Noch immer hallt das Gelächter der bösen Buben in meinen Ohren. Bisweilen sehr ausgelassen ging es beim Interview mit den Queens of the Stone Age zu. Ich weiß, dass es ab jetzt etwas ruhiger werden würde. Während Josh Homme seine fünfte Dose Bier an diesem Nachmittag leert, bereite ich mich auf die "Audienz" bei seiner Indierock-Majestät Beck vor. Sie findet im gleichen Hotel in LA, nur 3 Stockwerke weiter oben statt.
Die lächelnde Dame von der Plattenfirma holt mich aus dem Konferenzraum ab. Dort hängen Journalisten aus der ganzen Welt ab, trinken Kaffee, tauschen Visitenkarten aus und bereiten sich auf ihr Interview vor - mehr oder weniger. Die Holländer und Schweden sind am freundlichsten, die Deutschen kennt man auf den ersten Blick und die VertreterInnen der ganz großen Medien wollen immer von einem wissen, "was der Typ da eigentlich für eine Musik macht".
Das hat etwas von der Atmosphäre kurz vor einer Schularbeit: Es wird kampfgelächelt, leichte Nervosität macht sich breit und alle kritzeln Zeichenhaufen auf Schummelzetteln.
Der Lift saust vom fünften in den achten Stock. Die lächelnde Dame von der Plattenfirma neben mir im Aufzug wirkt hinter ihrem Lächeln furchtbar gestresst. Kein Wunder. Sowohl Beck als auch QOTSA stehen am ersten von insgesamt 5 langen Interview-Tagen. Der Terminplan gleicht schon jetzt einem Chaos. Ich wurde nach Anfrage um einige "Slots" nach vorn geschoben, damit ich noch rechtzeitig meinen Flug zurück nach New York erwischen kann und also nicht als Autostopper durch den Midwesten gondeln muss... Die lächelnde Frau von der Plattenfirma lächelt mich für die Umstände, die ich ihr bereitet habe, eisern an.
In der weißen Suite
Er lächet ebenfalls: Beck wirkt entspannt und gut gelaunt, als ich neben ihm Platz nehme.
Wir sprechen über seinen Status als Musiker innerhalb der Alternative Music Szene der 90er Jahre, über die Ironie in seiner Musik, die ihm nicht nur einmal zum Vorwurf gemacht wurde (Stichwort "postmoderne Beliebigkeit") und natürlich über das neue Album 'Guero'.
Der "Bacharach für Slacker" versucht auf seinem neuen Longlplayer erstmals, das auf mehrere Alben verteilte Puzzle seiner musikalischen Persönlichkeit zusammenzusetzen. Auf 'Guero' trifft man auf den Discoking von 'Midnight Vultures' (1999) ebenso wie auf den introspektiven, an der Liebe leidenden Chanteur von 'Seachange' (2002).
Das wieder unter der Produktionsaufsicht der Dustbrothers entstandene Werk kann auch als Beck's "Los Angeles Platte" eingestuft werden. Der schmächtige Blondschopf hat in die Songs zahlreiche Referenzen an seine Heimatstadt eingeflochten ('Qué Onda Guero', 'Earthquake Weather', 'Rental Car'). Auf der Soundebene wird die vordergründige Gelassenheit immer wieder durch elegische Ein- und explosive Ausbrüche gestört. Die z.T. mörderisch schwarzen Lyrics erzeugen eine zusätzliche Spannung, die den apokalyptischen Nerv dieser durch latente Erdbebengefahr in ihrer Existenz gefährdeten Stadt für meine Begriffe sehr gut trifft.
Alter Glaube
"Da sind einige Kräfte, die sich reiben und um die Vorherrschaft kämpfen", meint Beck im Interview. Verwirrung stiftet die häufige Verwendung religiöser Phrasen und die Anrufung von Himmel, Gott, Hölle und Teufel auf 'Guero'. Nicht dass das etwa neu wäre (vgl. 'Devil's Haircut' auf 'Odelay'). Doch für jemanden, der sich zu einer Sekte bekennt, die ihren Mitgliedern über die Teilnahme an kostenintensiven Psychositzungen verspricht, sämtliche negative Energien zu eliminieren, beutelt es den lebenslangen Scientologen Beck Hansen auf 'Guero' gleich durch mehrere Atomkraftwerke schwarzer Energie.
Na, da wird sich Sektenstifter "Ron" wohl - ja wo auch immer (!) - umdrehen, denkt der Schelm in mir. Doch dann erinnere ich mich an die Beck-Geschichte, die ich für ein deutsches Popmagazin schreiben musste. Das Scientology-Outing platzte ausgerechnet in den Abgabetermin dieser Story und bereitete mir eine lange Nacht des (Selbst)Zweifels, die sich dann auch direkt in dieser Geschichte niedergeschlug.
Wie mit Beck's Outing schlussendlich umgehen, ist wohl jederfrau/manns persönliche Sache. Ich will hier auf alle Fälle nicht den Souveränen heraushängen lassen, der ich in dieser Angelegenheit einfach nicht bin. Vielleicht ist es die Nähe zu seiner Musik, die auch viel mit dem eigenen Aufwachsen (jaja in der späteren Phase) zu tun hat. Einfache Kunst/Künstler-Trennung ist hier bei mir jedenfalls nicht drin. Das überlass ich lieber altersklugen Zynikern, die sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit den inhaltlichen Substanzverlust von Popmusik bekritteln, um dann an andere Stelle Scientology als eine Hollywood/Lifestyle-Angelegenheit zu verharmlosen.
'Guero' ist zweifelsohne eine tolle Platte, doch trotz Zusammenführung seiner bisherigen Ansätze bleibt Herr Hansen auch weiterhin sein eigenes Rätsel.
Beck-Special
Den ganzen Dienstag über gibt es zum Album-Release ein großes Beck-Special auf FM4 zu hören.