'The Wrong Way' von TV on the Radio ist ein Schlüsselsong über neue Erscheinungsformen von Rassismus in den USA.
Die TV-Utopie
Nirgendwo funktioniert die multiethnische Gesellschaft besser als in der Fernsehwerbung: Menschen aller Hautfarben konsumieren gemeinsam Kartoffel-Chips, fahren "dolle" Autos und lösen Polizzen bei der selben Versicherung. Sie sind gleich und glücklich. Keine sozialen Barrieren, keine negativen Rassismen, keine kulturellen Unterschiede trüben dieses Idealbild des modernen Kapitalismus. Ob gelb, ob schwarz ob weiß: alle müssen fressen; alle wollen kaufen. Das ist in den USA nicht anders als in Österreich. Und natürlich ist dieses Medienidyll zynisch, verlogen und repressiv.
Das negative Positiv
Doch nicht nur die Fernsehwerbung treibt die ethnische Weichzeichnung der Realität voran (vgl. allein in New York sind über die Hälfte der afroamerikanischen Männer über 18 arbeitslos). In Kinofilmen wie 'Radio' oder The Green Mile werden rassistische Archetypen abgerufen und umgemodelt, die zwar durch "positive" Eigenschaften gekennzeichnet sind, jedoch die "Blackness" als Ursache für die teils debile, aber stets kindliche Gutmütigkeit der dargestellten Charaktere identifiziert. Auf der anderen Seite geben Rapper wie Red Man oder Snoop Dog in Filmen wie 'Carwash' , 'Soulplane' oder der gerade auf Fox 5 anlaufenden Comedy-Serie Method & Red den "schwarzen Mann" genau so wie ihn Rassisten gerne skizzieren: als Nachbarnschreck, Drogendealer oder Pimp; faul, furzend und fickend; interessiert nur an grünen Rauchblättern, schneller Kohle und wie Pudding wackelnden "buts".
Exkurs: bezüglich der sozialromantischen Verklärung von Hip Hop als 'Befreiungsmedium' per se sei an dieser Stelle wieder einmal an diesen Text von Werner Geier erinnert.
The Wrong Way
Eines der stärksten Statements zu den neuen, versteckteren Formen des Rassismus liefert die Band TV on the Radio aus Brooklyn/NY. Im Song 'The Wrong Way', der das wunderbare Debutalbum 'Desperate Youth, Blood thirsty Babes' eröffnet, geht es gleich in den ersten Textzeilen richtig zur Sache:
Woke up in a magic nigger movie
with the bright lights pointed at me
as a metaphor
teachin'folks the score
about patience, understandanding, agape babe
and sweet sweet amour.
When I realized where I was
did I stand up and testify
oh, fist up signify
or did I show off my soft shoe
maybe teach 'em a boogaloo
busy playin the whore
Oh, Blood thirsty Babes
TV on the Radio Sänger Tunde Adebimpe dazu:
"Es gibt eine Tendenz der Darstellung von Schwarzen in den US-Medien, die wir als 'Magic Nigger Phenomenon' bezeichnen. Im Mittelpunkt bestimmter Kinofilme steht zB. ein dunkelhäutiger Charakter, der fast wie ein Alien wirkt - mit übersinnlichen Eigenschaften; wie etwa die Fähigkeit zu Heilen in 'The Green Mile' oder 'The Legend of Bagger Vance'. Diese Person wird zunächst wegen ihrer Hautfarbe unterdrückt. Anstatt sich jedoch dagegen zur Wehr zu setzen, hilft dieses 'Alien' den Menschen mit guten Ratschlägen und Heilung schwerer Krankheiten und erhält im Austausch dafür die Anerkennung, ein 'Mensch' zu sein. Absurd ist das. Vollkommen absurd!"
Hungry for those Diamonds
Der Unmut von TV on the Radio richtet sich jedoch nicht nur gegen den lockeren Umgang der Medien mit Rassismen:
Oh loiterers united
indivisible by shame
hungry for those diamonds
served on little severed bloody brown hands
oh the bling drips
oh the bling drips down
fallin'down just like rain.
Tunde im FM4-Interview:
'Die Hip Hop Sache scheint momentan etwas aus dem Ruder zu laufen. Ich meine all die Acts & Rapper, die mit Gold und Diamanten protzen. Überall dieses funkelnde Protzen: sogar auf Hüten und Lenkrädern. Wenn man sich vor Augen führt, dass die meisten dieser Diamanten aus Südafrika kommen, aus Minen, in denen Kinder schuften, denen man die Hände abhackt, wenn sie beim Diebstahl erwischt werden. Wenn man sich das vor Augen führt und dann diese Typen mit ihren Diamanten besetzten Kreuzen von Community und Solidarität sprechen hört, dann ist das doppelt daneben.'
Dementsprechend direkt und kompromisslos geht der Song in eine dritte Phase über:
I don't wanna cast pearls to swine
I don't wanna march peacefully
no no no no no no no no no
new negro politician
is stirring
is stirring
is stirring inside me
no there's nothing inside me
but an angry heart beat
can you feel this heart beat?
Der Song endet:
Hey desperate youth!
Oh, blood thirsty babes!
Oh your guns are pointed
your guns are pointed the wrong way
your guns are pointed the wrong way
Tunde Adebimpe, Sohn nigerianischer Einwanderer, US-Staatsbürger, Sänger und Songschreiber von TV on the Radio aus Brooklyn; einer Band, die sich aus 4 Afroamerikanern und einem Weißen zusammensetzt, "keine Perlen vor Säue werfen will" und mit ´Desperate Youth, Blood thirsty Babes´ soeben eines der bemerkenswertesten Debutalben der letzten Jahre vorgelegt hat.