verfolgen läßt.

 Hippie, Poet, Pirat, Dandy- Highwayman: Nikki Sudden
 
 
  Sudden schrieb unentwegt Songs - manchmal 10 am Tag, zum Teil kann er sie nicht so schnell aufschreiben, wie sie ihm einfallen - und spielte dazu eine schwer nachzustellende, übersimple Dreiakkord-Westerngitarre zu der sein Freund Kusworth stets das passende Slide-uSolo fand. Das Unverwechselbarste an seiner Musik bleibt aber die stets leicht bis völlig neben der [logischen] Gesangslinie liegende jammervolle Stimme, unnachsingbar und oft unhörbar aber nie unglaubwürdig, die vom Tod erzählt, von der ewigen Liebe und der Rastlosigkeit des zur Wanderschaft verdammten und nach der Wahrheit suchenden. Ein musikalisches Universum, das Sudden auf hunderten Veröffentlichungen und Mtiwirkungen verewigt hat.

Für Einsteiger, die sich nun der Musik des zu früh Verstorbenen widmen wollen, seien empfohlen: "Texas", "Dead men tell No Tales", "Robbespierre's Velvet Basement" oder, mein Favorit, die Zusammenarbeit mit Johnny Fean und Raymond Carmody von den Horslips, "The last Bandits in the World "

Epic Soundtracks war vor einigen Jahren unerwartet gestorben. Nikki Sudden hatte gerade an Veröffentlichungen aus seines Bruders Erbe gearbeitet und ist ihm dieses Wochenende nachgefolgt.

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  nikkisudden.com
   
 
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