fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 26.11.2001 | 01:01 
Maßgebliche Musiken, merkwürdige Bücher und mühevolle Spiele - nutzloses Wissen für ermattete Bildungsbürger

Sonja, Pinguin, Rotifer

 
 
Lesestoff: 'Verschwende Deine Jugend'
  Jürgen Teipel ist ein netter und gewissenhafter Mann. Er spricht ruhig und vorsichtig über sein Buch. Über seine Arbeit mit 1200 Seiten Interviews mit 100 Leuten, die sich zum Teil nicht mehr ausstehen können oder zumindest aus den Augen verloren haben. Der eine erfolgreicher Wertpapiermakler, die andere Popstar, der eine Maler, der andere Heilpraktiker, ein 35-jähriger Großvater, ein zahnloser Aktionismus- und Elektronikpionier, der Nick-Cave-Gitarrist oder Fünf-Sterne-Deluxe-Manager, ein Psychiater und ein Professor. Was sie gemeinsam haben: Sie diktierten Jürgen Teipel die Story des deutschen Punk, der New Wave und des Ausverkaufs Neue Deutsche Welle.
 
 
 
Ratinger Hof
  In Düsseldorf geht alles los. Im Deutschland des Jahres 1977 gab es viele Parameter, die in ihrer Mischung von Repression, Dünkel und Fadesse das 'neue Ding aus England' greifen ließen. Autoritäre, zum Teil aus dem Nationalsozialismus übernommene Strukturen samt dazupassenden Protagonisten. Verschärfte Polizeigesetze als Reaktion auf die RAF, Radikalisierung der politisch Linksdenkenden als "Sympathisanten" und auf der anderen Seite liberale "Hippies" in Gestalt von Lehrern, Kulturmachern und Musikern in einer Watte aus 68er Nostalgie ["wir haben noch demonstriert"], Alternativmonopol ["links von uns gibt es nichts"] und Psychologisierung ["Lass uns drüber reden"]. In Düsseldorf ging das ganze von drei Leuten aus. Peter Hein, Franz Bielmeier und Carmen Knöbel. Die ersten beiden waren minderjährige Punks mit Witz und Phantasie, deren Stil die ganze Szene kopieren sollte. Carmen Knöbel hingegen besaß ein Lokal, ihr Mann Ina war Künstler. Carmen tat, was Punk war. In ihrem "Ratinger Hof" konnten die Leute sich prinzipiell einmal aufhalten, egal wie sie aussahen, was sie konsumierten oder was für Pläne sie hatten. Ein Freiraum. Das war Punk. Und der Freiraum füllte sich und was da drin zwischen Halbwüchsigen stattfand, war anders als alles davor.

 Das sieht noch gar nicht richtig nach New Wave aus: Peter Hein (Mittagspause, Fehlfarben, Family 5), 1977
 
 
  Alfred Hilsberg, erster unabhängiger Labelbetreiber Deutschlands: Punk war für mich nur der Auslöser, selbst was zu machen. Ich habe 1976 in London die ersten Punkbands gesehen und fand das Phänomen wirklich wahnsinnig. Es hat mich umgehauen, dass so was möglich war. Diese total bunte, verrückte Ansammlung von Leuten. Es gab zwar ein gewalttätiges Element. Aber das war nur Spiel. Das war ganz deutlich nicht ernsthaft, wenn die sich bekriegten [...] Es gab damals in Deutschland keine Jugendkultur. Der Zusammenbruch der ganzen K- Gruppen hatte ein großes Vakuum hinterlassen. Danach gab es nichts mehr was noch irgendwas mit der Wirklichkeit von Jugendlichen zu tun hatte.'
 
 
 
  Die Szenen und Stile sollten sich nach Düsseldorf vor allem in Berlin und Hamburg formieren, manche selbstzerstörerisch, mache gewalttätig, hedonistisch oder infantil.
 
 
 
Do It Yourself
  Provokation, Spaß, Pranking, Lärm, Koketterie mit Gewalt und Straightness, alternative Lebensentwürfe [wie es damals schön geheißen hat], ästhetische Umstürze, musikalische Experimente, Spielen mit Geschlechterrollen, Naziemblemen, bürgerlichen Looks, bis zur Verwirrung [und manchmal darüberhinaus] betriebene Bejahung von Geld, Stadt, Beton und Karriere - all das war unter dem D.I.Y. des Punk möglich. D.I.Y.- do it yourself. Mach, was du willst. Und mach es selbst. Alles ist möglich. Jeder kann alles machen. Und viele machten Musik. Und Witze - man sehe sich diese Bandnamen an:

FM Einheit, Andrew Unruh, Blixa Bargeld: Einstürzende Neubauten, 1979
 
 
Bandnamen
  Einstürzende Neubauten, Malaria, Mittagspause, [die genialen] S.Y.P.H, Kriminalitätsförderungsclub, Palais Schaumburg, der Plan, Male, Nichts, Ideal, Neonbabies, Deutsch-Amerikanische Freundschaft., Hans-A-Plast, Tote Hosen, die Tödliche Doris, Liaisons Dangereuses. Wenig davon, so Jürgen Teipel, ist noch erhältlich und bis auf die üblichen Verdächtigen - wer kennt diese Bands noch? Oder noch lustigere Bandnamen: Nachdenkliche Wehrpflichtige, Flying Klassenfeind, Liebesgier, Sprung aus den Wolken - klingt besser als Abstürzende Brieftauben oder Rosenstolz, nicht? War auch besser.

 Das sieht schon jetzt schon mehr wie New Wave aus: Inga Humpe (Neonbabies, heute: 2raumwohnung), 1978
 
 
Geschichtsschreibung in Anekdoten
  Andrew Unruh erzählt, wie er ein Schlagzeug aus Blechplatten und Stahlfedern zusammensucht, um es im verschimmelten Keller von Blixa Bargeld zusammenzuschweißen. Die Leute von DAF berichten, wie ein Absolvent der Grazer Jazzakademie und ein spanisches Gastarbeiterkind - auf der Suche weg vom Songformat - Techno vorwegnahmen, mit dabei auch der Spinner Chrislo Haas, der zwei Sequencer zusammengestöpselt und dann noch einen Superhit damit gelandet hat ['Los Ninos del Parque'- das gibt es noch]. Alfred Hilsberg spricht über das Explodieren vom Kleinlabel mit selbstgehefteten Platten zum Abzocken durch die großen Labels in der Zeit der Neuen Deutschen Welle. Campino und Trini Trimpop plaudern über Spaß und Gewalt im Punk, KFC über deren Prügelorgien mit dem Publikum ['4 gegen 400'] und Peter Hein schimpft über den Ausverkauf der Neuen Deutschen Welle. Ben Becker gesteht, wie er als 14-Jähriger Autos anzündete und Inga Hupe, wie peinlich es für sie war, nicht so cool wie Gudrun Gut zu sein. Viel ist die Rede über Szenen, Mode, Leder, Gummi und Plastik, den Blick nach England und dann nach innen, das 'Weiter-Voranschreiten' und 'Hinter-sich-Lassen', 'echte Punks' und 'Poser', Hippies und Krautrocker, 'Anrotzen' und 'Bei-den-Eltern-zuhause- Schuhe-ausziehen-Müssen' über das Dandytum in der politischen RAF und das Politsche im Dandytum derer Palais Schaumburg oder Fehlfarben [und der jungen Künstler aus Mühlheim und Hamburg, um die es hier aber nicht geht].

 Jürgen Teipel (Hg.), 'Verschwende deine Jugend'. Suhrkamp, 2001
 
 
  Und wie das alles sich verlor, selbst zerfraß oder gefressen wurde ... like Punk never happened.
 
fm4 links
  www.gesellschaftsinseln.de
'Verschwende Deine Jugend' - Homepage von Jürgen Teipel

fm4.orf.at/lesestoff
Mehr Lesestoff

Advent mit den Toten Hosen und Biermösl Blosn
Campino am Montag live zu Gast in Connected
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick