Die Open Source Community treibt mit dem Reverse Engineering von Second Life das Rennen um Standards im Metaversum an.
Im Mai 2006 gaben Hacker bekannt, dass sie das Second Life Protokoll mittels Reverse Engineering entziffert hatten. Als Ziel gab die Gruppe an, ein tieferes Verständnis für die Funktionsweise von Second Life erlangen und die virtuelle Welt besser in das Web einbinden zu wollen. Linden Lab, Betreiber des Second Life Grid, reagierte gelassen und begann, die Hacker-Community zu unterstützen. 2007 veröffentlichte die Firma selbst Teile des Programmcodes: Der Second Life Viewer war Open Source geworden - nicht jedoch die Server-Software, deren Geheimnisse die Hacker Community weiter erforschte. Und so ist das mittlerweile Open Simulator genannte Projekt heute eine Mischkulanz aus experimenteller Programmierkunst und offizieller Kooperation. Wohin es führt, ist 2008 deutlich absehbar: Zu einer Struktur von Parallelwelten, einem Multiversum aus unabhängigen Second Life Abkömmlingen.
Grids
Sie schießen wie Pilze aus dem Boden und tragen Namen wie Open Life, OS Grid oder Central Grid. Die Größe dieser virtuellen Welten reicht von nur einer Region (einem sogenannten "Stand Alone Simulator") bis zu mehreren hundert Regionen; die Zahl der registrierten Benutzer von einem Dutzend bis zu mehreren Tausend. Reisewillige melden sich auf der Website des jeweiligen Grid-Betreibers an und loggen sich dann mit dem normalen Second Life Viewer ein. Eine Modifikation der Software ist nicht notwendig, lediglich die Verknüpfung am Desktop wird mit einer kleinen Zusatzanweisung versehen. Die Schwierigkeiten gehen erst los, wenn man drin ist. Das Inventar aus dem offiziellen Second Life Grid ist nicht vorhanden. Transaktionen zwischen Usern sind größtenteils nicht möglich. Eine funktionierende Ökonomie gibt es nicht einmal ansatzweise. In diesen Punkten unterscheiden sich die verschiedenen "Open Simulator"-Grids derzeit nur marginal. Sie sind instabile Experimentierfelder mit nicht enden wollenden Fehlfunktionen. Und es ist trotzdem gut, dass es sie gibt.
Ideen
Als Ideenmaschine kann die Bedeutung der alternativen Grids nämlich kaum hoch genug eingeschätzt werden. Zuletzt hat das die Einbindung von Websites in Objekte der virtuellen Welt gezeigt: Sie ist nach Experimenten in mehreren Open Simulator Grids nun im offiziellen Second Life Grid Realität. Noch wichtiger ist die Arbeit der aus dem OpenSim-Umfeld stammenden Firma RealXtend: Sie hat erste Prototypen von Programmen veröffentlicht, mit denen Avatare und deren Inventar von einer virtuellen Welt in eine andere portiert werden können. Es sind diese "Reisefreiheit" für Avatare und die Schaffung der entsprechenden Schnittstellen, denen heute die größte Bedeutung zugemessen wird, wenn es um die Entwicklung des Metaversums jenseits proprietärer Onlinewelten geht.
Konsequenzen
Der vielleicht interessanteste Aspekt des "Open Simulator" ist der Zugzwang, in den Entwickler anderer Metaverse-Technologien durch das Open Source Projekt geraten. Die Schöpfer der Google Earth und der Microsoft Virtual Earth, aber auch kleinerer Plattformen wie Multiverse (frühere Netscape-Programmierer) oder das
Croquet Consortium: Sie alle haben Millionen in die Entwicklung ihrer Vision eines Metaversums gesteckt, sie alle wissen, dass es irgendwann ein standardisiertes Protokoll für die Portabilität zwischen Onlinewelten geben wird - und ihnen allen droht der Open Simulator das Wasser abzugraben, weil er dafür sorgen könnte, dass die Technologie der populärsten virtuellen Welt zu ebendiesem Standard wird. Wer die Konstruktionswerkzeuge, die Programmiersprache und das grundlegende Bedienkonzept von Second Life und damit Open Simulator bereits kennt, wird weniger motiviert sein, eine neue Plattform zu lernen - vor allem dann, wenn Open Simulator mehr bietet und gratis ist. Angenehmer Nebeneffekt der Beschäftigung mit den alternativen Grids: Als ich mich nach mehreren Tagen dann wieder ins offizielle Second Life eingeloggt habe, kam es mir geradezu stabil vor. Wer hätte das gedacht.
Mehr über die 'Open Simulator' Plattform gibt es am Freitag, den 18. April, in FM4 Connected (15 bis 19 Uhr).