'Lullabies to Paralyze': im finstren Wald steht eine Wiege. Was ist da wohl drin?
Twilight
Jenseits der Wüste liegt Hollywood und ich komme gerade vom Mittelpunkt der Erde.
Der Taxi fahrende Armenier setzt mich mit einem breiten Grinsen vor dem weißen Hotel am Sunset Boulevard ab. Seinen "LA crazy City!"-Sager höre ich noch heute klar und deutlich, obwohl die Ereignisse schon gut 4 Monate zurück liegen; wahrscheinlich auch deshalb, weil dieser Satz anscheinend zum Standard-Repertoir armenisch stämmiger Taxifahrer in Los Angeles gehört. Weiß gekleidetes Empfangspersonal öffnet die Tür und lächelt wie Menschen nur in Kalifornien lächeln können.
Eine halbe Stunde zuvor trieb ich mich noch am Mittelpunkt der Erde herum und notierte spontane Assoziationen zum neuen QOTSA Album 'Lullabies to Paralyze', das ich - mit "Sondergenehmigung" - einmal ganz durchhören "durfte".
Der Mittelpunkt der Erde befindet sich in Santa Monica in einem streng bewachten Raum, der mit einer der besten Soundanlagen der Welt ausgestattet ist. In dieser abgedunkelten, hochkonzentrierten Atmosphäre würden wahrscheinlich sogar die Low-Fi Schalmeiereien eines Devendra Banhart klingen, als hätten sie die Wiener Philharmoniker eingespielt.
Zum Mittelpunkt der Erde wurde ich von einer lächelnden Dame der einladenden Plattenfirma, in deren US-Zentrale wir uns befanden, geführt. Wir wanderten durch endlos lange und verworrene Korridore und passierten hunderte (?) dieser amerikanischen Büro-Kojen, die wie Schuhschachteln aussehen.
"Schöne alte Welt" dachte ich, als ich den scharf bewachten Raum verließ und mit einer australischen Kollegin in Richtung Ausgang irrte.
Teilen sich keinen Spiegel mehr: Josh und Nick
Josh und das Rumpelstilzchen
Er lächelt nicht: Josh hüpft von einem Bein auf das andere, fummelt an seinem blauen Piratenkopftuch, sprintet schlussendlich zum Kühlschrank und macht sich noch eine Dose Bier auf. QOTSA "auch nicht wirklich" Neuzugang Troy Van Leeuwen (Ex A Perfect Circle) und der dauerrotzende "Doch noch" Schlagzeuger Joy Castellio lümmeln etwas verloren auf dem Sofa rum.
Wir befinden uns in einer Suite im 5. Stock des Hotels. Zu unseren Füßen liegt ein in Grau gehülltes Los Angeles - keine Spur von Sonne, Glanz und Glamour...
Wer hier das Sagen hat, wird schnell klar. Troy plappert alles brav nach, was Josh sagt, und der arme Joey snieft vor sich hin und weiß auch sonst, wo sein Platz ist.
Nun, da Nick Oliveri nicht mehr in der Band ist (Josh: "Wir sind immer noch Freunde..."), kann der "King of the Queens" ungehemmt seine eigene QOTSA Vision umsetzen. Doch beim Durchhören der neuen LP 'Lullabies to Paralyze' wird ohnehin schnell klar, wer auch schon früher die Hosen bei den Queens anhatte.
Neues Lineup (v.l.) Joey, Josh, Troy und Mark Lenegan (?). Nick Ersatz Alain Johannes fehlt noch am offiziellen ´Lullabies´Band Pic.
'Lullabies' ist ein Konzeptalbum, eine Platte, die metaphernreich den mentalen Zustand ihres Originators reflektiert. Es sind dunkle Wiegenlieder, die von einem Märchen-Thema zusammengehalten werden, das in der neuen Bandbio nachzulesen ist und ähnlich anmutet wie die 'Bremer Stadtmusikanten'.
Josh: "Es geht um vier Zuchtviecher, die von Bauernhöfen ausbuchsen und gemeinsam versuchen, ihrer wahren Bestimmung gerecht zu werden. They try to get lost. Auf der Reise begegnen ihnen allerlei Gestalten, die den Viechern erklären wollen, wo's lang geht. Diese aber lehnen sämtliche Ratschläge mit einem stolzen 'Fuck u up!' ab. Unsere Freunde wollen ihren eigenen Weg finden - auch wenn sie sich dafür auf unbekanntes Terrain vorwagen müssen. Es ist also eine Erzählung, die davon handelt, wie man absichtlich 'verloren' gehen kann."
Josh ist jedoch clever genug, diese Wegbeschreibung nicht mit Genre üblichen Hokus-Pokus-666- Kasperleien oder Hymnen an die Selbstvernichtung auszustatten und in einer "Rockoper" zu ersäufen.
Die immer wieder auftauchende Märchen-Metapher vom dunklen Wald und den wölfischen Gefahren darin lässt uns vielmehr an Homme's Reisen in die Tiefen des Unterbewusstseins teilhaben, in denen allerlei Kobolde, Dämonen und anderen Geister der Vergangenheit ihr Unwesen treiben - als Platzhalter für die Dinge, die uns das Leben so schön schwer machen. You name it...
"King of the Queens"
Darkness
'Lullabies' beginnt mit einer fast Nick Cave artigen Ballade, die von Dauergast Mark Lanegen (Ex Screeming Trees) angestimmt wird und auf den märchenhaften Plot von Lullabies einstimmt. Dann folgen QOTSA typische Riffmonster wie 'Medication', 'Everybody knows that you are insane' (Ode an Nick?) und mein absolutes Lieblingstück 'Tangled up in Plaid', das - laut Homme - den momentanen Entwicklungsstand der Band am besten reflektiert und von den Dreien im Hotelzimmer unisono als der "Cadillac des Albums" bezeichnet wird (Farbe rot).
Und plötzlich bricht das Auge, das Licht, die Musik. Mit dem Centerpiece der Platte, dem 7-Minüter 'Someone's in the Wolfe' springt der Hochgewschindigkeitszug aus den Schienen und bohrt sich tief in den Schlamm der Wüste nach dem Regenguss. An Kyuss und das erste, selbstbetitelte Queens of the Stone Age Album erinnernde Stoner-Stücke dominieren die zweite Hälfte von 'Lullabies'.
Josh: ."Ab da löst sich alles zunehmend auf, Konturen verschwimmen. Alles verliert an Farbe. 'Someone's in the Wolf' markiert die Dämmerung. Danach wird es dunkel, sehr dunkel. Anders ausgedrückt. Die ersten Songs auf dem Album gleichen einer Serie von Schlägen gegen den Kopf und auf die Brust. Der Rest ist das dröhnende Gefühl, dass sich danach einstellt.".
Neuzugänge bei QOTSA: die Gebrüder Grimm.
title: Prime Cuts artist: Queens Of The Stone Age length: 1:18 MP3 (1.261MB) | WMA
In den Momenten in denen Josh am Sofa sitzt, ruht er in sich wie ein Fels. Seine Worte kommen präzise und überlegt. Fast jeder Gedanke schließt mit einer Pointe, die das "Rumpelstilzchen aus der Wüste" dazu nützt, wieder hochzufahren und unrastig im Hotelzimmer auf und abzulaufen.
Josh versteht es meisterhaft, sein Gegenüber in Bann zu ziehen. Die Schnurren über die Zusammenarbeit mit Bill Gibbons von ZZ Top, Shirley Manson von Garbage, seiner Freundin und Distillers Sängerin Brody Dale und die Geschichten hinter den Songs von 'Lullabies to Paralyze' erzählt er in deftigen Worten und immer sehr - äh - anschaulich.
Dass Josh vielleicht der beste Interviewpartner der Welt ist, könnt ihr die nächsten paar Tage über im Rahmen des 'FM4-Albums der Woche' oder im 'FM4-House of Pain Special' am kommenden Mittwoch hören. Der "King of the Queens" steht zwar für Testosteron gleiteten Macho "I wasn't gonna have U anyway" Schmock; aber seine Antworten, seine Ansätze, seine Gedanken gehören mitunter zu den Interessantesten des ganzen Rockzirkus.
Mittlerweile sind die 30 Minuten Interviewzeit beinahe um.
Joey gibt sich noch immer Mühe, nicht allzu laut ins Mikro zu rotzen. Troy sagt gar nichts mehr, und Josh hat sich gerade über den pädagogischen Mehrwehrt der Märchensammlung der Brüder Grimm warm geredet, da winkt und lächelt auch schon wieder die Dame von der Plattenfirma.
Das Interview ist zu Ende.
Ich muss mich ohnehin sputen, denn 3 Stockwerke weiter oben wartet schon der nächste Interviewpartner, ein kleiner schmächtiger Blondschopf, der in seiner Kindheit in der Nachbarschaft Guero gerufen wurde...
B: "Hey Josh, nu schick doch endlich den Jungen rauf. Ích will endlich nach Hause!"
QOTSA - House of Pain Special am Mittwoch (23.03) ab 22 Uhr