Seit knapp zwei Wochen sind in Österreich die GNU/Linuxwochen 2007 in Gang. Die Veranstaltungsreihe findet jedes Jahr in mehreren Bundesländern statt und ist über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten verteilt.
Letztes Wochenende bin ich nach Eisenstadt gefahren und habe dort unter anderem kyrah getroffen. Sie lebt vom Programmieren, sie ist Gastlektorin an der Fachhochschule Technikum und außerdem Aktivistin der Free Software Foundation Europe. In Eisenstadt hat sie zu ihrem Lieblingsthema gesprochen: "Freie Software für freie Menschen". Prinzipiell nichts Neues für mich, doch weil auf Veranstaltungen wie den Linuxwochen viel über technische, aber wenig über politische und kulturelle Fragen gesprochen wird, interessiert mich das Thema hier ganz besonders. Und kyrah vefügt über die Gabe, Missverständnisse rund um das Thema zu beseitigen. Zum Beispiel jenes, was "freie Software" eigentlich ist.
kyrah
Freie Software?
Freie Software räumt dem Nutzer vier Rechte ein:
1. das Recht, sie beliebig einzusetzen (egal wie und auf wievielen Rechnern)
2. das Recht, sie zu studieren. (was macht das Programm wirklich?)
3. das Recht, Kopien weiterzugeben.
4. das Recht, eigene Modifikationen weiterzugeben
Wir entwicklen uns mehr und mehr zur "digitalen Gesellschaft". E-Mail, E-Card, E-Government, Software steuert immer mehr Geräte, ihre Benutzung wird immer alltäglicher. kyrah: 'Wer kontrolliert diese essentielle Kulturtechnik? Wollen wir das ein paar Firmen überlassen?'
Mißverständnisse
Was ist eigentlich das Gegenteil von freier Software? Jedenfalls nicht: 'kommerzielle Software'. Denn auch Linux-Distributionen, die in Schachteln verpackt im Regal stehen, sind kommerzielle Produkte - und trotzdem freie Software. Mit freier Software darf auch Geld verdient werden. Programmierinnen wie kyra tun das, indem sie die Arbeitszeit verrechnen, in der sie Problemlösungen programmieren. Das fertige Programm aber darf frei kopiert werden.
Das Gegenteil von freier Software ist: proprietäre Software.
kyrah: Ich kauf mir ein Auto. Ich wäre gern in der Lage, dass ich das Auto selbst repariere. Wenn ich das nicht kann, gehe ich zu einem Freund, der sich auskennt und es reparieren kann. Wenn ich proprietäre Software kaufe, dann kann ich nur zu einem Hersteller gehen, ich muss in seine Garage fahren, er verlangt seinen Preis dafür und stellt seine Bedingungen für die Reparatur, denn nur er hat den Schlüssel für die Motorhaube und nur er weiß wie der Motor funktioniert. Das würde ich eigentlich nicht wollen. Ich hätte gerne, dass ich zu demjenigen gehen kann, dem ich vertrauen kann; der mir das beste Angebot macht.
Übrigens, noch ein verbreitetes Missverständnis: der Begriff "Open Source"-Software. Eigentlich kein Synonym für freie Software. Weil der Begriff Open Source nur auf eine der Freiheiten (den Code zu studieren) Bezug nimmt, die drei anderen wesentlichen Merkmale freier Software aber ausblendet.
Wissen
Software steht für kyrah in der Tradition der Wissenschaft. Hier prallen zwei Konzepte aufeinander: eines des Computerprogramms als Produkt, dessen freie Verteilung mittels Kopierschutz verhindert wird - und jenes des Computerprogramms als Wissen, das frei verteilt werden soll. Kopierschutz heißt: Wissen, in Form von funktionierendem Programmcode, wird unkopierbar gemacht, obwohl es grundsätzlich ohne Verlust kopierbar wäre. kyra: 'Die Akzeptanz des Kopierschutzmechanismus in der Bevölkerung ist deshalb so gering, weil er eine unnatürliche Sache ist. Wenn es am Anfang unserer Entwicklung schon Kopierschutz gegeben hätte, und die Idee, dass man Wissen nicht weitergeben darf, dann würden wir immer noch in Höhlen sitzen.
Die Linuxwochen gastieren dieses Wochenende in Graz, und in weiterer Folge auch noch in Krems und in Wien.